Aus pädagogischen Gründen sehe ich mich
mal wieder aufgefordert, auf den
Streisand-Effekt hinzuweisen: dadurch, dass der Bundestagsabgeordnete Lutz Heilmann (Die Linke) eine
einstweilige Verfügung zur Abschaltung der Weiterleitung von
www.wikipedia.de auf
de.wikipedia.org erwirkt hat, lenkt er die Aufmerksamkeit des halben Webs auf die Aussagen zu seiner Person. Ich verzichte auf die direkte Verlinkung — wir wollen ja nicht, dass der Mutantenstadl abgeschaltet wird — und verweise auf die Suchfunktion der Wikipedia oder auf Google. Eine
Google-Suche nach Lutz Heilmann liefert den (funktionierenden) Link zum Wikipedia-Artikel z.Zt. an dritter Stelle (und die — wohl vorübergehend abgeschaltete — Homepage des Abgeordneten an erster und zweiter).
Herr Heilmann ist nur zwei Jahre älter als ich und dennoch ein
alter Mann mit Kugelschreiber: er lässt m.E. die im einundzwanzigsten Jahrhundert erforderliche Medienkompetenz vermissen — ob er Recht hat oder nicht, er kämpft mit falschen Mitteln gegen den falschen Gegner. Vielleicht wäre er in der Produktion besser aufgehoben als im Parlament — wie
so viele seiner Kollegen.
Die
Biografie auf den Seiten des deutschen Bundestags weist übrigens darauf hin, dass Herr Heilmann einen »
verlängerten Wehrdienst« bei der Stasi absolviert hat: »1985 bis 1990 verlängerter Wehrdienst (Personenschutz MfS)«, dazu gibt’s einen interessanten Artikel bei
SpOn — wie schön, dass Heilmann pünktlich zum Beginn des Wahlkampfes 2009 nochmal die Aufmerksamkeit darauf lenkt, dass die Linkspartei nicht nur aus Ex-SPD-Mitgliedern und Gewerkschaftlern besteht.
Dieser Beitrag hat bewusst keinen sittlichen Nährwert und dient einzig der Verstärkung des Streisand-Effektes. Jochen Hoff findet deutlichere Worte.
Nachtrag: Am Samstag nachmittag, um 16:40, kam der Begriff »Wikipedia« auf der Google-Ergebnisseite mit den hundert besten Treffern für »Lutz Heilmann« 31x vor, der Begriff »Stasi« 5x (gezählt mit »lynx -dump -nolist … | grep -io … | wc -l«), Google bot außerdem ca. 30 Artikel auf der News-Seite an. Zweieinhalb Stunden später, um 19:10, zähle ich 69x »Wikipedia«, 10x »Stasi« und sehe einen Verweis auf »weitere 152 Artikel« auf Google News.
Noch ein paar Stunden später: 111 Erwähnungen von »Wikipedia« auf der Seite, 17x »Stasi«, 194 News-Artikel — und die Welle schwappt gerade erst in den englischen Sprachraum, vgl.
Slashdot. Und weil sich längst keiner mehr dafür interessiert, worum es bei der Sache ursprünglich ging (vgl. Heilmanns
Gegendarstellung bei HL-Live), wird bei den meisten Beobachtern fälschlicherweise hängen bleiben, dass Heilmann irgendwelche Details über seine Stasi-Vergangenheit zensieren wollte.
Nachtrag, 16. November 2008: Die ersten
Zeigefinger werden erhoben. Die Mahner tadeln den Mob und weisen auf die Verantwortung der Wikipedia-Macher hin, oder darauf, dass Heilmann doch eigentlich gar nix anderes übrig geblieben sei. Ich halte das für Mumpitz:
- Die Wikipedia ist in meinen Augen ein Stück Infrastruktur. Wenn jemand falsche Behauptungen per Mail verschickt, fordert auch niemand, SMTP in Deutschland abzuschalten oder Outlook zu verbieten.
