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Undercover Boss

MedienjunkieSchwarzseher Wow. Die Reality-Show Undercover Boss ist echt beeindruckend. Besser kann man innerhalb einer Stunde nicht demonstrieren, wie kaputt der Kapitalismus ist.

In jeder Folge arbeitet der CEO (oder COO oder CMO oder Inhaber) eines möglichst großen Konzerns in seiner Firma vier Tage lang inkognito neben rein zufällig ausgewählten Mitarbeitern — die alle (rein zufällig!) ein todkrankes oder behindertes Kind haben oder Opfer vergleichbarer Schicksalsschläge wurden.

Natürlich stellt sich der CEO bei manuellen Tätigkeiten unglaublich ungeschickt dran (wie menschlich!), hält auch mal die Produktion auf ("Das Fließband läuft viel zu schnell! Wie schafft Ihr das nur?" — wie menschlich!) oder zerstört massenhaft Ware ("Ich hab fünftausend Burger-Brötchen zerstört!" — wie menschlich!), und in den Pausen interessiert er sich für Familie und Hobbies seiner "Kollegen" und für ihre Nöte und Sorgen (wie menschlich!).

Nach dieser intensiven, viertägigen Erfahrung verwandelt er sich wieder in einen Businesskasper, lässt die vier Mitarbeiter in Stretch-Limousinen vor der Firmenzentrale vorfahren, empfängt sie in seinem Chef-Büro und überrascht sie mit der Mitteilung, dass er gar nicht Hank Smith ist, sondern der CEO.

"Es hat mich so unglaublich stolz gemacht, neben dir arbeiten zu dürfen, du bist so gut in deinem Job und so hochmotiviert, und trotz deines schlimmen Schicksals so freundlich zu Kunden und immer gut gelaunt — ich möchte, dass du in all unseren Filialen Seminare hälst und allen zeigst, wie man freundlich zu Kunden und immer gut gelaunt ist. Natürlich gibt es dafür auch mehr Gehalt!" Dann wird der CEO total menschlich, und verspricht mit Tränen in den Augen, dass der Konzern alle Behandlungskosten für das todkranke Kind übernimmt. "Wir sind doch alle eine große Familie!"

Selbstverständlich folgt umgehend ein Einzelinterview mit der MitarbeiterIn, die mit Tränen in den — fest in die Kamera gerichteten — Augen erklären darf, wie wichtig es für sie ist, dass sich all die harte Arbeit endlich gelohnt hat, dass der CEO sich wirklich aufrichtig für die Sorgen der kleinen Leute in seinem Konzern interessiert und dass einem so was Tolles nur in Amerika passieren kann!

Schließlich stellt sich der CEO auf eine Bühne vor seine "gesamte Belegschaft" (also die vier "Glücklichen" und ca. zweihundert Mitarbeiter aus der Buchhaltung in der Konzernzentrale, die als Statisten herhalten müssen), führt ihnen auf einer Leinwand die witzigsten (und menschlichsten!) Szenen "der letzten Woche" vor (die bereits sendereif geschnitten vorliegen, obwohl der CEO "gerade erst" zurück ist) und erklärt dann in einer Rede, wie sehr es ihn berührt hat, mit diesen tollen Menschen zu arbeiten — auch und gerade menschlich — und dass er künftig ein besserer Chef — aber auch ein besserer Mensch! — sein wird. Dann werden die "Glücklichen" nochmal unter dem Applaus der "gesamten Belegschaft" vom CEO umarmt und eine Einblendung verrät uns, dass es dem todkranken Kind inzwischen viel besser geht.

Ich hab hier eine typische US-Folge beschrieben — die Serie wurde in Großbritannien entwickelt und in der UK-Folge, die ich zum Vergleich sehen konnte, ging es für den CEO noch vorrangig darum, herauszufinden, welche Arbeitsabläufe "an der Basis" verbesserungsbedürftig sind. Aber das war den Amis wohl nicht unterhaltsam und schon gar nicht menschelnd genug.

Wie krank muss der Kapitalismus sein — insbesondere in den Augen der Arbeitnehmer in USA und UK — wenn sogar der CEO des Weltkonzerns Chiquita glaubt, dass es der Teilnahme an einer solch krassen (und durchschaubaren) Propagandaveranstaltung bedarf?

