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Chomsky zur Weltwirtschaftskrise

Schwarzseher Chomsky in der Irish Times (via ZNet):

Der Anlass des aktuellen Zusammenbruchs liegt im Platzen der Immobilienblase, die, unter Aufsicht von Federal Reserve-Chairman Alan Greenspan, die strauchelnde (US-)Wirtschaft während der Bush-Jahre durch "Konsum auf Pump" und ausländische Kredite am Laufen hielt. Doch die Wurzeln liegen tiefer. Sie liegen teilweise im Triumph der Liberalisierung im Finanzwesen der letzten dreißig Jahre — sprich: in der weitgehenden Befreiung der Märkte von gesetzlicher Regulierung. […]

Es ist die Aufgabe von Finanzinstitutionen, Risiken einzugehen und dabei sicherzustellen, dass ihre eigenen möglichen Verluste abgedeckt sind. Die Betonung liegt dabei auf "ihre eigenen". Im Staatskapitalismus gehört es nicht zu ihren Aufgaben, die Auswirkungen auf Dritte — die "externen Effekte" oder "Externalitäten" — zu berücksichtigen, wenn ihre Geschäftspraktiken zu Finanzkrisen führen, was regelmäßig passiert.

Die Liberalisierung der Finanzmärkte wirkt sich jedoch bei Weitem nicht nur auf die Wirtschaft aus. Es ist seit langem bekannt, dass sie sich als Waffe gegen die Demokratie richtet. Die Freizügigkeit des Kapitals führt zur Bildung eines "virtuellen Parlaments" von Investoren und Gläubigern, die die Pläne der Regierung beobachten und gegen sie "abstimmen", falls sie "unvernünftig" sind (also zum Wohle der Menschen wirken, statt zum Wohle der privaten Machtkonzentrationen).

Investoren und Gläubiger "geben ihre Stimme ab", indem sie ihr Kapital abziehen, Währungen angreifen oder andere Instrumente nutzen, die ihnen die liberalisierten Finanzmärkte bieten. Dies war einer der Gründe, warum das Bretton-Woods-System, das die vereinigten Staaten und Großbritannien nach dem zweiten Weltkrieg etablierten, Kapitalkontrolle ermöglichte und starre Wechselkurse einführte. […]

John Maynard Keynes, der britische Verhandlungsführer, betrachtete das Recht von Regierungen, Kapitalflüsse zu kontrollieren, als wichtigste Errungenschaft von Bretton-Woods.

Im krassen Gegensatz dazu wird — in der neoliberalen Phase, die nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems in den Siebzigern begann — die Kapitalfreiheit vom US-Finanzministerium jetzt als "Grundrecht" betrachtet, nicht zu verwechseln mit vermeintlichen "Rechten" wie sie in der UN-Menschenrechtscharta garantiert werden: Gesundheit, Bildung, Arbeit, Sicherheit und andere Rechte, die von Reagan- und Bush-Regierungen als "Wünsche an den Weihnachtsmann", "grotesk" oder als "Mythen" abgetan wurden.


(Hoffentlich sinngemäße Übersetzung und Wikipedifizierung von mir, für Englischversteher gilt Lesebefehl!)

Nachtrag, 13. Oktober 2008: Die vollständig übersetzte Fassung gibt's bei der FR (via NachDenkSeiten).

Freiheitsrhetorik

MedienjunkieSchwarzseher Micheil Saakaschwili hat mir gerade erklärt, warum Russland Georgien angegriffen hat: "They hate our freedom." Das Zitat kommt mir seltsam vertraut vor… hatte George Bush dem amerikanischen Volk nicht mit den gleichen Worten erklärt, warum die USA von islamistischen Terroristen angegriffen wurde?

Wenn sich aus dieser Übereinstimmung weitere Analogien ableiten lassen, bedeutet das wohl, dass Georgien Russland lange und massiv provoziert hat, dass eine "Koalition der Willigen" unter der Führung von Georgien in Kürze ein verhältnismäßig schwaches und hilfloses Land angreifen wird — ein Land, das nichts mit dem Konflikt zu tun hat, aber über Rohstoffe verfügt — und dass in Deutschland die Bürgerrechte eingeschränkt werden müssen, um uns vor russischen Selbstmordattentätern zu schützen?

Keine Blasphemie in diesem Blog!