- Änderungen an Artikeln in der Wikipedia sind i.d.R. nicht anonym, in den meisten Fällen sollte es möglich sein, den Verursacher zu ermitteln. Das ist Heilmann auch gelungen, lt. Heise hat er Strafanträge gegen
drei einen Wikipedia-Autoren gestellt.
- Die Wikipedia hat einen Mechanismus zur Sperrung von Artikeln. Bis mir jemand das Gegenteil zeigt, bin ich davon überzeugt, dass die Wikipedianer diesen Mechanismus nicht bewusst zum Schaden eines Betroffenen einsetzen.
- Herr Heilmann hat eine eigene Webpräsenz, die im Wikipedia-Artikel über ihn verlinkt ist. In den kurzen Phasen, in denen die Site in den letzten beiden Tagen online war, konnte ich da keinerlei Hinweis auf die Kontroverse entdecken. Es ist eine Sache, einen kontroversen Sachverhalt zu berichtigen oder klar zu stellen, es ist eine ganz andere Sache, die Kontroverse als ganzes unter den Teppich kehren zu wollen. Bei mir ist der Eindruck entstanden, dass es Heilmann um letzteres ging. (Das ging, wie nicht anders zu erwarten, gründlich in die Hose…)
- In der Sache bin ich übrigens ganz auf Seiten Heilmanns. Natürlich hat er ein Recht darauf, dass der Wikipedia-Artikel zu seiner Person faktisch korrekt ist und es ist schade, wenn er oder seine Mitarbeiter unnötig viel Zeit investieren müssen, um dafür zu sorgen. Das ist ungerecht und traurig… Bringt mir eine Amphore, auf dass ich eine Träne für ihn weinen kann! Dass ausgerechnet er die
bourgeoise bürgerliche Justiz auf ein Community-Projekt — das Wissenskollektiv — ansetzt, müffelt für mich trotzdem nach Bigotterie.
Was wird beim oberflächlichen Beobachter hängen bleiben? »Die Linke ist die Partei mit dem Stasimann, der die Wikipedia verbieten wollte.« Ich hab schon genug Mühe damit, Lafontaine gegen die üblichen Vorwürfe (»predigt Wasser, trinkt Wein«, »wirft hin, sobald er Verantwortung übernehmen muss«, »fordert Enteignung«, »Populist«, »Demagoge«) zu verteidigen, da hat mir sowas gerade noch gefehlt.
Aber meine Loyalität gegenüber »dem Internet« ist deutlich größer als meine Loyalität gegenüber der Linken. Bei aller Sympathie für die politischen Ziele der Linken — die Erfahrungen mit der SPD und den Grünen haben mich gelehrt, dass man Parteien in diesem System nicht trauen darf. Ich setze größere Hoffnung in ein unzensierbares Internet als »Motor des gesellschaftlichen Wandels« als in eine Partei, die sich so wunderbar ins System einfügt.
Voraussichtlich letzter Nachtrag:
Duckhome dokumentiert und kommentiert eine Pressemitteilung von Lutz Heilmann, Auszug:
Ich bedaure außerordentlich, dass durch die von mir beantragte Einstweilige Verfügung des Landgerichts Lübeck die deutschen Wikipedia-Userinnen und -User in den letzten 24 Stunden keinen direkten Zugriff mehr auf die Wikipedia-Inhalte hatten.
Mir ging es dabei keineswegs um Zensur, sondern schlicht um eine wahre Tatsachen-Darstellung. Der juristische Weg hat sich dafür insoweit als problematisch erwiesen, als durch die Struktur von Wikipedia die anderen Userinnen und User in Mitleidenschaft gezogen werden. Das war nicht meine Absicht.
’nuff said.
Nachtrag, 18. November 2008: Einen hab ich noch (via
Heise und
taz):
Ich habe zu kurz gedacht und die Folgen nicht überschaut. — Lutz Heilmann
Klingt wie das Motto großer Teile unserer politischen »Elite«.