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Anschläge pro Minute

MedienjunkieSchwarzseher Durch Hinweise der NSA seien allein in Deutschland fünf Anschläge vereitelt worden, sagte Hans-Peter Friedrich nach seinem USA-Besuch.

Im Morgenmagazin erklärte er heute morgen, wie er auf die Zahl kommt:

"Vielleicht waren's mehr Anschläge, vielleicht waren's weniger. Wenn eine Gruppe sagt 'wir machen drei Anschläge' und wir nehmen sie fest, dann sind drei Anschläge [vereitelt]."


Sein Lieblingsbeispiel für vereitelte Anschläge sind die "Sauerland-Bomber", wir erinnern uns:

[Der Sauerland-Gruppe] wurde vorgeworfen, im Jahr 2007 Autobombenanschläge auf US-Einrichtungen in mehreren deutschen Großstädten geplant zu haben. Als mögliche Ziele galten Gaststätten, Pubs, Discotheken und Flughäfen. (SpOn)


D.h. die Sauerland-Gruppe allein reicht bereits für die Erfolgsmeldung der "fünf vereitelten Anschläge" aus. Jene Sauerland-Gruppe, die sich dank der Wahl eines vollkommen ungeeigneten Sprengstoffes vermutlich höchstens selbst in die Luft gejagt hätte:

Acetonperoxid (auch bekannt als APEX oder TATP) ist ein hochexplosiver Stoff mit der Schlagempfindlichkeit eines Initialsprengstoffs.

Wie die meisten organischen Peroxide ist auch Acetonperoxid instabil und kann durch Stoß, Wärme oder Reibung zerfallen und heftig detonieren, ist aber im Unterschied zu weniger gefährlichen Peroxiden wie Dibenzoylperoxid viel empfindlicher gegen Schlag und Wärme. (Wikipedia)


Lesetipp dazu: Ein Käfig voller Enten? — Recherchen zur Sauerlandzelle von Walter van Rossum, bei dradio.

Da versagt der ZDF-Terrorismusexperte

MedienjunkieSchwarzseher Lieber Elmar Theveßen,

sicher hätten Sie darüber berichtet, wenn Osama bin Laden irgendwo auf der Welt vor Gericht gestellt und freigesprochen worden wäre?

Das ZDF weiß nichts von Luis Posada Carriles

"Mit dem Zweiten sieht man besser", wenn man auf einem Auge blind ist?

Na, vielleicht tue ich Ihnen Unrecht. Vielleicht sind Sie zwar ZDF-Terrorismusexperte, aber nicht ZDF-Staatsterrorismusexperte?

Nachtrag: Percy bittet (Percy, alter Schwede, lange nix von dir gehört! Grüße nach SB!):
Wenn Du jetzt noch einen Link hättest damit auch ich weiß worum es geht bzw. wer der nette Herr Carriles ist und warum ihn das ZDF nicht kennt aber kennen sollte, das wäre nett.


Aber gern doch. Luis Posada Carriles ist ein Exil-Kubaner, Castro-Hasser, Ex-CIA-Agent und über Jahrzehnte hinweg einer der erfolgreichsten Terroristen, u.a. verantwortlich für den Bombenanschlag auf Cubana-Flug 455, bei dem 73 Menschen starben, eine Serie von Bombenanschlägen auf Hotels und Nachtclubs in Havana und (mindestens) einen Versuch eines Attentats auf Fidel Castro.

Der stand gerade wegen einer Reihe kleinerer Vergehen vor einem US-Gericht, im Rahmen der monatelangen Verhandlung wurden massenhaft Beweise vorgelegt, dann zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück und entschieden binnen drei Stunden (!) auf Freispruch. Eine Anklage wegen seiner Attentate steht gar nicht zur Debatte — möglicherweise, weil sie teilweise von der CIA veranlasst oder zumindest geduldet wurden? Kuba und Venezuela bitten um Auslieferung, aber ausgerechnet das Land, das nicht nur ein eigenes exterritoriales Foltergefängnis (Gitmo) betreibt, sondern sich darüber hinaus auch noch fremder Folterknechte bedient hat, um sich nicht selbst die Finger schmutzig machen zu müssen (Rendition), ausgerechnet dieses Land lehnt die Auslieferung mit dem Argument ab, dass Carriles in Kuba und Venezuela Folter drohe.

