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Undercover Boss

MedienjunkieSchwarzseher Wow. Die Reality-Show Undercover Boss ist echt beeindruckend. Besser kann man innerhalb einer Stunde nicht demonstrieren, wie kaputt der Kapitalismus ist.

In jeder Folge arbeitet der CEO (oder COO oder CMO oder Inhaber) eines möglichst großen Konzerns in seiner Firma vier Tage lang inkognito neben rein zufällig ausgewählten Mitarbeitern — die alle (rein zufällig!) ein todkrankes oder behindertes Kind haben oder Opfer vergleichbarer Schicksalsschläge wurden.

Natürlich stellt sich der CEO bei manuellen Tätigkeiten unglaublich ungeschickt dran (wie menschlich!), hält auch mal die Produktion auf ("Das Fließband läuft viel zu schnell! Wie schafft Ihr das nur?" — wie menschlich!) oder zerstört massenhaft Ware ("Ich hab fünftausend Burger-Brötchen zerstört!" — wie menschlich!), und in den Pausen interessiert er sich für Familie und Hobbies seiner "Kollegen" und für ihre Nöte und Sorgen (wie menschlich!).

Nach dieser intensiven, viertägigen Erfahrung verwandelt er sich wieder in einen Businesskasper, lässt die vier Mitarbeiter in Stretch-Limousinen vor der Firmenzentrale vorfahren, empfängt sie in seinem Chef-Büro und überrascht sie mit der Mitteilung, dass er gar nicht Hank Smith ist, sondern der CEO.

"Es hat mich so unglaublich stolz gemacht, neben dir arbeiten zu dürfen, du bist so gut in deinem Job und so hochmotiviert, und trotz deines schlimmen Schicksals so freundlich zu Kunden und immer gut gelaunt — ich möchte, dass du in all unseren Filialen Seminare hälst und allen zeigst, wie man freundlich zu Kunden und immer gut gelaunt ist. Natürlich gibt es dafür auch mehr Gehalt!" Dann wird der CEO total menschlich, und verspricht mit Tränen in den Augen, dass der Konzern alle Behandlungskosten für das todkranke Kind übernimmt. "Wir sind doch alle eine große Familie!"

Selbstverständlich folgt umgehend ein Einzelinterview mit der MitarbeiterIn, die mit Tränen in den — fest in die Kamera gerichteten — Augen erklären darf, wie wichtig es für sie ist, dass sich all die harte Arbeit endlich gelohnt hat, dass der CEO sich wirklich aufrichtig für die Sorgen der kleinen Leute in seinem Konzern interessiert und dass einem so was Tolles nur in Amerika passieren kann!

Schließlich stellt sich der CEO auf eine Bühne vor seine "gesamte Belegschaft" (also die vier "Glücklichen" und ca. zweihundert Mitarbeiter aus der Buchhaltung in der Konzernzentrale, die als Statisten herhalten müssen), führt ihnen auf einer Leinwand die witzigsten (und menschlichsten!) Szenen "der letzten Woche" vor (die bereits sendereif geschnitten vorliegen, obwohl der CEO "gerade erst" zurück ist) und erklärt dann in einer Rede, wie sehr es ihn berührt hat, mit diesen tollen Menschen zu arbeiten — auch und gerade menschlich — und dass er künftig ein besserer Chef — aber auch ein besserer Mensch! — sein wird. Dann werden die "Glücklichen" nochmal unter dem Applaus der "gesamten Belegschaft" vom CEO umarmt und eine Einblendung verrät uns, dass es dem todkranken Kind inzwischen viel besser geht.

Ich hab hier eine typische US-Folge beschrieben — die Serie wurde in Großbritannien entwickelt und in der UK-Folge, die ich zum Vergleich sehen konnte, ging es für den CEO noch vorrangig darum, herauszufinden, welche Arbeitsabläufe "an der Basis" verbesserungsbedürftig sind. Aber das war den Amis wohl nicht unterhaltsam und schon gar nicht menschelnd genug.

Wie krank muss der Kapitalismus sein — insbesondere in den Augen der Arbeitnehmer in USA und UK — wenn sogar der CEO des Weltkonzerns Chiquita glaubt, dass es der Teilnahme an einer solch krassen (und durchschaubaren) Propagandaveranstaltung bedarf?

