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Das Image unserer Energieversorger ist wohl noch nicht schlecht genug

MedienjunkieSchwarzseher Der ".ausgestrahlt e.V." parodiert im Rahmen einer Aktionswoche gegen Atomkraft die Werbung, mit der uns die RWE AG überteuerten* Atomstrom als klimafreundlich verkaufen will. Das macht die RWE AG ganz, ganz traurig und sie schickt ihre Lügenbude Werbeklitsche Kreativagentur** vor, um die Verwendung des Motivs aufgrund der Verletzung ihrer Urheberrechte zu unterbinden.

Da-da-da schlägt der Streisand-Effekt mal wieder zu…


Googelt man nach "RWE", findet sich z.Zt. auf Platz 14 der Link auf "Versuchter Maulkorb für Kampagne gegen RWE-Atomstrom". Ich könnte wetten, dass die Seite bis morgen in die Top-Ten aufgestiegen ist. [Wette verloren, aber dafür ist ein kritischer Telepolis-Artikel weiter raufgerutscht.]

*Den Strom haben wir bereits bezahlt, weil der Staat die Entwicklung der Atomkraft massiv gefördert hat, und wir werden ihn noch mehrfach bezahlen, weil wir für die permanente Zwischenlagerung der Abfallprodukte aufkommen.

**Die sind so kreativ, die konnten sich sogar die dümmliche "Du bist Deutschland"-Kampagne ausdenken.

Die Linke und der Streisand-Effekt

KabelfreakMedienjunkie Aus pädagogischen Gründen sehe ich mich mal wieder aufgefordert, auf den Streisand-Effekt hinzuweisen: dadurch, dass der Bundestagsabgeordnete Lutz Heilmann (Die Linke) eine einstweilige Verfügung zur Abschaltung der Weiterleitung von www.wikipedia.de auf de.wikipedia.org erwirkt hat, lenkt er die Aufmerksamkeit des halben Webs auf die Aussagen zu seiner Person. Ich verzichte auf die direkte Verlinkung — wir wollen ja nicht, dass der Mutantenstadl abgeschaltet wird — und verweise auf die Suchfunktion der Wikipedia oder auf Google. Eine Google-Suche nach Lutz Heilmann liefert den (funktionierenden) Link zum Wikipedia-Artikel z.Zt. an dritter Stelle (und die — wohl vorübergehend abgeschaltete — Homepage des Abgeordneten an erster und zweiter).

Herr Heilmann ist nur zwei Jahre älter als ich und dennoch ein alter Mann mit Kugelschreiber: er lässt m.E. die im einundzwanzigsten Jahrhundert erforderliche Medienkompetenz vermissen — ob er Recht hat oder nicht, er kämpft mit falschen Mitteln gegen den falschen Gegner. Vielleicht wäre er in der Produktion besser aufgehoben als im Parlament — wie so viele seiner Kollegen.

Die Biografie auf den Seiten des deutschen Bundestags weist übrigens darauf hin, dass Herr Heilmann einen "verlängerten Wehrdienst" bei der Stasi absolviert hat: "1985 bis 1990 verlängerter Wehrdienst (Personenschutz MfS)", dazu gibt's einen interessanten Artikel bei SpOn — wie schön, dass Heilmann pünktlich zum Beginn des Wahlkampfes 2009 nochmal die Aufmerksamkeit darauf lenkt, dass die Linkspartei nicht nur aus Ex-SPD-Mitgliedern und Gewerkschaftlern besteht.

Dieser Beitrag hat bewusst keinen sittlichen Nährwert und dient einzig der Verstärkung des Streisand-Effektes. Jochen Hoff findet deutlichere Worte.

Nachtrag: Am Samstag nachmittag, um 16:40, kam der Begriff "Wikipedia" auf der Google-Ergebnisseite mit den hundert besten Treffern für "Lutz Heilmann" 31x vor, der Begriff "Stasi" 5x (gezählt mit "lynx -dump -nolist … | grep -io … | wc -l"), Google bot außerdem ca. 30 Artikel auf der News-Seite an. Zweieinhalb Stunden später, um 19:10, zähle ich 69x "Wikipedia", 10x "Stasi" und sehe einen Verweis auf "weitere 152 Artikel" auf Google News.