Hier der Bericht von Democracy Now aus der Sendung von Montag:



Lt. Google News gibt es im gesamten deutschen Mainstream darüber einen einzigen Artikel.

Schnipsel: Fukushima, Libyen, Aristide

MedienjunkieSchwarzseher Schade, dass Mutationen im echten Leben eher unangenehm sind. Sonst könnte man sich wenigstens auf ein Japan voller Superhelden freuen, die dann nach und nach ihre Kräfte entdecken, dann einzeln an ihre Grenzen stoßen und sich schließlich zusammenraufen und Godzilla vereint zurück ins verstrahlte Meer treiben.

Ob TEPCO sich BP als Vorbild nimmt?
  • Man präsentiert im Wochentakt neue, spektakuläre Rettungspläne ("Hot Tap", "Top Hat", "Top Kill" usw. / Hubschrauber, Wasserwerfer, Feuerwehrautos usw.), die wenig bringen oder gänzlich scheitern, um die Zeit zu überbrücken, bis eine ordentliche "Liquidierung" möglich ist (oder endlich eine neue Katastrophe bzw. der nächste koksende Schauspieler die Aufmerksamkeit der Massen fesselt).
  • Man bietet frühzeitig Entschädigungen an und lässt die Leute unterschreiben, dass sie a) nicht mit den Medien reden und b) nicht klagen werden, wenn die Spätschäden auftreten.
  • Man heuert Leute, die wegen der Katastrophe eh kein Einkommen mehr haben, für die Drecksarbeit an und lässt sie mit unzulänglicher Schutzkleidung den Dreck aufklauben (natürlich mit einer Klausel im Vertrag, die sie zum Schweigen verpflichtet und den Auftraggeber von jeglicher Haftung entbindet).


In Bahrain und ähnlichen Ländern ist es egal, wenn der Diktator auf sein Volk schießen lässt; in Libyen muss man gegen den "Mad Dog" sofort mit High-Tech-Krieg durchgreifen. In Bahrain hat Chevron (kannte man bei uns früher als Texaco) schon den Fuß dick in der Tür; in Libyen liegen, größtenteils unerschlossen, die neuntgrößten Ölvorräte der Welt. Verstaatlicht. Honi soit qui mal y pense.

Oil reserves in Libya are the largest in Africa and the ninth largest in the world with 41.5 billion barrels (6.60×109 m3) as of 2007. Oil production was 1.8 million barrels per day (290×103 m3/d) as of 2006, giving Libya 63 years of reserves at current production rates if no new reserves were to be found. Libya is considered a highly attractive oil area due to its low cost of oil production (as low as $1 per barrel at some fields), and proximity to European markets. Libya would like to increase production from 1.8 Mbbl/d (290×103 m3/d) in 2006 to 3 Mbbl/d (480×103 m3/d) by 2010–13 but with existing oil fields undergoing a 7–8% decline rate, Libya's challenge is maintaining production at mature fields, while finding and developing new oil fields. Most of Libya remains unexplored as a result of past sanctions and disagreements with foreign oil companies. (Wikipedia, Hervorhebungen von mir)


Der Gaddafi hat sich wohl nicht von den Economic Hit Men kaufen lassen, drum muss er jetzt weg, damit jemand ran kommt, mit dem man leichter verhandeln kann. Das kann man ja auch keinem Industriestaat verübeln, Öl wird schließlich knapp und der Chinese steht vor der Tür und will Auto fahren.