Schwarzseher
Ich mag mich nicht gern mit der Kirche auseinandersetzen; es hat ja keinen Sinn, mit einer Anschauungsweise zu diskutieren, die sich strafrechtlich hat schützen lassen. (Kurt Tucholsky)


Ich würd ja so gern ein Bild hier reinkleben, das der Biologieprofessor PZ Myers unter dem Titel "The Great Desecration" (via Brights — Die Natur des Zweifels) veröffentlicht hat. Aber ich trau mich nicht, es gibt ja immer noch einen Gotteslästerungsgummiparagraphen:

Die Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen ist ein Straftatbestand, der im § 166 StGB der Bundesrepublik Deutschland geregelt ist. Wegen seiner Geschichte wird er häufig als Gotteslästerungsparagraph bezeichnet. […]

Kritiker sehen in dieser Vorschrift eine Einschränkung des Rechtsguts der Meinungsfreiheit. Insbesondere durch eine einseitige Anwendung verleite der Paragraph zu einem Schutz der Mehrheitsmeinung, nicht aber zwangsläufig zum Schutz einer Minderheitsmeinung […].

Sie lehnen den Paragraphen auch als so genannten Gummiparagraphen ab, insbesondere weil nicht klar sei, wie "Beschimpfung" zu definieren ist — darunter könne jede negative Äußerung fallen. Noch fraglicher sei, wann eine solche "Beschimpfung" geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören […]. Kritiker behaupten, eine solche "Friedensstörung" könne […] nachträglich konstruiert werden, wenn sich Gläubige beschwerten. Andererseits könne in politischen Wetterlagen, in denen die Verfolgung von Gotteslästerern nicht opportun sei, fast immer damit argumentiert werden, der Beschuldigte sei nicht bekannt genug, um mit seinen Äußerungen eine breite Öffentlichkeit zu schockieren.


Der Begriff "Beschimpfung" schließt wohl auch das "Verspotten" ein, und sowas in der Richtung beabsichtigt Myers, wenn er einen rostigen Nagel durch eine Backoblate und einige Koran-Seiten stößt — und weil eben nichts heilig sein darf, packt er auch noch "Der Gotteswahn" dazu: "Nothing must be held sacred."

Inspiriert wurde dazu er von den unglaublichen Wellen, die die "Geiselnahme" einer Hostie in den USA geschlagen hat: ein Student wollte einem Mitstudenten mal eine Hostie zeigen, nahm dazu an der Kommunion teil und schmuggelte die empfangene Oblate aus der Kirche.

Wenn man zu den Anhängern der römisch-katholischen Kirche gehört, ist man seit 1215 dazu verdammt, glauben zu müssen, dass diese Backoblate sich durch das Gemurmel einer besonderen Person irgendwie in den leibhaftigen Körper eines göttlichen, aber schon mindestens einmal gestorbenen Religionsgründers verwandelt hat — man verzeihe mir, wenn ich anmerke, dass das für mich irgendwie nach Schwarzer Magie klingt, aber das ist nun mal eine der vielen Absurditäten, die Katholen glauben müssen.

Was für den einen ein Studentenulk oder, schlimmstenfalls, eine eher harmlose Provokation ist, ist für den anderen (der darauf konditioniert wurde, zu glauben, dass besondere Personen die Macht haben, bestimmte Gegenstände, Lebensmittel oder Flüssigkeiten mit Hilfe magischer Formeln oder Rituale zu verzaubern) natürlich eine Sünde. Verblüffenderweise genügt es aber nicht, dem "Hostienräuber" die Rache des liebenden Gottes in der nächsten Welt anzukündigen, nein, katholische Fundamentalisten drohen ihm damit, selbst dafür zu sorgen, dass er seinen Auftritt vor dem jüngsten Gericht möglichst bald hat.

Als Hostienfrevel oder Hostienschändung bezeichnete der christliche Antijudaismus zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert einen angeblichen Missbrauch der geweihten Hostie, oft in Verbindung mit einem angeblich vorausgegangenen Hostienraub.

Solche Anschuldigungen erhoben Christen weit überwiegend gegen Angehörige des Judentums, selten auch gegen Hexen. Sie bezichtigten sie, Hostien aus Kirchen gestohlen bzw. gekauft zu haben, um diese dann zu "martern". Dies waren […] im Hochmittelalter häufige Vorwände für Pogrome oder ihre nachträgliche Rechtfertigung. […]

Der älteste "Fall" eines angeblichen Hostienfrevels, den viele damalige Chroniken verzeichneten, wurde 1290 aus Paris berichtet. Johannes von Tilrode († 1298) z. B. schrieb in seinem Chronicon, ein Pariser Jude habe von einer christlichen Magd für 10 Pfund Silber eine geweihte Hostie gekauft. Die versammelte Judengemeinde habe diese dann mit Messern, Stiletten und Nägeln traktiert, aber nicht zerstören können. Erst das größte Messer habe die Hostie in drei Stücke zu teilen vermocht. Dabei sei Blut ausgeflossen. Zuletzt habe man die Stücke in siedendes Wasser geworfen, worauf dieses sich in Blut und die Hostienstücke in ein ganzes Stück Fleisch verwandelt hätten. Dieses Wunder habe viele der Augenzeugen zum christlichen Glauben gebracht - so auch den Verfasser des Berichts. […]

