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Die Regeln der Propaganda (2014)

Schwarzseher (inspiriert von Davies & Ponsonby, work in progress)

WIR wollen keinen Krieg.
SIE haben den Krieg provoziert.

WIR haben Werte, die es zu verteidigen gilt.
SIE haben Interessen, die sie rücksichtslos durchsetzen.

WIR sind eine Gemeinschaft und handeln im Interesse aller.
SIE sind eine kleine Clique, die ein Land in Geiselhaft hält.

Was WIR sagen, demonstriert Entschlossenheit, stärkt unsere Verbündeten oder zeigt unsere Bereitschaft, einen Weg aus der Krise zu finden.
Was SIE sagen, beweist ihre aggressive Haltung oder ist nur eine Finte.

WIR agieren rational, mit Maß und Ziel. WIR kämpfen nur, um den Krieg zu beenden, damit wieder Ruhe einkehrt.
SIE tun alles, um Chaos zu säen und ein Land, eine Region, einen Kontinent zu destabilisieren.

WIR unterstützen Freiheitskämpfer in ihrem Widerstand gegen ein Regime.
SIE bezahlen Söldner und rüsten Terroristen aus.

WIR kämpfen ritterlich und mit chirurgischer Präzision. UNSERE Truppen riskieren körperliche Unversehrtheit und Leben, um Unbeteiligte zu schützen.
SIE kämpfen feige, mit Hinterlist und Tücke, und benutzen geächtete Waffen.

SIE begehen systematisch Unrecht und Grausamkeiten. Das liegt in ihrer Natur.
Auf UNSERER Seite gibt es individuelle Fehlentscheidungen, welche zu tragischen Einzelfällen führen, die gründlich untersucht und aufgeklärt werden.

Das Recht und die Meinung der Welt sind auf UNSERER Seite.
SIE brechen das Völkerrecht und sind in der Welt isoliert.

SIE betreiben Propaganda in ihren kontrollierten Medien. SIE haben Dissidenten, die unter Einsatz ihres Lebens die Wahrheit sagen.
An der objektiven Darstellung UNSERER freien Medien kann nur zweifeln, wer ein Agent (oder Bot) von IHNEN ist, oder ein Einfaltspinsel, der die Komplexität der Situation nicht durchschaut.

WIR sind die Guten. WIR sind die Guten. WIR sind die Guten. WIR sind die Guten.

Schnipsel: Fukushima, Libyen, Aristide

MedienjunkieSchwarzseher Schade, dass Mutationen im echten Leben eher unangenehm sind. Sonst könnte man sich wenigstens auf ein Japan voller Superhelden freuen, die dann nach und nach ihre Kräfte entdecken, dann einzeln an ihre Grenzen stoßen und sich schließlich zusammenraufen und Godzilla vereint zurück ins verstrahlte Meer treiben.

Ob TEPCO sich BP als Vorbild nimmt?
  • Man präsentiert im Wochentakt neue, spektakuläre Rettungspläne ("Hot Tap", "Top Hat", "Top Kill" usw. / Hubschrauber, Wasserwerfer, Feuerwehrautos usw.), die wenig bringen oder gänzlich scheitern, um die Zeit zu überbrücken, bis eine ordentliche "Liquidierung" möglich ist (oder endlich eine neue Katastrophe bzw. der nächste koksende Schauspieler die Aufmerksamkeit der Massen fesselt).
  • Man bietet frühzeitig Entschädigungen an und lässt die Leute unterschreiben, dass sie a) nicht mit den Medien reden und b) nicht klagen werden, wenn die Spätschäden auftreten.
  • Man heuert Leute, die wegen der Katastrophe eh kein Einkommen mehr haben, für die Drecksarbeit an und lässt sie mit unzulänglicher Schutzkleidung den Dreck aufklauben (natürlich mit einer Klausel im Vertrag, die sie zum Schweigen verpflichtet und den Auftraggeber von jeglicher Haftung entbindet).


In Bahrain und ähnlichen Ländern ist es egal, wenn der Diktator auf sein Volk schießen lässt; in Libyen muss man gegen den "Mad Dog" sofort mit High-Tech-Krieg durchgreifen. In Bahrain hat Chevron (kannte man bei uns früher als Texaco) schon den Fuß dick in der Tür; in Libyen liegen, größtenteils unerschlossen, die neuntgrößten Ölvorräte der Welt. Verstaatlicht. Honi soit qui mal y pense.

Oil reserves in Libya are the largest in Africa and the ninth largest in the world with 41.5 billion barrels (6.60×109 m3) as of 2007. Oil production was 1.8 million barrels per day (290×103 m3/d) as of 2006, giving Libya 63 years of reserves at current production rates if no new reserves were to be found. Libya is considered a highly attractive oil area due to its low cost of oil production (as low as $1 per barrel at some fields), and proximity to European markets. Libya would like to increase production from 1.8 Mbbl/d (290×103 m3/d) in 2006 to 3 Mbbl/d (480×103 m3/d) by 2010–13 but with existing oil fields undergoing a 7–8% decline rate, Libya's challenge is maintaining production at mature fields, while finding and developing new oil fields. Most of Libya remains unexplored as a result of past sanctions and disagreements with foreign oil companies. (Wikipedia, Hervorhebungen von mir)


Der Gaddafi hat sich wohl nicht von den Economic Hit Men kaufen lassen, drum muss er jetzt weg, damit jemand ran kommt, mit dem man leichter verhandeln kann. Das kann man ja auch keinem Industriestaat verübeln, Öl wird schließlich knapp und der Chinese steht vor der Tür und will Auto fahren.

