»Allen Völkern sollte inzwischen lebendig vor Augen geführt sein, daß das Schicksal jedes Staates mehr denn je in der Vergangenheit mit dem Schicksal seiner Nachbarn verflochten ist.«
Unausgeglichener Außenhandel:
»Kein Staat kann auf die Dauer einen wirklichen Vorteil aus der Not der anderen Länder erwarten.«
Banken-Bailout:
»Die verderblichen Folgen politischer Zahlungen ohne wirtschaftliche Gegenleistungen haben die gesamte Weit ohne Ausnahme in heute noch unabsehbare Bedrängnis geführt.«
Konjunkturprogramme:
»Die weitschauende Initiative des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika hat leider nur eine vorübergehende Erleichterung geschaffen, so groß auch ihre Bedeutung war und so dankbar sie vom deutschen Volk empfunden wurde.«
Sparpakete:
»Die Regierung nimmt es für sich als einen Erfolg in Anspruch, daß sie rechtzeitig und als erste im Kreis der großen Nationen mit entscheidenden Sparmaßnahmen in den öffentlichen Ausgaben und mit möglichster Senkung der Erzeugungskosten begonnen hat.«
Stabile Währung:
»Dieses Programm hat als erste Voraussetzung die Aufrechterhaltung der Stabilität unserer Währung, an der unter keinen Umständen gerüttelt werden kann.«
Entwicklung am Arbeitsmarkt:
»Daß alles nicht so falsch ist, beweist ja auch die Tatsache, daß selbst in dem Augenblick der schwersten Krise es nicht so ist, daß die Arbeitslosigkeit in den vergangenen vier Wochen in einem Umfange gestiegen ist, wie wir ihn ursprünglich nach der Lage der ganzen Weltsituation uns selbst berechnet hatten.«
Ja, das ist der Beweis. Danke, Herr Brüning. Die Zitate entstammen seiner Regierungserklärung vom 31. Oktober 1931.
Okay, bei zwei Punkten (»Unausgeglichener Außenhandel« und »Banken-Bailout«) hab ich gemogelt — da bezog sich Brüning in Wahrheit auf die Reparationszahlungen. Und das große Konjunkturpaket kam dieses Mal nicht aus den USA, sondern aus China. Aber ist es nicht gerade zu unheimlich, wie sehr die Zitate auf die heutige Situation passen? Besonders die Bemerkung zur Arbeitslosigkeit. Anscheinend wussten die vor achtzig Jahren auch schon, wie man Statistiken fälscht.
Auch nicht schlecht: »Der oberste Grundsatz für die Finanzpolitik jeden Staates, und ganz besonders natürlich für die Finanzpolitik eines Staates, der sich in einer solchen Notlage befindet wie der preussische Staat, ist der, dass nicht mehr Geld ausgegeben werden kann, als eingenommen wird. Die preussische Staatsregierung ist aus dieser Erkenntnis heraus entschlossen, dem Parlament unter allen Umständen einen ausgeglichenen Etat vorzulegen.« — Otto Klepper, preussischer Finanzminister, 23. Dezember 1931
Der Unterschied zwischen damals und heute ist natürlich, dass wir damals wirklich Schulden hatten, während wir heute, volkswirtschaftlich betrachtet, dem Rest der Welt gegenüber Gläubiger sind. Ja, wenn man die Staatsverschuldung auf die achtzig Millionen Bewohner Deutschlands umlegt, steht jeder mit €20.000 in der Kreide — aber dafür gehört ihm auch ein entsprechender Anteil der staatlichen Infrastruktur, u.a. fünfzehn Zentimeter Autobahn und fast ein Meter Schiene. Und wenn man alleine das Barvermögen (ja, Bargeld!) in Deutschland auf alle Bewohner verteilen würde, hätte jeder, nach Tilgung der Schulden, noch ca. €40.000 übrig (…wenn Ihr einen auf schwäbisches Milchmädchen macht, darf ich das auch).