Und wie viele Zuschauer kommen wohl auf die Idee, dass in einem System etwas generell schief läuft, wenn ein todkrankes Kind nicht die notwendige medizinische Versorgung bekommt, bevor ein CEO mit gefärbten Haaren, einem Dreitagebart, einer Coverstory und einer Fernsehcrew als Retter auftaucht? Oder wenn jemand sieben Tage die Woche und in drei Jobs arbeiten muss, um ein Kind auf ein College schicken zu können, bis endlich ein CEO kommt und die Ausbildungskosten übernimmt? Und was ist mit den anderen 49996 Angestellten des Konzerns, die weiter zu eben jenem Hungerlohn arbeiten müssen, mit denen die uns vorgeführten Mitarbeiter kaum über die Runden kamen — was dem CEO Tränen in die Augen trieb — aber keine Gehaltserhöhung erhielten, weil sie nicht vor der Kamera standen?

Sind wir in der Arbeiterklasse wirklich schon so verblödet, dass man sowas ausstrahlen kann, ohne dass es einen Aufstand gibt?

Lt. Wikipedia gibt es die Serie bereits in UK, USA und Australien; Versionen für Dänemark, Spanien, die Türkei, Schweden, Norwegen, Belgien, die Niederlande und Israel sind in Vorbereitung. Ich bin gespannt, wann wir dran sind.

Nachtrag, 8. Januar 2011: RTL hat sich die Rechte tatsächlich bereits gesichert (Hollywood Reporter, Quotenmeter), die Dreharbeiten laufen angeblich bereits und die ersten Folgen sollen 2011 ausgestrahlt werden. (Danke für den Hinweis, Maschinist!)

Nachtrag, 9. Januar 2011: DailyFinance wirft einen Blick auf die Einkommensverhältnisse der Beteiligten:

For example, GSI Commerce (GSIC) CEO Michael G. Rubin, who appeared in the first season of the show, brought home more than $2.3 million in 2009. By comparison, the average customer service representative at his company makes $10.16 per hour, or just over $20,000 per year. […]

With stock options included, Chris McCann, the president of 1-800-Flowers (FLWS), makes $1,311,031, or about 100 times the salary of a customer service rep at his company. The same goes for Great Wolf Lodge (WOLF), where the average call center employee makes about 1.1% of the $1.7 million that goes to CEO Kimberly K. Schaefer. And Michael White, CEO of DirecTV (DTV), brought home about $1.5 million in 2009, 100 times the average salary of a DirecTV customer service representative. […]

The most egregious income disparity is at Chiquita (CQB), the massive fruit company. With a $7.6 million paycheck, CEO Fernando Aguirre ranks as Undercover Boss's highest-paid executive. While it's difficult to determine the salaries of the unskilled migrant workers that he worked alongside, a higher-echelon production manager job at the company pays $56,000 per year, or 0.7% of Aguirre's salary.


So ein "Undercover Boss"-CEO verdient in den USA also das Hundertfache seiner Untergebenen. Laut RTL ist das in Deutschland natürlich ganz anders. Markus Küttner, RTL-Chef für Comedy- und Real Life-Formate, meint im Interview mit DWDL.de:

"Ganz aktuell bringen wir jetzt 'Undercover Boss', ein in den USA und England sehr gut gelaufenes Format, nach Deutschland. Da produziert die MME gerade für uns. […] Was wir gerade bei diesem Format wieder gemerkt haben: Es ist immer wieder schwierig, gerade solche Doku- und Real Life-Formate von einem Markt und von einem Kulturkreis in den anderen zu transferieren. Unternehmensbosse leben in den USA viel öfter in einem Elfenbeinturm, völlig jenseits der Realität. Aber in Deutschland gehört es zum guten Ton mit seinem Sportwagen auch ab und an mal zu Aldi zu fahren um einzukaufen. Das Gefälle ist bei uns nicht so groß." [Hervorhebung von mir]


Ja, nee, is klar. So ein Ackermann verdient im Jahr über zehn Millionen Euro. Das heißt dann ja wohl, dass ein Angestellter der Deutschen Bank durchschnittlich über €100.000 verdienen muss, wenn das Gefälle bei uns "nicht so groß ist." Und das Internet ist bekanntlich voller Schnappschüsse von Dieter Bohlen, der gerade ALDI-Tüten in den Kofferraum seines Bugatti Veyron packt.

Ich frage mich übrigens, ob die zuständige Landesmedienanstalt dafür sorgen wird, dass RTL bei der Ausstrahlung der deutschen Fassung "Dauerwerbesendung" einblenden muss.

