Nach dem Eklat mit
Eva Herman musste sich
Johannes B. Kerner (das »B.« steht für »tiBerius«) von
Frank Plasberg ins Stammbuch schreiben lassen, dass man sich als Talkmaster keinen Gast einlädt, der allein gegen alle anderen Gäste steht.
Richard Dawkins stand gestern Abend gegen zwei aufgeregte
Pfaffen Bischöfe,
Heiner Geißler und JBK (und einen leicht überforderten Dolmetscher). Also ein Wissenschaftler gegen vier professionelle Labertaschen. Im Sinne der Fairness verteilte JBK die Redezeit gleichmäßig auf seine Gäste: drei christliche Statements, eine schnippische Überspitzung von JBK, eine Antwort von Dawkins. Alan Posener bezeichnete die Situation in
Welt Online als »Tribunal«.
Kerner: Herr Jaschke, welche guten Gründe gibt es dafür, an Gott zu glauben?
Jaschke: Der Glaube an Gott ist erst mal natürlich eine Sache des eigenen Herzens. Ich frage: »Warum lebe ich? Warum gibt es diese Welt? Warum versage ich, bin ich glücklich? Was umgibt mich? Warum empfinde ich etwas als schön? Warum leide ich?« Und das sind Menschheitsfragen seit dem Beginn und auf diese Frage nach dem Warum versucht der Glaube zu antworten. Und wir haben eine ganz positive Antwort im Glaube, wie er sich in der Bibel darstellt, das ist kein Buch, das vom Himmel gefallen ist, das ist ein Buch voller Glaubenserfahrungen, natürlich aus tausend Jahren und sie sind auch gemischt. Da gibt es manches, was nicht in unsere Zeit passt, und was sehr zeitbedingt ist aus damaligen Verständnissen heraus, aber wenn wir das Ganze der Bibel nehmen, da begegnet uns ein sehr menschenfreundliches Bild von Gott. Der barmherzige Gott. Der Gott der immer größer ist als alles, was Menschen anrichten und wenn wir in die Gestalt Jesu schauen, sehen wir Gott, der mitleidet und der ans Kreuz geht und der sich mit den geringsten Menschen eins macht. Das ist für mich eine starke Motivation von Gott zu sprechen.
Es gibt also Fragen, auf die wir (noch) keine gute Antwort geben können. Also zieht man man eine inkonsistente Sammlung von plagiarisierten Mythen, Märchen, Legenden und historischen Berichten zu Rate, wertet die Teile, die »nicht in unsere Zeit passen« als »Glaubenserfahrung« (ignorieren darf man sie genauso wenig wie ernst nehmen) und die Teile, die in unsere Zeit passen, als Bestätigung der Aussagekraft der Bibel für unsere Zeit.
Meine Oma hat mir noch beigebracht, dass die Geschichten im alten Testament wirklich passiert seien. Da war sie wohl nicht auf dem neusten Stand. Die Wikipedia sagt zum Thema Sintflut:
Viele heutige Exegeten bestehen nicht auf einer Historizität der Genesistexte, sondern weisen ihnen den Charakter eines Mythos zu, in dem sich Glaubenserfahrung ausdrückt. Von römisch-katholischer oder protestantisch-landeskirchlicher Seite wird eine Geschichtlichkeit der Sintflut nicht als notwendiger Bestandteil christlichen Glaubens angesehen. In Kreisen evangelikaler Christen gilt die Sintflut dagegen bis heute als historisches Ereignis.
Zu diesen Geschichten gesellt sich jedenfalls eine von Dritten ausgewählte Sammlung von verspätet erschienen Biografien eines Mannes, der an einen Baumstamm genagelt worden war, weil er gesagt hatte, wie phantastisch er sich das vorstelle, wenn die Leute zur Abwechslung mal nett zueinander wären. Auch hier kann man sich mehr oder weniger aussuchen, was genau davon man denn glaubt. Oder man lässt es sich von den Profis vorgeben, die ihre Meinung alle paar Jahrzehnte den Gegebenheiten anpassen.
Und dann kann man sich die von Jaschke angeführten Menschheitsfragen alle nochmal stellen und sie alle beantworten: »Weil Gott es in seiner unergründlichen Weisheit so wollte!« Da sehe ich jetzt nicht so den überragenden Erkenntnisgewinn. Und ich finde, dass es eine Menge guter Gründe gibt, auch ohne unsichtbaren Aufpasser nett zueinander zu sein.