Das Problem ist in meinen Augen nicht, dass wir nicht genug haben und wir uns mit Staatsschulden an den kommenden Generationen versündigen — die kriegen nämlich nicht nur die Schulden vererbt, sondern auch die dazu gehörenden Forderungen und die damit geschaffene Infrastruktur. Das Problem ist, dass die Staatsschuld nur einer von vielen Mechanismen in unserer Gesellschaft ist, die »von unten nach oben« umverteilen. Würde, wie so oft behauptet wird, mehr »von oben nach unten« umverteilt, würden die Zahlen (z.B. der OECD oder des statistischen Bundesamtes) ja nicht Jahr für Jahr zeigen, dass sich »Wohlstandsgefälle« und »Einkommensdisparität« vergrößern.
Als die USA mal so richtig nötig Geld brauchten, holten sie es sich von den Reichen. Income tax in the United States (Wikipedia, Hervorhebung von mir):
- During World War I, the top rate rose to 77% and the income threshold to be in this top bracket increased to $1,000,000 ($16 million 2007 dollars); after the war, the top rate was scaled down to a low of 24% and the income threshold for paying this rate fell to a low of $100,000 ($1 million 2007 dollars).
- During the Great Depression and World War II, the top income tax rate rose from pre-war levels. In 1939, the top rate was 75% applied to incomes above $5,000,000 ($75 million 2007 dollars). During 1944 and 1945, the top rate was its all-time high at 94% applied to income above $200,000.
Hat schon mal jemand was davon gehört, dass es den Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg schlecht ging, weil 1944/45 die ganzen Leistungsträger ausgewandert sind? Ich auch nicht. Und wir müssten nicht mal einen Krieg gewinnen, sondern erst mal bloß dafür sorgen, dass es keine Kinder mehr gibt, die mit knurrendem Magen zur Schule gehen, und dass sie alle, ungeachtet ihrer Herkunft, eine ordentliche Bildung bekommen können. Aber nicht mal das ist uns wichtig genug, um dafür auf die Straße zu gehen (und uns für unsere Überzeugungen ein bisschen Dresche von den Freunden und Helfern abzuholen). Die haben uns prima dressiert.
Nachtrag, 28. Juni 2010: Krugman:
Neither the Long Depression of the 19th century nor the Great Depression of the 20th was an era of nonstop decline — on the contrary, both included periods when the economy grew. But these episodes of improvement were never enough to undo the damage from the initial slump, and were followed by relapses.
We are now, I fear, in the early stages of a third depression. It will probably look more like the Long Depression than the much more severe Great Depression. But the cost — to the world economy and, above all, to the millions of lives blighted by the absence of jobs — will nonetheless be immense.
And this third depression will be primarily a failure of policy. Around the world — most recently at last weekend’s deeply discouraging G-20 meeting — governments are obsessing about inflation when the real threat is deflation, preaching the need for belt-tightening when the real problem is inadequate spending.
Und warum haben wir in Deutschland dann nicht viel mehr Arbeitslose, wenn wir alles falsch machen? Na, dieser (minimale) »Aufschwung« wird einzig vom Export getrieben, das spricht dafür, dass wir gerade vom »Inventory bounce« profitieren: Firmen, die lange wenig produziert und ihr Lager abverkauft haben, erhöhen ihre Produktion, um ihr Lager wieder auf das alte Niveau zu bringen:
Firms usually keep a certain amount of inventory. When an economy faces a recession, sales might be unexpectedly low, which results in unexpectedly high inventory. In the next period, firms cut production so that inventory will drop to their desired levels, which results in even lower GDP. Subsequently, firms might increase the production back up to maintain the usual level of inventory, which causes the GDP to bounce back. This bounce back is called an inventory bounce. (Wikipedia)
…und wenn das Wachstum überwiegend auf diesen Effekt zurück zu führen ist, ist der Spaß nicht von langer Dauer. Mal ganz abgesehen davon, dass unsere Arbeitslosenzahlen zum einen so schön sind, weil wir sie so gründlich fälschen, und dass es im Rest Europas oder auch nur des EU-Raums teilweise sehr viel schlechter aussieht — siehe oben: »Allen Völkern sollte inzwischen lebendig vor Augen geführt sein, daß das Schicksal jedes Staates mehr denn je in der Vergangenheit mit dem Schicksal seiner Nachbarn verflochten ist.«