Jean-Bertrand Aristide ist wieder in Haiti. Das ehemalige Nachrichtenmagazin bezeichnet ihn als "Despoten", der deutsche Wikipedia-Artikel ist sehr "kritisch" (so sehr, dass ich mich weigere, ihn zu verlinken), der ausführlichere, englische Wikipedia-Artikel scheint mir weniger einseitig und lässt auch eine Interpretation zu, die in mein Weltbild passt. Zu meinem Weltbild gehört die naive Hoffnung, dass nicht jeder, der sich für die Interessen der Schwachen einsetzt, mit der Annahme eines politischen Amtes automatisch zu einem Stalin (in der 20-Millionen-Opfer-Variante) wird. Das gilt dann auch erst mal für einen Befreiungstheologen, der behauptet, dass er zweimal mit Unterstützung der USA aus dem Amt geputscht wurde — das find ich durchaus plausibel; ich kann nachvollziehen, dass es dem Amerikaner an und für sich nicht so toll passt, wenn jemand den Armen erzählt, dass sie sowas wie Menschenrechte haben. Das könnte sich ja rumsprechen. Das kennen wir ja schon aus Lateinamerika.

In Haiti finden gerade Wahlen statt. Die Bewegung von Aristide, die vielleicht mit 60-70% der Stimmen hätte rechnen können, wurde gar nicht erst zur Wahl zugelassen. Natürlich wäre ein Aufstand in Haiti etwas ganz anderes als in Ägypten oder Libyen. In Haiti wären die Akteure ja nicht die vernetzte Mittelschichtsjugend, sondern die Lehmkeksfresser. Das wäre dann auch keine "Demokratiebewegung" oder ein "Befreiungskampf", sondern "Chaos, Krawall und Bandenkrieg". "Menschenmassen, die gegen ein Regime demonstrieren," würden zum "Mob, der Regierungsgebäude belagert." Und unsere transatlantischen Freunde, die weltweit die Demokratie verteidigen und glücklicherweise eh schon vor Ort sind, würden den (von 30%) demokratisch gewählten Präsidenten "by all means" vor den "insurgents" schützen.

Nachtrag, 22. April 2011: 23% Wahlbeteiligung, der gewählte Präsident bekam 67% der Stimmen. Netto also 15%.

Undercover Boss

MedienjunkieSchwarzseher Wow. Die Reality-Show Undercover Boss ist echt beeindruckend. Besser kann man innerhalb einer Stunde nicht demonstrieren, wie kaputt der Kapitalismus ist.

In jeder Folge arbeitet der CEO (oder COO oder CMO oder Inhaber) eines möglichst großen Konzerns in seiner Firma vier Tage lang inkognito neben rein zufällig ausgewählten Mitarbeitern — die alle (rein zufällig!) ein todkrankes oder behindertes Kind haben oder Opfer vergleichbarer Schicksalsschläge wurden.

Natürlich stellt sich der CEO bei manuellen Tätigkeiten unglaublich ungeschickt dran (wie menschlich!), hält auch mal die Produktion auf ("Das Fließband läuft viel zu schnell! Wie schafft Ihr das nur?" — wie menschlich!) oder zerstört massenhaft Ware ("Ich hab fünftausend Burger-Brötchen zerstört!" — wie menschlich!), und in den Pausen interessiert er sich für Familie und Hobbies seiner "Kollegen" und für ihre Nöte und Sorgen (wie menschlich!).

Nach dieser intensiven, viertägigen Erfahrung verwandelt er sich wieder in einen Businesskasper, lässt die vier Mitarbeiter in Stretch-Limousinen vor der Firmenzentrale vorfahren, empfängt sie in seinem Chef-Büro und überrascht sie mit der Mitteilung, dass er gar nicht Hank Smith ist, sondern der CEO.

"Es hat mich so unglaublich stolz gemacht, neben dir arbeiten zu dürfen, du bist so gut in deinem Job und so hochmotiviert, und trotz deines schlimmen Schicksals so freundlich zu Kunden und immer gut gelaunt — ich möchte, dass du in all unseren Filialen Seminare hälst und allen zeigst, wie man freundlich zu Kunden und immer gut gelaunt ist. Natürlich gibt es dafür auch mehr Gehalt!" Dann wird der CEO total menschlich, und verspricht mit Tränen in den Augen, dass der Konzern alle Behandlungskosten für das todkranke Kind übernimmt. "Wir sind doch alle eine große Familie!"