Noch ein paar Stunden später: 111 Erwähnungen von "Wikipedia" auf der Seite, 17x "Stasi", 194 News-Artikel — und die Welle schwappt gerade erst in den englischen Sprachraum, vgl. Slashdot. Und weil sich längst keiner mehr dafür interessiert, worum es bei der Sache ursprünglich ging (vgl. Heilmanns Gegendarstellung bei HL-Live), wird bei den meisten Beobachtern fälschlicherweise hängen bleiben, dass Heilmann irgendwelche Details über seine Stasi-Vergangenheit zensieren wollte.

Nachtrag, 16. November 2008: Die ersten Zeigefinger werden erhoben. Die Mahner tadeln den Mob und weisen auf die Verantwortung der Wikipedia-Macher hin, oder darauf, dass Heilmann doch eigentlich gar nix anderes übrig geblieben sei. Ich halte das für Mumpitz:

  • Die Wikipedia ist in meinen Augen ein Stück Infrastruktur. Wenn jemand falsche Behauptungen per Mail verschickt, fordert auch niemand, SMTP in Deutschland abzuschalten oder Outlook zu verbieten.

  • Änderungen an Artikeln in der Wikipedia sind i.d.R. nicht anonym, in den meisten Fällen sollte es möglich sein, den Verursacher zu ermitteln. Das ist Heilmann auch gelungen, lt. Heise hat er Strafanträge gegen drei einen Wikipedia-Autoren gestellt.

  • Die Wikipedia hat einen Mechanismus zur Sperrung von Artikeln. Bis mir jemand das Gegenteil zeigt, bin ich davon überzeugt, dass die Wikipedianer diesen Mechanismus nicht bewusst zum Schaden eines Betroffenen einsetzen.

  • Herr Heilmann hat eine eigene Webpräsenz, die im Wikipedia-Artikel über ihn verlinkt ist. In den kurzen Phasen, in denen die Site in den letzten beiden Tagen online war, konnte ich da keinerlei Hinweis auf die Kontroverse entdecken. Es ist eine Sache, einen kontroversen Sachverhalt zu berichtigen oder klar zu stellen, es ist eine ganz andere Sache, die Kontroverse als ganzes unter den Teppich kehren zu wollen. Bei mir ist der Eindruck entstanden, dass es Heilmann um letzteres ging. (Das ging, wie nicht anders zu erwarten, gründlich in die Hose…)

  • In der Sache bin ich übrigens ganz auf Seiten Heilmanns. Natürlich hat er ein Recht darauf, dass der Wikipedia-Artikel zu seiner Person faktisch korrekt ist und es ist schade, wenn er oder seine Mitarbeiter unnötig viel Zeit investieren müssen, um dafür zu sorgen. Das ist ungerecht und traurig… Bringt mir eine Amphore, auf dass ich eine Träne für ihn weinen kann! Dass ausgerechnet er die bourgeoise bürgerliche Justiz auf ein Community-Projekt — das Wissenskollektiv — ansetzt, müffelt für mich trotzdem nach Bigotterie.


Was wird beim oberflächlichen Beobachter hängen bleiben? "Die Linke ist die Partei mit dem Stasimann, der die Wikipedia verbieten wollte." Ich hab schon genug Mühe damit, Lafontaine gegen die üblichen Vorwürfe ("predigt Wasser, trinkt Wein", "wirft hin, sobald er Verantwortung übernehmen muss", "fordert Enteignung", "Populist", "Demagoge") zu verteidigen, da hat mir sowas gerade noch gefehlt.

Aber meine Loyalität gegenüber "dem Internet" ist deutlich größer als meine Loyalität gegenüber der Linken. Bei aller Sympathie für die politischen Ziele der Linken — die Erfahrungen mit der SPD und den Grünen haben mich gelehrt, dass man Parteien in diesem System nicht trauen darf. Ich setze größere Hoffnung in ein unzensierbares Internet als "Motor des gesellschaftlichen Wandels" als in eine Partei, die sich so wunderbar ins System einfügt.

Voraussichtlich letzter Nachtrag: Duckhome dokumentiert und kommentiert eine Pressemitteilung von Lutz Heilmann, Auszug:

Ich bedaure außerordentlich, dass durch die von mir beantragte Einstweilige Verfügung des Landgerichts Lübeck die deutschen Wikipedia-Userinnen und -User in den letzten 24 Stunden keinen direkten Zugriff mehr auf die Wikipedia-Inhalte hatten.