Und wie viele Zuschauer kommen wohl auf die Idee, dass in einem System etwas generell schief läuft, wenn ein todkrankes Kind nicht die notwendige medizinische Versorgung bekommt, bevor ein CEO mit gefärbten Haaren, einem Dreitagebart, einer Coverstory und einer Fernsehcrew als Retter auftaucht? Oder wenn jemand sieben Tage die Woche und in drei Jobs arbeiten muss, um ein Kind auf ein College schicken zu können, bis endlich ein CEO kommt und die Ausbildungskosten übernimmt? Und was ist mit den anderen 49996 Angestellten des Konzerns, die weiter zu eben jenem Hungerlohn arbeiten müssen, mit denen die uns vorgeführten Mitarbeiter kaum über die Runden kamen — was dem CEO Tränen in die Augen trieb — aber keine Gehaltserhöhung erhielten, weil sie nicht vor der Kamera standen?

Sind wir in der Arbeiterklasse wirklich schon so verblödet, dass man sowas ausstrahlen kann, ohne dass es einen Aufstand gibt?

Lt. Wikipedia gibt es die Serie bereits in UK, USA und Australien; Versionen für Dänemark, Spanien, die Türkei, Schweden, Norwegen, Belgien, die Niederlande und Israel sind in Vorbereitung. Ich bin gespannt, wann wir dran sind.

Nachtrag, 8. Januar 2011: RTL hat sich die Rechte tatsächlich bereits gesichert (Hollywood Reporter, Quotenmeter), die Dreharbeiten laufen angeblich bereits und die ersten Folgen sollen 2011 ausgestrahlt werden. (Danke für den Hinweis, Maschinist!)

Nachtrag, 9. Januar 2011: DailyFinance wirft einen Blick auf die Einkommensverhältnisse der Beteiligten:

For example, GSI Commerce (GSIC) CEO Michael G. Rubin, who appeared in the first season of the show, brought home more than $2.3 million in 2009. By comparison, the average customer service representative at his company makes $10.16 per hour, or just over $20,000 per year. […]

With stock options included, Chris McCann, the president of 1-800-Flowers (FLWS), makes $1,311,031, or about 100 times the salary of a customer service rep at his company. The same goes for Great Wolf Lodge (WOLF), where the average call center employee makes about 1.1% of the $1.7 million that goes to CEO Kimberly K. Schaefer. And Michael White, CEO of DirecTV (DTV), brought home about $1.5 million in 2009, 100 times the average salary of a DirecTV customer service representative. […]

The most egregious income disparity is at Chiquita (CQB), the massive fruit company. With a $7.6 million paycheck, CEO Fernando Aguirre ranks as Undercover Boss's highest-paid executive. While it's difficult to determine the salaries of the unskilled migrant workers that he worked alongside, a higher-echelon production manager job at the company pays $56,000 per year, or 0.7% of Aguirre's salary.


So ein "Undercover Boss"-CEO verdient in den USA also das Hundertfache seiner Untergebenen. Laut RTL ist das in Deutschland natürlich ganz anders. Markus Küttner, RTL-Chef für Comedy- und Real Life-Formate, meint im Interview mit DWDL.de:

"Ganz aktuell bringen wir jetzt 'Undercover Boss', ein in den USA und England sehr gut gelaufenes Format, nach Deutschland. Da produziert die MME gerade für uns. […] Was wir gerade bei diesem Format wieder gemerkt haben: Es ist immer wieder schwierig, gerade solche Doku- und Real Life-Formate von einem Markt und von einem Kulturkreis in den anderen zu transferieren. Unternehmensbosse leben in den USA viel öfter in einem Elfenbeinturm, völlig jenseits der Realität. Aber in Deutschland gehört es zum guten Ton mit seinem Sportwagen auch ab und an mal zu Aldi zu fahren um einzukaufen. Das Gefälle ist bei uns nicht so groß." [Hervorhebung von mir]


Ja, nee, is klar. So ein Ackermann verdient im Jahr über zehn Millionen Euro. Das heißt dann ja wohl, dass ein Angestellter der Deutschen Bank durchschnittlich über €100.000 verdienen muss, wenn das Gefälle bei uns "nicht so groß ist." Und das Internet ist bekanntlich voller Schnappschüsse von Dieter Bohlen, der gerade ALDI-Tüten in den Kofferraum seines Bugatti Veyron packt.

Ich frage mich übrigens, ob die zuständige Landesmedienanstalt dafür sorgen wird, dass RTL bei der Ausstrahlung der deutschen Fassung "Dauerwerbesendung" einblenden muss.