Selbstverständlich folgt umgehend ein Einzelinterview mit der MitarbeiterIn, die mit Tränen in den — fest in die Kamera gerichteten — Augen erklären darf, wie wichtig es für sie ist, dass sich all die harte Arbeit endlich gelohnt hat, dass der CEO sich wirklich aufrichtig für die Sorgen der kleinen Leute in seinem Konzern interessiert und dass einem so was Tolles nur in Amerika passieren kann!

Schließlich stellt sich der CEO auf eine Bühne vor seine "gesamte Belegschaft" (also die vier "Glücklichen" und ca. zweihundert Mitarbeiter aus der Buchhaltung in der Konzernzentrale, die als Statisten herhalten müssen), führt ihnen auf einer Leinwand die witzigsten (und menschlichsten!) Szenen "der letzten Woche" vor (die bereits sendereif geschnitten vorliegen, obwohl der CEO "gerade erst" zurück ist) und erklärt dann in einer Rede, wie sehr es ihn berührt hat, mit diesen tollen Menschen zu arbeiten — auch und gerade menschlich — und dass er künftig ein besserer Chef — aber auch ein besserer Mensch! — sein wird. Dann werden die "Glücklichen" nochmal unter dem Applaus der "gesamten Belegschaft" vom CEO umarmt und eine Einblendung verrät uns, dass es dem todkranken Kind inzwischen viel besser geht.

Ich hab hier eine typische US-Folge beschrieben — die Serie wurde in Großbritannien entwickelt und in der UK-Folge, die ich zum Vergleich sehen konnte, ging es für den CEO noch vorrangig darum, herauszufinden, welche Arbeitsabläufe "an der Basis" verbesserungsbedürftig sind. Aber das war den Amis wohl nicht unterhaltsam und schon gar nicht menschelnd genug.

Wie krank muss der Kapitalismus sein — insbesondere in den Augen der Arbeitnehmer in USA und UK — wenn sogar der CEO des Weltkonzerns Chiquita glaubt, dass es der Teilnahme an einer solch krassen (und durchschaubaren) Propagandaveranstaltung bedarf?

Und wie viele Zuschauer kommen wohl auf die Idee, dass in einem System etwas generell schief läuft, wenn ein todkrankes Kind nicht die notwendige medizinische Versorgung bekommt, bevor ein CEO mit gefärbten Haaren, einem Dreitagebart, einer Coverstory und einer Fernsehcrew als Retter auftaucht? Oder wenn jemand sieben Tage die Woche und in drei Jobs arbeiten muss, um ein Kind auf ein College schicken zu können, bis endlich ein CEO kommt und die Ausbildungskosten übernimmt? Und was ist mit den anderen 49996 Angestellten des Konzerns, die weiter zu eben jenem Hungerlohn arbeiten müssen, mit denen die uns vorgeführten Mitarbeiter kaum über die Runden kamen — was dem CEO Tränen in die Augen trieb — aber keine Gehaltserhöhung erhielten, weil sie nicht vor der Kamera standen?

Sind wir in der Arbeiterklasse wirklich schon so verblödet, dass man sowas ausstrahlen kann, ohne dass es einen Aufstand gibt?

Lt. Wikipedia gibt es die Serie bereits in UK, USA und Australien; Versionen für Dänemark, Spanien, die Türkei, Schweden, Norwegen, Belgien, die Niederlande und Israel sind in Vorbereitung. Ich bin gespannt, wann wir dran sind.

Nachtrag, 8. Januar 2011: RTL hat sich die Rechte tatsächlich bereits gesichert (Hollywood Reporter, Quotenmeter), die Dreharbeiten laufen angeblich bereits und die ersten Folgen sollen 2011 ausgestrahlt werden. (Danke für den Hinweis, Maschinist!)