Mir ging es dabei keineswegs um Zensur, sondern schlicht um eine wahre Tatsachen-Darstellung. Der juristische Weg hat sich dafür insoweit als problematisch erwiesen, als durch die Struktur von Wikipedia die anderen Userinnen und User in Mitleidenschaft gezogen werden. Das war nicht meine Absicht.


'nuff said.

Nachtrag, 18. November 2008: Einen hab ich noch (via Heise und taz):

Ich habe zu kurz gedacht und die Folgen nicht überschaut. — Lutz Heilmann


Klingt wie das Motto großer Teile unserer politischen "Elite".


Die SPD und der Streisand-Effekt

KabelfreakMedienjunkieSchwarzseher Eine Diskussion über die Führung der SPD, die ein junges SPD-Mitglied auf einer SPD-internen (!) Plattform angestoßen hatte, wurde von der Administration entfernt. Eine Google-Suche nach "SPD Zensur" zeigt, dass das nicht unbedingt klug von der Administration war.

Der "Streisand-Effekt" ist ein Phänomen im Internet, nach dem der Versuch der Zensur oder das Entfernen einer bestimmten Information dazu führt, dass diese noch stärker verbreitet wird. (Wikipedia)


Da es sich um ein internes Forum handelte, gibt's wohl keine Kopie der Diskussion im Google-Cache, drum verteilt sich in diesem Fall nicht die zensierte Information, sondern die Geschichte über den Zensurvorgang und den empörten Beck-Kritiker, dem der Wowereit als Parteichef viel lieber wäre. Ich hab nichts hinzuzufügen, dieser Eintrag ist lediglich mein kleiner, gehässiger Beitrag zum Streisand-Effekt.

Atari macht sich zum Brot (mit Nachträgen)

Spielkind Atari ist nicht glücklich über den Test bei 4Players zur aktuellen Inkarnation von Alone in the Dark. Jörg von 4P beklagte darin unter anderem...

Wie kann man solche Sprachaufnahmen abnehmen? Und wie kann man solche Dialoge schreiben? Ich habe mich auf das große Comeback eines Klassikers gefreut und wurde herbe enttäuscht. [...] Die Steuerung ist insbesondere, aber nicht nur auf Wii fummelig, die Kamerafahrten amateurhaft und böse Clippingfehler stören eine Kulisse, die in ihren besten Momenten vernebelt gruselig, in ihren schlechtesten wie ein bewegtes Wachsfigurenkabinett wirkt. [...] Aus der versprochenen Wiedergeburt von Alone in the Dark ist trotz guter Ansätze und einiger kreativer Ideen letztlich eine Totgeburt geworden. Denn statt spannendem Survival-Horror gibt es einen undefinierbaren Action-Race-Kletter-Kuchen mit viel zu vielen, teilweise schlecht dosierten Zutaten.


In Zahlen ausgedrückt: magere 65-68% (je nach Plattform). Das war Atari wohl zu wenig. Aber diesmal reicht es dem Publisher nicht, seine Werbebuchungen auf 4P zu stornieren, Atari versucht es zusätzlich mit einer Abmahnung. Der kritische Test sei zu entfernen und eine Unterlassungsunterklärung zu unterschreiben, weil "Standards", die für "Warentests" gelten, missachtet worden seien und zum Testen wohl eine Raubkopie hergehalten haben müsse (Atari hatte 4P nach einer allzu kritischen Vorschau erst gar keine Testversion zur Verfügung gestellt).

Da kriegt wohl gerade jemand im Middle Management bei Atari Deutschland extrem kalte Füße ob seines totalen Versagens bezüglich der Lokalisierung eines ohnehin schon mittelmäßigen Spiels.

Die Antwort von 4Players:

Hallo Atari? Ihr könnt uns mal.


Hallo Atari? Mich könnt Ihr auch mal. (Oder anders: Hallo Infogrames? Man muss sich einen Namen wie "Atari" nicht nur kaufen, man muss ihn auch pflegen, sonst verliert er so sehr an Wert, dass man auch gleich bei "Infogrames" hätte bleiben können.)

Nachtrag: Krawall kommentiert. Und BooCompany. Und Nerdcore. Und der Senior Gamer erinnert an die...

anderen begleitenden Maßnahmen, wie zB. in Foren Fake-Accounts anlegen, ein Spiel hochhypen und Kritiker niederschreien, wie es seinerzeit beim Skandal um Driv3r publik wurden, als Atari der öffentlichen Meinung ein wenig nachhelfen wollte.