Noch ein Nachtrag: Die Angestellten haben in den meisten Folgen keine Ahnung, warum sie in die Firmenzentrale bestellt werden. Es ist offensichtlich, dass sie von dem Moment der Einladung bis zur "Auflösung" ("Ich bin der CEO!") in der Regel davon ausgehen, dass sie wegen Fehlverhaltens in die Zentrale beordert wurden. Die Macher der Sendung halten besonders gern die Kamera drauf, wenn die Angestellten in der Limousine darüber spekulieren, ob sie jetzt ihre Kündigung auf den Tisch bekommen. Ganz schön zynisch, gell?

Nachtrag, 6. April 2011: Verbockt und Verbloggt stimmt zu, dass es sich bei Undercover Boss um eine Dauerwerbesendung handelt. Die deutsche Mainstreampresse ist zu großen Teilen vom Konzept begeistert (hier sei nur das ehemalige Nachrichtenmagazin als Beispiel angeführt). Überrascht?

Nachtrag, 24. April 2011: Das Ferrnsehblog bei der FAZ:

Die größte Schwachstelle ist, dass die Sendung viel zu mechanisch funktioniert. Die Teilnehmer aus den Chefetagen müssen in jeder Folge dieselben Sprüche aufsagen ("Es geht nicht darum, die Mitarbeiter zu kontrollieren"). Und am Ende werden die durch die Verkleidung ihres Chefs getäuschten Mitarbeiter in die Firmenzentrale eingeladen, aufgeklärt und kurios beschenkt. Vielen Geschäftsführern scheint es weniger um die Verbesserungsvorschläge zu gehen, die sich aus dem Rollentausch tatsächlich herausdestillieren ließen, sondern bloß um Publicity mit Wohlfühlende.

Der Pizzachef hat minimale Verbesserungen am Bestellsystem angekündigt und eine intensivere Schulung der Angestellten beim Teigrollen. (Obwohl nur er selbst damit Probleme hatte.) Wie schade: RTL opfert damit die schöne Chance gesellschaftlicher Relevanz simpler Firmen-PR.

Der Stromausfall

KabelfreakSchwarzseher Am Mittwoch morgen fiel bei mir zum dritten Mal in diesem Jahr der Strom aus. Mal wieder für über eine Stunde. Diesmal hab ich mir erlaubt, bei meinem regionalen Stromanbieter, den Dortmunder Stadtwerken, nachzufragen, was Sache ist:

Schönen guten Tag,

ich wohne seit einigen, wenigen Jahren in $ortsteil in $strasse.

Heute morgen, so zwischen 4:30 und 6:30, ist in $ortsteil für ein bis zwei Stunden der Strom ausgefallen. Das war das zweite Mal binnen relativ kurzer Zeit.

Aus meinem eigenen Arbeitsumfeld weiß ich, dass — wegen der halbwegs konsequent totgeschwiegenen, aber dennoch real existierenden Weltwirtschaftskrise 2.0 — in vielen Firmen ein Sparzwang ausgerufen wurde.

Wurde für die Dortmunder Stadtwerke auch das große Sparen angesagt?

Und, wenn ja, gibt's einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Sparen und den Stromausfällen? (Und wenn es so wäre, dürften Sie das zugeben einräumen?)

Bitte verstehen Sie meine Anfrage nicht falsch:

  • mir ist kein wirtschaftlicher Schaden durch den Stromausfall entstanden;

  • ich bin nicht mal Stromkunde bei Ihnen, sondern bei Lichtblick, weil ich sichergehen will, dass ich nicht für Atomstrom zahle und dass ein Konzern wie RWE so wenig wie möglich an mir verdient, und ich nicht sicher bin, ob das bei DEW21-Strom der Fall wäre;

  • ich bin total glücklich mit den restlichen Dienstleistungen von DEW21, ich bin insbesondere begeistert von der Wasserqualität (derart begeistert, dass ich inzwischen kein Wasser und keine Säfte mehr aus dem Laden nach Hause schleppe, sondern Saft-Konzentrat mit Leitungswasser verdünne).


Ich bin bloß neugierig und frage mich, ob es Zeit wird, mir für mein kleines, privates Heimrechenzentrum eine USV anzuschaffen, damit die Rechner wenigstens Zeit haben, sauber runterzufahren.

Mit freundlichem Gruß,
$name, $ortsteil


Die Antwort kam schon am nächsten Tag:

Sehr geehrter Herr $name,

zunächst einmal vielen Dank für Ihre Email.

In der Tat hatte DEW21 am 18.08.10 gegen 05:00 Uhr eine Mittelspannungsstörung (Netzfehler) die zum Stromausfall geführt hat. Desweiteren können Sie möglicherweise auch 02.08.10 von einer Stromstörung betroffen gewesen sein. Hierfür möchten wir uns natürlich entschuldigen.

Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass Störungen im Stromnetz nicht mit einem weltwirtschaftlichen Sparzwang zusammen hängen. Selbstverständlich ist DEW21 bemüht kostengünstig zu arbeiten und zu wirtschaften, dies geht aber auf keinen Fall zu Lasten der Versorgungssicherheit unserer Kunden. Als Beispiel kann ich Ihnen mitteilen, dass der bundesweite Durchschnitt im Bereich "Stromausfall" bei 17 Minuten pro Einwohner pro Jahr liegt, bei DEW21 sind es lediglich sechs Minuten.

Ein für den Bereich Strom zuständiger Kollege hat mir gerade mitgeteilt, dass eine USV bei Rechnern mit wichtigen Daten immer eine gute Lösung darstellt. Unsere Versorgungsqualität liefert allerdings keinen Grund sich eine solche anzuschaffen.

Wir freuen uns, dass unser Wasser Ihnen so gut schmeckt und Sie mit DEW21 zufrieden sind. Bei Interesse, da Sie ja Lichtblickkunde sind, schauen Sie sich gerne unter www.dew21.de unsere zertifizierten Grünstromprodukte an.

Mit freundlichen Grüßen

i.A. Dr. $dew21_name
Unternehmenskommunikation


Ich konnte mir nicht verkneifen, hierauf zu antworten:

Sehr geehrte Frau Dr. $dew21_name,

vielen Dank für Ihre schnelle und ausführliche Antwort auf meine Mail vom Mittwoch.

Sie schreiben:

Als Beispiel kann ich Ihnen mitteilen, dass der bundesweite Durchschnitt im Bereich "Stromausfall" bei 17 Minuten pro Einwohner pro Jahr liegt, bei DEW21 sind es lediglich sechs Minuten.


Das ist beruhigend zu hören, das bedeutet ja, dass ich — rein statistisch gesehen — mindestens für die nächsten zehn Jahre nicht mehr mit Stromausfällen rechnen muss. Richtig?

Wir freuen uns, dass unser Wasser Ihnen so gut schmeckt und Sie mit DEW21 zufrieden sind. Bei Interesse, da Sie ja Lichtblickkunde sind, schauen Sie sich gerne unter www.dew21.de unsere zertifizierten
Grünstromprodukte an.


Ich würde nur allzu gerne auf dieses Angebot eingehen, weil ich kommunale oder regionale Lieferanten immer vorziehe, wenn mir die Wahl bleibt.

Ich verfüge leider nicht über Fachwissen in diesem Bereich, mir ist lediglich bekannt, dass es zahlreiche Möglichkeiten gibt, herkömmlichen Strom "grünzurechnen" — $eine_firma verkauft z.B. Strom aus norwegischen Wasserkraftwerken oder so, auf dem tolle, grünliche Labels pappen, der aber unterm Strich wirklich gar nix dazu beiträgt, die Energieversorgung in Deutschland in die (in meinen Augen) richtige Richtung zu bewegen.

Es fehlt mir also einfach die Möglichkeit, einzuschätzen, ob ich durch einen Wechsel zu DEW21 tatsächlich "etwas Gutes tue", oder ob ich da nur auf Marketingaugenwischerei reinfalle und schlussendlich mehr von meinem Geld bei RWE landet, um dort für Propagandakampagnen für Atom- und Kohlestrom oder die Bestech Beeinflussung von politischen Entscheidungsträgern eingesetzt zu werden.

Dass DEW21 intensivst mit RWE zusammenarbeitet, erweist sich ja schon bei einer einfachen Google-Suche nach "RWE DEW21". Da erfährt man dann, dass die Hälfte von DEW21 der RWE gehört.

Netter Versuch!

Nix für ungut,
--
$name, $ortsteil


Ich könnte wetten, dass ich hierauf keine Antwort mehr bekommen werde. Falls doch, werde ich die gerne hier nachtragen.

Nachtrag, 27. August 2010: Es kam noch eine Antwort, aber das war nur ein bedeutungsloser Marketingspruch.

Zeitlose Zitate zur Krise (oder: Und sie wiederholt sich DOCH!) (mit Nachtrag)

Schwarzseher Globalisierung:
"Allen Völkern sollte inzwischen lebendig vor Augen geführt sein, daß das Schicksal jedes Staates mehr denn je in der Vergangenheit mit dem Schicksal seiner Nachbarn verflochten ist."

Unausgeglichener Außenhandel:
"Kein Staat kann auf die Dauer einen wirklichen Vorteil aus der Not der anderen Länder erwarten."