Jean-Bertrand Aristide ist wieder in Haiti. Das ehemalige Nachrichtenmagazin bezeichnet ihn als "Despoten", der deutsche Wikipedia-Artikel ist sehr "kritisch" (so sehr, dass ich mich weigere, ihn zu verlinken), der ausführlichere, englische Wikipedia-Artikel scheint mir weniger einseitig und lässt auch eine Interpretation zu, die in mein Weltbild passt. Zu meinem Weltbild gehört die naive Hoffnung, dass nicht jeder, der sich für die Interessen der Schwachen einsetzt, mit der Annahme eines politischen Amtes automatisch zu einem Stalin (in der 20-Millionen-Opfer-Variante) wird. Das gilt dann auch erst mal für einen Befreiungstheologen, der behauptet, dass er zweimal mit Unterstützung der USA aus dem Amt geputscht wurde — das find ich durchaus plausibel; ich kann nachvollziehen, dass es dem Amerikaner an und für sich nicht so toll passt, wenn jemand den Armen erzählt, dass sie sowas wie Menschenrechte haben. Das könnte sich ja rumsprechen. Das kennen wir ja schon aus Lateinamerika.

In Haiti finden gerade Wahlen statt. Die Bewegung von Aristide, die vielleicht mit 60-70% der Stimmen hätte rechnen können, wurde gar nicht erst zur Wahl zugelassen. Natürlich wäre ein Aufstand in Haiti etwas ganz anderes als in Ägypten oder Libyen. In Haiti wären die Akteure ja nicht die vernetzte Mittelschichtsjugend, sondern die Lehmkeksfresser. Das wäre dann auch keine "Demokratiebewegung" oder ein "Befreiungskampf", sondern "Chaos, Krawall und Bandenkrieg". "Menschenmassen, die gegen ein Regime demonstrieren," würden zum "Mob, der Regierungsgebäude belagert." Und unsere transatlantischen Freunde, die weltweit die Demokratie verteidigen und glücklicherweise eh schon vor Ort sind, würden den (von 30%) demokratisch gewählten Präsidenten "by all means" vor den "insurgents" schützen.

Nachtrag, 22. April 2011: 23% Wahlbeteiligung, der gewählte Präsident bekam 67% der Stimmen. Netto also 15%.

How will this end?

MedienjunkieSchwarzseher Leck mich am Arsch, was geht denn gerade ab? General Motors ist quasi pleite ("Kursziel null"), der Bundestrojaner kommt, Atomkraftgegner kriegen wieder Prügel wie vor fünfundzwanzig Jahren, ein Volkswirtschaftsprofessor und Ex-Mitglied des Wissenschaftsrates schlägt vor, dass man eine Organbörse einführen sollte, weil es eine Beschneidung von Freiheit sei, wenn man einem Mittellosen untersagt, eine Niere zu verkaufen (oder zwei), um seine Familie aus der Not zu retten, die SPD feiert ihre Rolle in der Novemberrevolution (bei so viel Geschichtsbewusstsein sollten sie die Friedrich-Ebert-Stiftung vielleicht in "Bluthund-Noske-Stiftung" umbennen, s.u.) — und einige der ideologisch verblendeten linken Hetzblogs, von denen ich mich indoktrinieren lasse (und damit meine ich jetzt ausdrücklich nicht Fefe), könnten inzwischen jeden Artikel unter der Überschrift "Das Ende ist nah!" veröffentlichen. Es ist nicht lange her, noch keine zwei Monate, da kam ich mir noch unheimlich originell vor, als ich das Etikett "Weltwirtschaftskrise 2.0" hier zum ersten Mal vergeben hatte, jetzt scheint es schon an der Zeit, "Weltkrieg 3.0" einzuführen.

Imperator Durhan: "How will this end?"
Kosh: "In fire."


Apropos SPD und Novemberrevolution… Gestern abend lief "Kulturzeit extra: Die Räterepublik 1918/1919". Gerade rechtzeitig, um uns anlässlich der SPD-Feierlichkeiten auch daran zu erinnern, dass die SPD es 1914 total dufte fand, ihre Wähler in einen Gaskrieg zu schicken.