Okay, Jaschke hatte auch keine große Chance, mich zu überzeugen. Als katholischer Bischof muss er einfach hauptberuflich zu viele abgefahrene Sachen glauben, als dass ihn das nicht beeinflussen würde.
Gleiche Frage an den anderen Bischof: gute Gründe, an Gott zu glauben?
Huber: Versuchen würde ich natürlich daran zu appellieren, dass jeder von uns irgendwo die Erfahrung hat, dass er sein Leben nicht selber geschaffen hat, sondern dankbar als eine Gabe annimmt, mit der er verantwortlich umgehen soll. Jeder von uns hat ein Gefühl dafür, dass das eigene Leben, die eigene Person, aber auch die Person des Nächsten, eine Würde und eine Bedeutung hat, ein Gewicht hat, das über die eigene Leistungsfähigkeit hinaus geht. Jeder von uns hat ein Gefühl dafür, dass wir eine Kraft brauchen, mit deren Hilfe wir neu anfangen können, wenn wir gescheitert sind. Dieses Gefühl der Dankbarkeit und der Zuversicht, das sind die beiden Grundelemente, aus denen der christliche Glaube besteht, wie er uns in der Person Jesu Christi begegnet, in dem Gottes menschliches Angesicht uns entgegen tritt.
Das Beste aus dem eigenen Leben machen. Menschenwürde für alle. Um solche Ideen über ein paar Tausend Jahre zu entwickeln (die sind nämlich noch ziemlich frisch) braucht man einen persönlichen, allwissenden, allmächtigen, allgegenwärtigen, antropomorphen Gott, der auf Gebete hört und gelegentlich auch mal selbst Hand anlegt? Ich hab den Verdacht, dass die Kirche bei dieser Entwicklung nicht durchgängig hilfreich war.
Nicht mal von einem Bischof kann man auf so eine klare Frage eine klare Antwort bekommen. Ich beneide den Dolmetscher, der diese Textbausteine für Dawkins ins Englische übertragen musste, wirklich nicht um seinen Job.
Dawkins hatte einen harten Stand, JBK lies ihm keine Gelegenheit, mit einem anderen Gast in einen Dialog zu geraten, die Stimmung war eher gereizt, die Sympathien des Publikums lagen eindeutig bei den deutschen Würdenträgern. An persönlichen Angriffen mangelte es auch nicht, Dawkins wurde von den Bischöfen als Fundamentalist und Dogmatiker bezeichnet und der Unwissenschaftlichkeit bezichtigt. Okay, so ein Bischof nimmt einen generellen Angriff gegen alle Religionen halt doch irgendwie persönlich.
Dawkins war angreifbar, weil er sich in seinem Buch stark auf die gefährlichen fundamentalistischen Trends in den USA bezieht, die uns in Deutschland in der Tat absurd erscheinen müssen und die Huber klein redete (sinngemäß: »50% der amerikanischen Christen glauben an die Schöpfungslehre im Wortsinn« — »Gar nicht wahr, ich hab ein evangelikales College besucht, an dem kein Lehrer Kreationismus lehrt«). Und unsere ach so liberalen Bischöfe ließen Dawkins einfach durch offene Türen rennen.
Meine Oma hatte mir noch beigebracht, dass Sünder in die Hölle kommen. Da war sie wohl nicht auf dem neusten Stand. Und viele der Christen in Italien, Polen und Nord- wie Südamerika auch nicht. Bei den deutschen Christen spielt die Hölle jedenfalls lt. der Bischöfe »seit fünfzig Jahren keine große Rolle mehr«.
Wer die Sendung mit Eva Herman gesehen hat, weiß schon, was kommt, wenn Kerner anbietet: »Lassen Sie uns über konkrete Thesen aus Ihrem Buch sprechen.« Richtig, dann geht’s nicht um Thesen, sondern um besonders reißerische, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate: religiöse Erziehung als Kindesmisshandlung und so was. Kerner ließ Dawkins kaum Zeit, den Kontext der Zitate zu klären, geschweige denn, auf die Angriffe der anderen Gäste einzugehen. Der Fangschuss war dann das Reißerzitat schlechthin, das man auch in jeder zweiten Buchbesprechung von »
Der Gotteswahn« findet:
Der Gott des Alten Testaments ist die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur[1]: Er ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger, ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, grössenwahnsinniger (...)[2], launisch-boshafter Tyrann.