Banken-Bailout:
"Die verderblichen Folgen politischer Zahlungen ohne wirtschaftliche Gegenleistungen haben die gesamte Weit ohne Ausnahme in heute noch unabsehbare Bedrängnis geführt."

Konjunkturprogramme:
"Die weitschauende Initiative des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika hat leider nur eine vorübergehende Erleichterung geschaffen, so groß auch ihre Bedeutung war und so dankbar sie vom deutschen Volk empfunden wurde."

Sparpakete:
"Die Regierung nimmt es für sich als einen Erfolg in Anspruch, daß sie rechtzeitig und als erste im Kreis der großen Nationen mit entscheidenden Sparmaßnahmen in den öffentlichen Ausgaben und mit möglichster Senkung der Erzeugungskosten begonnen hat."

Stabile Währung:
"Dieses Programm hat als erste Voraussetzung die Aufrechterhaltung der Stabilität unserer Währung, an der unter keinen Umständen gerüttelt werden kann."

Entwicklung am Arbeitsmarkt:
"Daß alles nicht so falsch ist, beweist ja auch die Tatsache, daß selbst in dem Augenblick der schwersten Krise es nicht so ist, daß die Arbeitslosigkeit in den vergangenen vier Wochen in einem Umfange gestiegen ist, wie wir ihn ursprünglich nach der Lage der ganzen Weltsituation uns selbst berechnet hatten."

Ja, das ist der Beweis. Danke, Herr Brüning. Die Zitate entstammen seiner Regierungserklärung vom 31. Oktober 1931.

Okay, bei zwei Punkten ("Unausgeglichener Außenhandel" und "Banken-Bailout") hab ich gemogelt — da bezog sich Brüning in Wahrheit auf die Reparationszahlungen. Und das große Konjunkturpaket kam dieses Mal nicht aus den USA, sondern aus China. Aber ist es nicht gerade zu unheimlich, wie sehr die Zitate auf die heutige Situation passen? Besonders die Bemerkung zur Arbeitslosigkeit. Anscheinend wussten die vor achtzig Jahren auch schon, wie man Statistiken fälscht.

Auch nicht schlecht: "Der oberste Grundsatz für die Finanzpolitik jeden Staates, und ganz besonders natürlich für die Finanzpolitik eines Staates, der sich in einer solchen Notlage befindet wie der preussische Staat, ist der, dass nicht mehr Geld ausgegeben werden kann, als eingenommen wird. Die preussische Staatsregierung ist aus dieser Erkenntnis heraus entschlossen, dem Parlament unter allen Umständen einen ausgeglichenen Etat vorzulegen." — Otto Klepper, preussischer Finanzminister, 23. Dezember 1931

Der Unterschied zwischen damals und heute ist natürlich, dass wir damals wirklich Schulden hatten, während wir heute, volkswirtschaftlich betrachtet, dem Rest der Welt gegenüber Gläubiger sind. Ja, wenn man die Staatsverschuldung auf die achtzig Millionen Bewohner Deutschlands umlegt, steht jeder mit €20.000 in der Kreide — aber dafür gehört ihm auch ein entsprechender Anteil der staatlichen Infrastruktur, u.a. fünfzehn Zentimeter Autobahn und fast ein Meter Schiene. Und wenn man alleine das Barvermögen (ja, Bargeld!) in Deutschland auf alle Bewohner verteilen würde, hätte jeder, nach Tilgung der Schulden, noch ca. €40.000 übrig (…wenn Ihr einen auf schwäbisches Milchmädchen macht, darf ich das auch).

Das Problem ist in meinen Augen nicht, dass wir nicht genug haben und wir uns mit Staatsschulden an den kommenden Generationen versündigen — die kriegen nämlich nicht nur die Schulden vererbt, sondern auch die dazu gehörenden Forderungen und die damit geschaffene Infrastruktur. Das Problem ist, dass die Staatsschuld nur einer von vielen Mechanismen in unserer Gesellschaft ist, die "von unten nach oben" umverteilen. Würde, wie so oft behauptet wird, mehr "von oben nach unten" umverteilt, würden die Zahlen (z.B. der OECD oder des statistischen Bundesamtes) ja nicht Jahr für Jahr zeigen, dass sich "Wohlstandsgefälle" und "Einkommensdisparität" vergrößern.