Noch ein Nachtrag: Die Angestellten haben in den meisten Folgen keine Ahnung, warum sie in die Firmenzentrale bestellt werden. Es ist offensichtlich, dass sie von dem Moment der Einladung bis zur "Auflösung" ("Ich bin der CEO!") in der Regel davon ausgehen, dass sie wegen Fehlverhaltens in die Zentrale beordert wurden. Die Macher der Sendung halten besonders gern die Kamera drauf, wenn die Angestellten in der Limousine darüber spekulieren, ob sie jetzt ihre Kündigung auf den Tisch bekommen. Ganz schön zynisch, gell?

Nachtrag, 6. April 2011: Verbockt und Verbloggt stimmt zu, dass es sich bei Undercover Boss um eine Dauerwerbesendung handelt. Die deutsche Mainstreampresse ist zu großen Teilen vom Konzept begeistert (hier sei nur das ehemalige Nachrichtenmagazin als Beispiel angeführt). Überrascht?

Nachtrag, 24. April 2011: Das Ferrnsehblog bei der FAZ:

Die größte Schwachstelle ist, dass die Sendung viel zu mechanisch funktioniert. Die Teilnehmer aus den Chefetagen müssen in jeder Folge dieselben Sprüche aufsagen ("Es geht nicht darum, die Mitarbeiter zu kontrollieren"). Und am Ende werden die durch die Verkleidung ihres Chefs getäuschten Mitarbeiter in die Firmenzentrale eingeladen, aufgeklärt und kurios beschenkt. Vielen Geschäftsführern scheint es weniger um die Verbesserungsvorschläge zu gehen, die sich aus dem Rollentausch tatsächlich herausdestillieren ließen, sondern bloß um Publicity mit Wohlfühlende.

Der Pizzachef hat minimale Verbesserungen am Bestellsystem angekündigt und eine intensivere Schulung der Angestellten beim Teigrollen. (Obwohl nur er selbst damit Probleme hatte.) Wie schade: RTL opfert damit die schöne Chance gesellschaftlicher Relevanz simpler Firmen-PR.

Die sichersten Atomkraftwerke der Welt

MedienjunkieSchwarzseher Ich hab mich die Tage gefragt, ob es anderswo in der Welt Politiker gibt, die ihren Wählern erzählen: "Wir haben zwar nicht die sichersten Kernkraftwerke — die haben bekanntlich die Deutschen — aber unsere sind auch ziemlich gut."

Sollte jemand ein entsprechendes Zitat finden, würde ich mich über eine Quelle freuen.

Wie man in den Wald hinein ruft...

Kabelfreak Ein Kollege hatte mir ein interessantes Angebot weitergeleitet: ein kleiner Netgear-GE-Switch zu einem, dank mitgeliefertem Gutschein-Code, sehr attraktiven Preis. Ich hab bestellt.

Am folgenden Tag bekam ich eine Mail, die mich — ohne jede Erläuterung — darüber informierte, dass die Gutschrift storniert worden sei.

Ich hab meine Bestellung dann natürlich komplett storniert. Mein gleichzeitig geäußerter Wunsch, dass meine Adressdaten aus den Datenbanken des Lieferanten gelöscht werden sollen, wurde ignoriert. Meinen Account im Webshop könne ich selbst "deaktivieren", wurde mir geantwortet. Ich hab daraufhin auf §35 BDSG verwiesen: schließlich ist offensichtlich kein Kaufvertrag zustande gekommen, sonst hätte der Lieferant die Bestellung ja nicht nachträglich und einseitig zu seinen Gunsten ändern können. Es gibt also keinen Grund, warum die Firma weiterhin über meine Daten verfügen können sollte, weder im Webshop noch in der Fibu. Genügt der Hinweis auf das Bundesdatenschutzgesetz noch nicht, werde ich in Erwägung ziehen, mich an meinen Datenschutzbeauftragten zu wenden.

Nur mal so als Hinweis… hätte die Stornierung der Gutschrift eine erläuternde, entschuldigende Formulierung enthalten, sowas wie "Wir bitten um Verständnis, dass uns ein technischer Fehler unterlaufen ist, als wir den Gutschein angekommen haben", wäre alles gut gewesen. Der Grundpreis des Switches wäre immer noch attraktiv genug gewesen um die Bestellung aufrecht zu erhalten. Aber so eine schlechte Kundenkommunikation kann ich aus prinzipiellen Erwägungen nicht mit Umsatz belohnen. Im Gegenteil, ich werde alles daran setzen, dass die Kommunikation mit mir den Lieferanten mehr als die €3,99 kostet, mit denen er mich ursprünglich auf www.¢¥b€rport.de gelockt hatte.