[1] Hier wirft Dawkins ein, dass er nicht »Literatur«, sondern »Dichtung« geschrieben habe. Das kann ich bestätigen, ich lese gerade die englische Fassung seines Buchs, »The God Delusion«, und da steht »in all fiction«.
[2] Das in der Einblendung bei Kerner fehlende Adjektiv lautet »sadomasochistisch«.
Das Zitat kann man sich im Original in diesem Vortrag von Dawkins anhören, ab 05:35.
Darauf antwortete Dawkins bloß: »Have you actually read those books?«
Kleine Auffrischung für diejenigen, die den Pentateuch & Co. jetzt nicht so im Kopf haben:
•
Steinigung bei Gotteslästerung, Götzendienst, Sabbatschändung, Ehebruch, Epilepsie (»Besessenheit«), Todestrafe für unerlaubtes Betreten heiligen Bodens, Sodomie, Homosexualität, Inzest, Verkehr mit einer Frau während ihrer Monatsregel, Hurerei
•
Sodom und Gomorrha, inkl. Lots Frau, die in eine Salzsäule verwandelt wird, nur weil sie sich mal umguckt
• die
Sintflut, bei der mal schnell die ganze Menschheit weggespült wird, müssen wohl alles schlechte Menschen gewesen sein, inkl. der Kinder
• Isaak, der von seinem Vater
Abraham als Menschenopfer dargebracht werden soll, aber war ja nur ein Test, haha
•
Onan, der von Gott getötet wurde, weil er sich dagegen sträubte, der Frau seines verstorbenen Bruders ein Kind zu machen
• das Erstgeborene von
Bathseba, das Gott getötet hat, um den Vater, König David, zu strafen
• die
zehn biblischen Plagen, die jede Menge Kollateralschaden bei Unschuldigen angerichtet haben müssen, inkl. aller Erstgeborenen der Ägypter, um die sich die Engel des Herrn persönlich gekümmert haben
Meine Oma hat mir damals eine Kinderbibel geschenkt, selbst die entschärften Versionen einiger dieser Geschichten fand ich ziemlich verstörend.
Wer diese Geschichten zum Mythos erklärt, kann sich doch dann auch nicht wirklich über diese genauso treffende wie amüsante Beschreibung von Dawkins aufregen? Doch kann man. Ein Jaschke kann es absichtlich falsch verstehen und sich empören und dafür Applaus kassieren. Und ein Huber kann sogar Auschwitz erwähnen und Dawkins Antisemitismus (er sagte »Antijudaismus«) unterstellen. Autobahn geht gar nicht! Und Applaus gibt’s dann auch für ihn, als er die friedliche Revolution in der DDR für die Christenheit beschlagnahmt.
Abschließend stellt Kerner die einzig wichtige Frage in dieser Diskussion, die nach dem Tod. Genau das ist der Punkt. Egal wie sehr sich Religionen unterscheiden, sie sind fast alle in einem einig: sie versprechen eine Existenz »danach« (und das erklärt für mich gleichzeitig ihre Entstehung wie ihre Funktion).
»Wär’s schöner, den Glauben zu haben an etwas anderes, vielleicht ist da ja noch was?«
»Of course it would be nicer, but that does not make it true!«
Nachtrag, 17. Dezember 2007: Auf der Suche nach
Vergleichswerten zum »Religionsmonitor« der Bertelsmann-Stiftung bin ich über die »European Values Study« gestolpert. Laut dieser Studie glauben immerhin noch 13 Millionen Deutsche an die Existenz der Hölle, obwohl sie ja (s.o.) seit 50 Jahren keine Rolle mehr für deutsche Christen spielen sollte. Je mehr ich mich mit dem christlichen Glauben beschäftige, desto absurder kommt er mir vor. Der Fisch ist nicht umsonst ein Symbol des Christentums: immer wenn man versucht, einen Christen zu packen, glitscht er einem mit einem freundlichen »Nee,
daran glaube
ich ja auch nicht« aus den Fingern. Ich frag mich, was vom Christentum noch übrig bleibt, wenn man nicht glauben muss, was in der Bibel steht, wenn selbst die Wiederauferstehung Jesu unter christlichen Theologen zur Disposition steht.