Oder daran, dass Ebert und Noske die Freicorps rekrutierten. Die ließen sie dann auf genau jene Matrosen los, die durch ihren Aufstand im November 1918 die "letzte, entscheidende" Seeschlacht mit den Briten, den "ehrenvollen Untergang" — und somit den Militärputsch gegen die Friedensverhandlungen der Regierung — vereitelt hatten. Dann gaben die aufrechten Sozialdemokraten ihre kommunistischen Erzfeinde Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zum Abschuss frei — sie wurden von den Freikorps "auf der Flucht erschossen". Und schließlich hetzte man die Freikorps auf die revolutionären Arbeiter im Ruhrgebiet, im gerade gegründeten Freistaat Bayern, überall in Deutschland.

Die Entsoldung der Freikorps übernahm übrigens, quasi als Vorläufer von "Public Private Partnership", die deutsche Großindustrie, dazu hatte sie die Lobbyorganisation "Antibolschewistische Liga" ins Leben gerufen. Eine Investition von 500 Millionen Mark, die sich lohnte: schließlich waren überall im Reich Fabriken und Industrieanlagen besetzt worden, die Arbeiter hatten Räte gewählt und das Weiterlaufen der Produktion organisiert. Diesen Umtrieben wurde so schon nach wenigen Monaten ein Ende bereitet. Gerade noch rechtzeitig. Beinahe hätte sich überall herumgesprochen, dass die Arbeit ohne Schlipsträger Frackträger genauso gut lief…

Man erlaube mir an dieser Stelle einen, möglicherweise zynischen, historischen Vergleich: Die USA unterstützte in Afghanistan die Mudschaheddin gegen die Sowjetunion. Als keine Kommunisten mehr übrig waren, bekam die USA die Quittung in Form von Al-Quaida.

Die SPD organisierte und bewaffnete die Freikorps— und als keine Kommunisten mehr übrig waren, bekam sie die Quittung in Form der SA. Denn schon kurz nachdem die Freikorps für die SPD "Ordnung" im Reich geschaffen hatten, zogen sie sich braune Hemden über. Ein paar Jahre später sperrten sie die verbliebenen Kommunisten zusammen mit den SPDler in die gleichen KZs (ausgerechnet!) und setzten genüsslich die Welt in Brand.

…aber mit der Linken kann man als aufrechter Sozialdemokrat nicht koalieren, weil man immer noch eingeschnappt ist, dass die SPD in der DDR mit der SED zwangsvereinigt wurde. Da verbrüdert man sich als traditionsreiche Arbeiterpartei lieber wieder mit der Antibolschewistischen Liga INSM und nimmt freudig jeden Krieg jede militärische Friedenssicherungsmaßnahme mit. Gut, dass sich Geschichte nicht wiederholt, sonst müsste man befürchten, dass die INSM demnächst ein Kopfgeld auf Lafontaine und Gysi aussetzt.

Für den Fall, dass diese "Kulturzeit extra" auf den einschlägigen Videoportalen auftaucht, erteile ich hiermit präventiv den Guckbefehl. Gleiches gilt übrigens auch für die "Kulturzeit extra" von letzter Woche über den Chemieprofessor Michael Buback, der die Version vom Tod seines Vaters, die ihm von den Ermittlungsbehörden aufgetischt wurde, nach langen und gründlichen Recherchen nicht mehr glaubt und sogar eine Beteiligung deutscher Geheimdienste am Attentat für möglich hält.

Beide Beiträge hätten einen prominenteren Sendeplatz, mehr Wiederholungen und eine Aufnahme in die 3sat-Mediathek verdient.

Nachtrag, 12. November 2008: Ein "Kulturzeit extra": Die Räterepublik 1918/1919 in der 3sat-Mediathek, mit Michael Buback gibt's wenigstens ein Interview. Schnell, bevor die Sieben-Tage-Regel zuschlägt — ist die schon in Kraft?

Nachtrag, 15. Januar 2009: Weissgarnix zitiert Die Zeit:

Sie schreibt:

Was das Verhalten Noskes in der Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1919 betrifft, so kann nach Gietingers Recherchen nunmehr ausgeschlossen werden, dass er einen direkten Mordbefehl gegeben hat. Aber er ließ offenbar durchblicken, dass er gegen eine "Exekution" Liebknechts und Luxemburgs nichts einzuwenden hatte. "Über das 'dass' bestand also Einigkeit", so Pabst in seinen Memoiren. "Als ich nun sagte, Herr Noske, geben Sie bitte Befehle über das 'wie', meinte Noske: 'Das ist nicht meine Sache! Dann würde die Partei zerbrechen, denn für solche Maßnahmen ist sie nicht und unter keinen Umständen zu haben.'"


Noske mag sich daher geziert haben, mit einem "offiziellen" Mordbefehl den Kreis "formell" zu schließen, aber für die Ausstellung eines "Freibriefs" reichte es anscheinend allemal. Dafür spricht auch, dass das spätere Verfahren vor dem Divisionsgericht, laut Gietinger einer der "schamlosesten Lügenprozesse der deutschen Rechtsgeschichte" darauf hinauslief, dass die Täter gewissermaßen "über sich selbst Gericht hielten", geschützt durch die sozialdemokratische Regierung, und es daher nicht weiter verwundert, dass die Drahtzieher und Hintermänner völlig ungeschoren davonkamen.