Als die USA mal so richtig nötig Geld brauchten, holten sie es sich von den Reichen. Income tax in the United States (Wikipedia, Hervorhebung von mir):
  • During World War I, the top rate rose to 77% and the income threshold to be in this top bracket increased to $1,000,000 ($16 million 2007 dollars); after the war, the top rate was scaled down to a low of 24% and the income threshold for paying this rate fell to a low of $100,000 ($1 million 2007 dollars).
  • During the Great Depression and World War II, the top income tax rate rose from pre-war levels. In 1939, the top rate was 75% applied to incomes above $5,000,000 ($75 million 2007 dollars). During 1944 and 1945, the top rate was its all-time high at 94% applied to income above $200,000.


Hat schon mal jemand was davon gehört, dass es den Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg schlecht ging, weil 1944/45 die ganzen Leistungsträger ausgewandert sind? Ich auch nicht. Und wir müssten nicht mal einen Krieg gewinnen, sondern erst mal bloß dafür sorgen, dass es keine Kinder mehr gibt, die mit knurrendem Magen zur Schule gehen, und dass sie alle, ungeachtet ihrer Herkunft, eine ordentliche Bildung bekommen können. Aber nicht mal das ist uns wichtig genug, um dafür auf die Straße zu gehen (und uns für unsere Überzeugungen ein bisschen Dresche von den Freunden und Helfern abzuholen). Die haben uns prima dressiert.

Nachtrag, 28. Juni 2010: Krugman:

Neither the Long Depression of the 19th century nor the Great Depression of the 20th was an era of nonstop decline — on the contrary, both included periods when the economy grew. But these episodes of improvement were never enough to undo the damage from the initial slump, and were followed by relapses.

We are now, I fear, in the early stages of a third depression. It will probably look more like the Long Depression than the much more severe Great Depression. But the cost — to the world economy and, above all, to the millions of lives blighted by the absence of jobs — will nonetheless be immense.

And this third depression will be primarily a failure of policy. Around the world — most recently at last weekend’s deeply discouraging G-20 meeting — governments are obsessing about inflation when the real threat is deflation, preaching the need for belt-tightening when the real problem is inadequate spending.


Und warum haben wir in Deutschland dann nicht viel mehr Arbeitslose, wenn wir alles falsch machen? Na, dieser (minimale) "Aufschwung" wird einzig vom Export getrieben, das spricht dafür, dass wir gerade vom "Inventory bounce" profitieren: Firmen, die lange wenig produziert und ihr Lager abverkauft haben, erhöhen ihre Produktion, um ihr Lager wieder auf das alte Niveau zu bringen:

Firms usually keep a certain amount of inventory. When an economy faces a recession, sales might be unexpectedly low, which results in unexpectedly high inventory. In the next period, firms cut production so that inventory will drop to their desired levels, which results in even lower GDP. Subsequently, firms might increase the production back up to maintain the usual level of inventory, which causes the GDP to bounce back. This bounce back is called an inventory bounce. (Wikipedia)


…und wenn das Wachstum überwiegend auf diesen Effekt zurück zu führen ist, ist der Spaß nicht von langer Dauer. Mal ganz abgesehen davon, dass unsere Arbeitslosenzahlen zum einen so schön sind, weil wir sie so gründlich fälschen, und dass es im Rest Europas oder auch nur des EU-Raums teilweise sehr viel schlechter aussieht — siehe oben: "Allen Völkern sollte inzwischen lebendig vor Augen geführt sein, daß das Schicksal jedes Staates mehr denn je in der Vergangenheit mit dem Schicksal seiner Nachbarn verflochten ist."

Der iehwo-Vollpreisspieleklima-Index

MedienjunkieSchwarzseherSpielkind Das iehwo-Institut befragte eine nicht kommunizierte, aber feste Anzahl von Vollpreisspielekäufern nach ihren Vollpreisspielepreiswachstumserwartungen für das nächste halbe Jahr. Der daraus per Excel ermittelte und um konjunkturelle Schwankungen unbereinigte iehwo-Vollpreisspieleklima-Index beträgt für Weihnachten 2010 €80 (i.W. achtzig Euro). Dies entspricht gegenüber dem Ist-Wert von €60 für Premiumspieleangebote auf Premiumspielekonsolen einer Steigerung um über dreißig Prozent. Um eine Reaktion gebeten, erklärten führende Vollpreisspielexperten, dass eine populäre Marketingstrategie aus dem Lebensmittelhandel verstärkt Einzug in den Vollpreisspielemarkt halten könnte: die sog. Mogelpackung Single-Haushalt-gerechte Inhaltsverschlankung bei gleichbleibender Packungsgröße und stabilem Preis.