Nachtrag, 9. Januar 2011: DailyFinance wirft einen Blick auf die Einkommensverhältnisse der Beteiligten:

For example, GSI Commerce (GSIC) CEO Michael G. Rubin, who appeared in the first season of the show, brought home more than $2.3 million in 2009. By comparison, the average customer service representative at his company makes $10.16 per hour, or just over $20,000 per year. […]

With stock options included, Chris McCann, the president of 1-800-Flowers (FLWS), makes $1,311,031, or about 100 times the salary of a customer service rep at his company. The same goes for Great Wolf Lodge (WOLF), where the average call center employee makes about 1.1% of the $1.7 million that goes to CEO Kimberly K. Schaefer. And Michael White, CEO of DirecTV (DTV), brought home about $1.5 million in 2009, 100 times the average salary of a DirecTV customer service representative. […]

The most egregious income disparity is at Chiquita (CQB), the massive fruit company. With a $7.6 million paycheck, CEO Fernando Aguirre ranks as Undercover Boss's highest-paid executive. While it's difficult to determine the salaries of the unskilled migrant workers that he worked alongside, a higher-echelon production manager job at the company pays $56,000 per year, or 0.7% of Aguirre's salary.


So ein "Undercover Boss"-CEO verdient in den USA also das Hundertfache seiner Untergebenen. Laut RTL ist das in Deutschland natürlich ganz anders. Markus Küttner, RTL-Chef für Comedy- und Real Life-Formate, meint im Interview mit DWDL.de:

"Ganz aktuell bringen wir jetzt 'Undercover Boss', ein in den USA und England sehr gut gelaufenes Format, nach Deutschland. Da produziert die MME gerade für uns. […] Was wir gerade bei diesem Format wieder gemerkt haben: Es ist immer wieder schwierig, gerade solche Doku- und Real Life-Formate von einem Markt und von einem Kulturkreis in den anderen zu transferieren. Unternehmensbosse leben in den USA viel öfter in einem Elfenbeinturm, völlig jenseits der Realität. Aber in Deutschland gehört es zum guten Ton mit seinem Sportwagen auch ab und an mal zu Aldi zu fahren um einzukaufen. Das Gefälle ist bei uns nicht so groß." [Hervorhebung von mir]


Ja, nee, is klar. So ein Ackermann verdient im Jahr über zehn Millionen Euro. Das heißt dann ja wohl, dass ein Angestellter der Deutschen Bank durchschnittlich über €100.000 verdienen muss, wenn das Gefälle bei uns "nicht so groß ist." Und das Internet ist bekanntlich voller Schnappschüsse von Dieter Bohlen, der gerade ALDI-Tüten in den Kofferraum seines Bugatti Veyron packt.

Ich frage mich übrigens, ob die zuständige Landesmedienanstalt dafür sorgen wird, dass RTL bei der Ausstrahlung der deutschen Fassung "Dauerwerbesendung" einblenden muss.

Noch ein Nachtrag: Die Angestellten haben in den meisten Folgen keine Ahnung, warum sie in die Firmenzentrale bestellt werden. Es ist offensichtlich, dass sie von dem Moment der Einladung bis zur "Auflösung" ("Ich bin der CEO!") in der Regel davon ausgehen, dass sie wegen Fehlverhaltens in die Zentrale beordert wurden. Die Macher der Sendung halten besonders gern die Kamera drauf, wenn die Angestellten in der Limousine darüber spekulieren, ob sie jetzt ihre Kündigung auf den Tisch bekommen. Ganz schön zynisch, gell?

Nachtrag, 6. April 2011: Verbockt und Verbloggt stimmt zu, dass es sich bei Undercover Boss um eine Dauerwerbesendung handelt. Die deutsche Mainstreampresse ist zu großen Teilen vom Konzept begeistert (hier sei nur das ehemalige Nachrichtenmagazin als Beispiel angeführt). Überrascht?