Nachtrag, 20. Juni 2008: Heute stellt sich heraus, dass Atari nicht nur in Deutschland mit der groben Kelle unterwegs ist, sondern mindestens auch in Norwegen und den Niederlanden: Berichte auf Kotaku und 4Players.

Nachtrag, 22. Juni 2008: Das WAZ-Nachrichtenportal DerWesten lässt beide Seiten zu Wort kommen, Atari kündigt Krisenmanagement ("Deeskalation") ab Anfang nächster Woche an, Jörg Luibl erläutert die unnachgiebige Haltung von 4Players:

Natürlich gibt es auch bei uns die Gleichzeitigkeit von einem bunten Werbebanner und einem großartigen Test zum entsprechenden Spiel; das schürt Misstrauen, und das ist nachvollziehbar. Aber wir fahren einen harten Kurs, der keine Rücksicht auf die Werbung nimmt. So etwas ist nur möglich, wenn nicht nur die Chefredaktion, sondern auch die Geschäftsführung und der Vertrieb begreifen, dass sich auf Dauer nur Qualität und Ehrlichkeit im hart umkämpften Online-Journalismus auszahlen werden. Und wer 4Players.de beobachtet, wird diese Tugenden erkennen.

Wir provozieren natürlich auch einige, die es sich über Jahre hinweg beim Geben und Nehmen in der Branche gemütlich gemacht haben: Wir reden Tacheles, also gelten wir als arrogant. Wir thematisieren die Schattenseiten dieser Branche, also wollen wir uns nur profilieren. Das hat auch viel mit dem Neid zu tun, den der Erfolg mit sich bringt. Viel wichtiger ist das positive Feedback unserer Leser und Freunde.


4Players reagiert weiterhin verschnupft. Der Streisand-Effekt entfaltet seine Wirkung (Google meldet bei einer Suche nach 'atari 4players' inzwischen über 50000 Treffer, ein Zuwachs von über 25% seit Freitag) und die Geschichte taucht in mannigfaltiger Form in meinem Feedreader auf, z.B. bei Wired, Heise, Telepolis, dem Inquirer, Slashdot, Boing Boing und — zu meinem Erstaunen — sogar bei F!XMBR, wo man mir die Illusion nehmen will, auf der Seite der Guten zu sein.

Vielleicht red ich mir das schön — ich hab als Technikclown ja keinen tieferen Einblick in die Arbeitsweise der Redaktion — aber ich habe den Eindruck, dass die 4P-Redakteure schon immer (mindestens aber seit Jörg Chefred ist) ihr Recht auf ihre Meinung verteidigt haben, dass der Chef einfach voll hinter seiner Redaktion steht (so kenn ich ihn) und dass bei freenet, dem Mutterkonzern, der Wert der eigenständigen Marke "4Players" erkannt wurde (dafür spricht, dass 4P immer noch existiert, während das Gros der Tochterfirmen und Marken aus der freenet-Gründerzeit in freenet aufging oder eingestampft wurde). Ob's vielleicht vorher schon Animositäten zwischen der Redaktion und Infogrames bzw. Atari gab, weiß ich nicht.

Dass ich als Lohnsklave meinen Arbeitgeber verteidige, ist übrigens völlig normal. Das bezeichnet man als Stockholm-Syndrom.

Nachtrag, 24. Juni 2008: SpOn. Und schließlich erklärt Atari, dass alles bloß ein Missverständnis und gar nicht so gemeint gewesen wäre. Der Spin-Doctor bei der Arbeit:

Es ist auch nicht Stil von ATARI, Werbekampagnen zu stornieren, wenn Berichterstattung kritisch ausfällt, schon gar nicht im direkten Zusammenhang, insbesondere nicht als Druckmittel.


Nachtrag, 26. Juni 2008: SZ.

Nachtrag, 29. Juli 2008: Die SZ greift das Thema nochmal auf, F!XMBR findet den Artikel bigott.

Disclosure: 4P ist bekanntermaßen mein Arbeitgeber, aber das ist hier mein privates Blog mit meiner privaten Meinung, und ich fand Ende der 80er die Amiga-Version von "North & South" ganz gut, was anderes kenn ich von Infogrames gar nicht...