Gürtel (für ein Jahrzehnt) enger schnallen (mit Nachträgen)

Schwarzseher Die Kürzung der Staatsausgaben um ein Prozent des Bruttosozialproduktes führt in der aktuellen Situation — grob geschätzt — zu einer Verschlimmerung der Arbeitslosigkeit um 0,75%, reduziert dafür die Schuldenlast in der Zukunft um weniger als ein halbes Prozent des Bruttosozialproduktes.

Welche Folgen es hat, wenn man dem "zarten Pflänzchen" (O-Ton Merkel) die Wurzeln kappt, hat uns Japan in den 90ern vorgemacht. Wirtschaftswissenschaftler bezeichnen das, was folgte, als "verlorenes Jahrzehnt" ("Lost Decade").

Wir steigen jetzt, nach der Bewältigung der Krise, in die Exit-Strategie ein.

— Angela Merkel, 7. Juni 2010


Krugman scheint nicht ganz so überzeugt davon, dass die Krise schon bewältigt ist, und argumentiert, dass sich Konjunkturmaßnahmen immer noch so sehr lohnen, dass ihr Einfluss auf die Staatsverschuldung langfristig vernachlässigbar ist:

So how much we spend on supporting the economy in 2010 and 2011 is almost irrelevant to the fundamental budget picture. Why, then, are Very Serious People demanding immediate fiscal austerity?

The answer is, to reassure the markets — because the markets supposedly won’t believe in the willingness of governments to engage in long-run fiscal reform unless they inflict pointless pain right now. To repeat: the whole argument rests on the presumption that markets will turn on us unless we demonstrate a willingness to suffer, even though that suffering serves no purpose.

Paul Krugman, 7. Juni 2010


Ich finde es übrigens bemerkenswert, dass jetzt schon der Revisionismus losgeht. Die Ursache für alle aktuellen Probleme ist ja lt. Hans-Olaf Henkel und Konsorten die Staatsverschuldung Griechenlands. Dass die uns kaum jucken würde, wenn Portugal, Irland, Spanien, Italien usw. nicht als unmittelbare Folge der Finanzkrise auch in Schieflage geraten wären, wird dabei übergangen. Interessantes Argument von Bofinger in einer der schönsten Phoenix-Runden des letzten Jahres: vor der Finanzkrise war der deutsche Staatshaushalt ausgeglichen, die Neuverschuldung ist praktisch vollständig auf die Finanzkrise zurückzuführen (höhere Sozialausgaben, niedrigere Steuereinnahmen, Konjunkturprogramme wie die Abwrackprämie, Bankenrettungen). Wir zahlen also doch für Eure Krise.

Wie kommt das eigentlich, dass unser Staat jetzt so hohe Defizite hat? Im Jahr 2008, bevor die Krise ausgebrochen ist, war ja alles im Gleichgewicht: da hatten wir genau so viel Einnahmen wie Ausgaben. Wenn jetzt die Ausgaben so viel höher als die Einnahmen sind, dann hat das ja nicht damit zu tun, dass mehr Geld für die Schwachen, für die Sozialhilfeempfänger ausgegeben wurde, sondern es hat damit zu tun, dass der Staat durch die Finanzmarktkrise massive Belastungen hat, dadurch dass Banken gerettet wurden, aber — das ist ganz wichtig, wenn man über diese Bankenrettung spricht — es wurden ja nicht in erster Linie die Banken gerettet, sondern die Bürger, die ihre Vermögen bei Banken und Versicherungen haben. Die sind ja gerettet worden, denn wenn die Banken nicht gerettet worden wären, dann wäre das ganze Geld bei den Banken weg gewesen. D.h., die staatlichen Mittel, die jetzt aufgewendet wurden, dienten in erster Linie den Menschen mit höheren Vermögen, mit höheren Einkommen und deswegen finde ich es völlig okay, dass dann auch diese Bürger einen höheren Teil der Belastung tragen als Bezieher von Arbeitslosengeld II. […]

Ich glaube, es ist wichtig, dass man jetzt diese Krise nicht zum Anlass nimmt, unseren Sozialstaat zu demolieren. Darin sehe ich eine riesengroße Gefahr und das ist ja auch eine Strategie, die man erkennen kann: man macht erst eine Schuldenbremse, dann senkt man massiv die Steuern, dann sagt man, jetzt hat man kein Geld mehr, und dann sagt man, man muss am Sozialstaat sparen. Das ist eine ganz gefährliche Strategie mit der man versucht, unseren Sozialstaat in einen Magerstaat umzuwandeln und ich sehe die große Gefahr, wenn man diesen Weg weitergeht — und wir sind diesen Weg im letzten Jahrzehnt schon gegangen — dass der Konsenz zur Marktwirtschaft in der breiten Öffentlichkeit schwindet. […]