Nachtrag, 24. April 2011: Das Ferrnsehblog bei der FAZ:

Die größte Schwachstelle ist, dass die Sendung viel zu mechanisch funktioniert. Die Teilnehmer aus den Chefetagen müssen in jeder Folge dieselben Sprüche aufsagen ("Es geht nicht darum, die Mitarbeiter zu kontrollieren"). Und am Ende werden die durch die Verkleidung ihres Chefs getäuschten Mitarbeiter in die Firmenzentrale eingeladen, aufgeklärt und kurios beschenkt. Vielen Geschäftsführern scheint es weniger um die Verbesserungsvorschläge zu gehen, die sich aus dem Rollentausch tatsächlich herausdestillieren ließen, sondern bloß um Publicity mit Wohlfühlende.

Der Pizzachef hat minimale Verbesserungen am Bestellsystem angekündigt und eine intensivere Schulung der Angestellten beim Teigrollen. (Obwohl nur er selbst damit Probleme hatte.) Wie schade: RTL opfert damit die schöne Chance gesellschaftlicher Relevanz simpler Firmen-PR.

Ich kann Dich hören, Sackgesicht!

KabelfreakSpielkind LittleBigPlanet ist ein ausgesprochen schönes Hüpf-und-Renn-Spiel mit einem manchmal halbwegs funktionierenden Mehrspielermodus. Besonders unterhaltsam ist für mich die Tatsache, dass zahlreiche meiner zufällig zugewiesenen Mitspieler keine Ahnung haben, dass sie bei angeschlossenem Headset oder mikrofonbestückter Kamera jedes Geräusch im Raum an alle Spieler der Runde übertragen. Da ich weder über das eine, noch das andere verfüge, weiß ich nicht, ob bzw. wie viele Konfigurationsschritte nötig sind, um die Sprachübertragung zu aktivieren, oder ob beim Starten des Multiplayermodus gar eine Warnmeldung angezeigt wird, die die Betroffenen einfach nur überlesen.

Sackboy, der Protagonist von LittleBigPlanet
Ich weiß nur, dass ich mich gerne von der guten Laune anstecken lasse, die die von mir "Abgehörten" ausstrahlen. LittleBigPlanet macht nämlich echt Spaß. Außer wenn man sich doof dran stellt. Da ist z.B. dieses Level mit den riesigen Stoffwalzen (im Video ab 5:00), über die man äußerst geschickt hüpfen muss, um nicht in ein darunter loderndes Flammenmeer abzustürzen.

Genauer: man muss eigentlich nur dann geschickt sein, wenn man noch nicht verstanden hat, dass man sich an den Walzen festhalten kann — hat man das erst mal gerafft, ist das Level nicht mehr schwer.

Ich bin nicht von alleine drauf gekommen. Meine amerikanisch klingenden Mitspieler am Donnerstag auch nicht.

Im Mehrspielermodus versuchten wir das Level zu zweit bestimmt ein halbes Dutzend Mal. Am "anderen Ende" konnte ich einen Vater mit seiner Tochter hören, eine sonore und eine sehr helle, nach Kindergarten klingende Stimme. Ich schickte den beiden eine Textnachricht: "I can hear you" und konnte auch hören, wie der Papa sie vorlas, aber der Groschen schien nicht zu fallen. Die ersten vier, fünf Durchgänge waren sehr spaßig, ich freute mich an der hellen Begeisterung der Kinderstimme und fand es einfach total süüüüß, wenn die Kleine ganz traurig feststellte, dass ich wieder mal (temporär) gestorben war: "Awww, he died!"

Aber dann war plötzlich Schluss mit lustig: anscheinend wollte die Kleine auch mal spielen, verstand aber die Steuerung nicht sofort und schaffte es nicht, von einem Vorsprung runterzuhüpfen. Da verlor der eben noch bestens gelaunte Papa von einem Moment auf den anderen die Geduld mit seiner Tochter und begann, sie auf das Wüsteste zu beschimpfen. In der Zeit, die ich brauchte, um "I can hear you BOTH" über den Controller einzugeben und das Spiel zu verlassen — ich wollte nicht auch noch Ohrenzeuge einer körperlichen Züchtigung werden — erfuhr ich übrigens, dass es sich bei dem Kind um ein Mädchen handelte. Es gibt halt Schimpfwörter, die man einem Jungen nicht gibt, egal wie "fuckin' stupid" er sich dran stellt.