Ab 1298 dienten solche Legenden nur noch zur Rechtfertigung von Pogromen an Juden. Damals behauptete der verarmte Ritter Rintfleisch eine Hostienschändung im fränkischen Röttingen […]. Rintfleisch sah sich durch eine persönliche Botschaft vom Himmel zum Vernichter aller Juden ernannt und zog ein halbes Jahr lang mit einer Bande von Totschlägern durch über 140 fränkische und schwäbische Ortschaften. Sie vergewaltigten, folterten und verbrannten Tausende von Juden und Jüdinnen und töteten deren Kinder. (Wikipedia)


Interessante Logik. Wobei mir allerdings nicht ganz klar ist, wieso jemand, der akzeptiert, dass die magische Oblate der Konkurrenzreligion das Seelenheil bringen kann, nicht einfach zu der Religion wechselt, die das Oblatenmonopol innehat. Oder wie ein allmächtiges Wesen, das das Universum erschaffen hat, durch Manipulationen an einem Keks Schaden nehmen kann (um es mit Myers zu sagen).

Damit zurück zum aktuellen Fall von angeblichem "Hostienfrevel", über den Myers in seinem Blog berichtete. Er bot an mal zum Vergleich zu demonstrieren, wie eine richtige Hostienschändung aussähe… wenn er denn eine zugeschickt bekäme. Natürlich erhielt er daraufhin ebenfalls Todesdrohungen, auch gegen seine Familie.

I'm only impressed by significant material concerns, and yours and other slanders against my family […] are not going to convince me of anything other than that religion breeds the most disgustingly vile haters in our country, and that Catholicism fits right in with the rest.


Mutig. Der Mann lässt sich nicht mal von Fundamentalisten einschüchtern. Und ich zieh schon vor 'nem Gummiparagraphen den Schwanz ein.

Oder?

Nothing must be held sacred.


By the way, I didn't want to single out just the cracker, so I nailed it to a few ripped-out pages from the Qur'an and The God Delusion. They are just paper. Nothing must be held sacred. Question everything. God is not great, Jesus is not your lord, you are not disciples of any charismatic prophet. You are all human beings who must make your way through your life by thinking and learning, and you have the job of advancing humanity's knowledge by winnowing out the errors of past generations and finding deeper understanding of reality. You will not find wisdom in rituals and sacraments and dogma, which build only self-satisfied ignorance, but you can find truth by looking at your world with fresh eyes and a questioning mind. (PZ Myers)

Nichts darf heilig sein. Stellt alles in Frage. Gott ist nicht groß, Jesus ist nicht Euer Herr, Ihr seid keine Jünger irgendeines charismatischen Propheten. Ihr seid Menschen, die ihren Weg durch das Leben gehen müssen, indem sie denken und lernen, und Ihr habt die Aufgabe, das Wissen der Menschheit voran zu bringen, indem Ihr die Fehler der vergangenen Generationen findet und ein tieferes Verständnis der Realität entwickelt. Ihr werdet keine Weisheit in Ritualen, Sakramenten und Dogmen finden, die nur selbstgefällige Ignoranz produzieren — aber Ihr könnt Wahrheit erkennen, wenn Ihr die Welt mit unvoreingenommenen Augen und einem offenen Geist betrachtet.


PS: Myers schreibt nix davon, dass er beim Durchnageln der Hostie irgendwelche Probleme gehabt hätte, auf dem Bild ist auch kein Blut zu erkennen. Hostien sind wohl auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Premiere kündigen

MedienjunkieSchwarzseher Wenn ich für Premiere zahlen würde, müsste ich jetzt kündigen:

Das US-Unternehmen News Corp., zu dem unter anderem auch die deutschen Bezahlsender Fox und National Geographic gehören, hat in der ersten Hälfte dieses Jahres insgesamt 25,01 Prozent der Premiere AG übernommen und hält damit bislang lediglich eine Sperrminorität. News Corp. stellt derzeit zwei von sechs Vertretern im Premiere-Aufsichtsrat. Die aktuelle Entscheidung der EU-Kommission gestattet aber auch eine Komplettübernahme des Fernsehunternehmens durch Murdoch. (DWDL)


Was ich von Murdoch halte, erläuterte ich bereits an anderer Stelle.

Ich find es übrigens faszinierend, wie treffend FOX in GTA4 parodiert wird: "WEAZEL NEWS - The War on Terror, Sports and the Weather". Überhaupt ist GTA4 gespickt mit beißender Kapitalismuskritik.

Nachtrag, 30. Juni 2008: Das Wall Street Journal gehört ja inzwischen Murdoch und weiß (via DWDL.de):

News Corp. is considering bids for two major players in their local pay-TV markets, Germany's Premiere AG and Spain's Digital+, according to people familiar with the situation.