Der Schuldenberg entstand durch drei Schübe: erstens: deutsche Einheit — großer Schub, der eben massiv die Verschuldung nach oben getrieben hat; war, glaube ich, unvermeidbar, oder? Die zweite Zunahme der Schulden fand statt in der ersten Hälfte des letzten Jahrzehnts, von 2000 bis 2005 — wissen Sie, warum? Nicht, weil der Staat seine Ausgaben erhöht hat, die hat er nämlich gesenkt, sondern weil wir massiv die Steuern gesenkt haben und der dritte Schub des Schuldenbergs war jetzt die Finanzmarktkrise — auch unvermeidbar. Von daher sind diese Schulden überhaupt nicht Ausdruck dessen, dass unser Staat nicht mit dem Geld umgehen kann — und wenn Sie mal die Staatsausgaben nehmen, bezogen auf die Wirtschaftsleistung, die so genannte Staatsquote, dann war die 1989 bei 48% und ist dann bis 2008 auf 44% gesenkt worden, was hundert Milliarden jährlich weniger bedeutet. Also das Bild des Verschwenderstaates ist schlichtweg falsch.

— Peter Bofinger in der Phoenix-Runde vom 3. Juni 2010


Nachtrag, 15. Juni 2010: Die NachDenkSeiten zitieren Heiner Flassbeck:

Das sogenannte Sparprogramm der schwarz-gelben Regierung wird in die Geschichte eingehen. Aber nicht als der endgültige Durchbruch in Sachen Staatsverschuldung, sondern als Beginn einer verlorenen Dekade. […]

Ohne einmal links oder rechts zu schauen, ohne die internationalen Warnungen, wie sie zuletzt der amerikanische Finanzminister Tim Geithner in Berlin in aller Deutlichkeit ausgesprochen hatte, noch einmal hören zu wollen, hat sich die Bundesregierung ein Wochenende lang aufs staatliche Sparen gestürzt und „das größte Sparprogramm der deutschen Geschichte“ geboren. Dieses Programm ist aber nicht nur, wie viele beklagen, ungerecht, einseitig und Ausdruck reinster Klientielorientierung. Nein, dieses Programm ist weltwirtschaftlich einer der größten Fehler, die je gemacht wurden. […]

Deutschland macht mit diesem Paket unbeirrt weiter, was es seit 30 Jahren als allein selig machend erkannt hat, obwohl es in der Europäischen Währungsunion damit gerade mal wieder gegen die Wand gefahren ist: Es schnallt selbst den Gürtel enger und macht die Handelspartner zu Schuldnern. Wenn sie dann zu viele Schulden haben, zeigt man mit Fingern auf sie und fordert sie auf, doch das Gleiche wie Deutschland zu tun. Die kleine logische Hürde, dass es schlicht unmöglich ist, dass alle ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern und Leistungsbilanzüberschüsse haben, kümmert uns nicht. Wir werden uns doch bei ideologisch bedeutsamen Fragen nicht von der Logik stören lassen.

So ist das Ergebnis ganz einfach. Die Europäer gehen gemeinsam in die Deflation, weil überall der Gürtel enger geschnallt und Löhne gesenkt werden. Die kurzfristigen Gewinne an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Rest der Welt durch die Lohnsenkung und den schwachen Euro werden sie eine Weile in dem Glauben bestärken, den richtigen Weg gefunden zu haben. Dann, wenn es eigentlich schon endgültig zu spät ist, werden sie sich noch über die Aufwertung des Euro freuen, der steigt, weil die ganze restliche Welt einschließlich Chinas zum Superschuldner des Eurolandes geworden ist. Erst in der großen Krise des Jahres 2015 werden sie endgültig feststellen, dass dieses Europa keine Zukunft hat. Dann wird man den einfachen Menschen in Deutschland, die schon 15 Jahre keinerlei Einkommenszuwachs und keinen Konsumzuwachs mehr gesehen haben, wieder erklären, dass sie zu lange über ihre Verhältnisse gelebt haben.


Ich bin ja so gespannt, wer Recht behält: (wieder mal) Krugman, Bofinger & Flassbeck — oder (ausnahmsweise) die, die uns auch die letzte(n) Krise(n) eingebrockt haben.

Nachtrag, 19. Juni 2010: Wieder Krugman:

And the march to a lost decade continues. […] I’m getting a very bad feeling about the world’s economic prospects.