Bei Anne Will haben sie darüber gesprochen, dass immer mehr Leute Demokratie irgendwie doof finden.
Ein alter Mann mit
Kugelschreiber fand es total dufte, wie die Landschaften im Osten blühen, trotz der Ossis, die da wohnen. Die seien halt von einer Diktatur verwöhnt worden, die sich um alle gekümmert habe, und müssten sich erst an eine Demokratie gewöhnen, in der für jeden gesorgt ist, wenn jeder für sich selbst sorgt. So genau hab ich ihn nicht verstanden, ich glaube, er war aufgeregt.
Eine Schriftstellerin, von der ich noch nichts gelesen hab, meinte, dass man politisch informiert ist, wenn man Zeitung liest und Talkshows guckt und dass die Leute, die Demokratie doof finden, halt bloß keine Zeitung lesen und keine Talkshows gucken. Würden sie Zeitung lesen und Talkshows gucken, wüssten sie auch, dass Globalisierung ein Naturgesetz, die Politik gegenüber Konzernen eh machtlos und
Wolfgang Clement ein besonders aufrechter und authentischer Politiker ist.
Die
blonde Tante von der Linken war leider mal wieder nicht halb so witzig wie ihre beiden Chefs. Die ist noch zu sehr daran gewöhnt, Gedanken auszuformulieren, statt griffige Soundbites zu liefern, die ihr Argument auch transportieren, wenn sie abgewürgt wird oder der alte Mann aufgeregt dazwischen nuschelt. So ‘ne linke Spinnerin halt.
Der Deutsche hält nämlich Parteien, die versuchen, das umzusetzen, was er selber für richtig hält, für linke Spinner. — Volker Pispers (YouTube)
Und damit der Deutsche das auch immer schön im Hinterkopf behält, lässt man es ihm auch nochmal von einem
Wissenschaftler erklären. Fehlte nur der weiße Kittel und die Zahnbürste: »Herr Lafontaine leidet an Parodontose und kann nicht kraftvoll zubeißen!«
Der
junge Besserverdiener fand seinen Chef ganz dufte und meinte, dass das Volk nix von der Demokratie hält, weil es nicht weiß, was
Subsidiarität heißt, und die Politiker deshalb nicht versteht. Aber sein Chef meint es total gut mit den Menschen, sogar mit denen, die keine Arbeit finden, auch wenn sie daran selbst schuld sind.
Was die nette Dame von der SPD gesagt hat, weiß ich nicht mehr. Irgendwie entwickele ich für das Bodenpersonal von Willy einen blinden Fleck. Nur die Nahles kann ich noch sehen, leider. Die macht mich aggressiv.
Mein Fazit der Sendung: wir sind halt einfach zu doof, unsere politische Elite sollte sich vielleicht mal ein klügeres Volk wählen.
You say yer life’s a bum deal
’N yer up against the wall...
Well, people, you ain’t even got no
Deal at all
’Cause what they do
In Washington
They just takes care
of Number One
An’ Number One ain’t you
You ain’t even Number Two
Frank Zappa, The Meek Shall Inherit Nothing, You Are What You Is, 1981
Wenn die Friedrich-Ebert-Stiftung
mich gefragt hätte, hätte ich, überhaupt nicht repräsentativ, erklären müssen, welche Probleme ich mit Demokratie hab. Und es wären seltsamerweise Punkte gewesen, die in der Sendung kaum oder gar nicht angesprochen wurden (außer von der linken Spinnerin natürlich, aber die will ja auch die Stasi zurück und hat nicht mal ein Parteiprogramm, sagt jedenfalls der alte Mann).
Meine Demokratieverdrossenheit hängt sicher damit zusammen, dass ich mich, zusammen mit der überwiegenden Mehrheit meiner Mitbürger, in zahlreichen Punkten in direkter Opposition zu den Entscheidungen eines Parlamentes sehe, das ich zusammen mit der überwiegenden Mehrheit meiner Mitbürger gewählt habe.
Die Mehrheit der Menschen in Deutschland befürwortet eine Ampelkennzeichnung von Lebensmitteln. Die Mehrheit spricht sich gegen die Beteiligung an Angriffskriegen aus (das Völkerrecht übrigens auch). Die Mehrheit findet eine als Lebensarbeitszeitverlängerung getarnte Rentenkürzung eher suboptimal und hätte statt dessen lieber den Mindestlohn. Und überhaupt fänden wir es gut, wenn das »sozial« in »soziale Marktwirtschaft« nicht nur ein Platzhalter wäre, der willkürlich neu besetzt und mit beliebigen Inhalten gefüllt werden kann (ich erinnere an den dümmlichen, aber ungeheuer erfolgreichen Slogan
»Sozial ist, was Arbeit schafft«).
Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Mehrheit für die Rundumüberwachung ist, wenn sie erfährt, mit welchen Risiken ein vernachlässigbarer Nutzen erkauft wird. Oder dass die Mehrheit es befürwortet, dass die Arbeitgeber immer weniger zu ihrer sozialen Absicherung beitragen. Das Parlament hingegen hält es anscheinend für den Wunsch des Wählers, dass die Schwachen die Starken entlasten sollen: schon beschließt der Bundestag, dass eine zentrale Datei mit den Einkommensdaten aller Arbeitnehmer angelegt wird, damit die Arbeitgeber von Bürokratiekosten entlastet werden — ich brauche keine drei Versuche, um zu erraten, wer
diese Kosten künftig übernimmt (der aus Steuern finanzierte Anteil wird auf alle umgelegt, für Karte und Lesegerät zahlen voraussichtlich die »Kunden«).
Als Bürger traut man sich längst nicht mehr, darauf zu hoffen, dass die stetig wachsende Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft von alleine in Wohlstand für alle umgesetzt wird, oder darauf, dass sich die Gesellschaft weiterentwickelt, oder darauf, dass die »Schere zwischen Arm und Reich« sich jemals wieder schließen könnte. Es wär ja schon ein Schritt in die richtige Richtung, wenn sich die Schere nicht noch weiter öffnen würde.
Aber die sog. »Herrschaft des Volkes« schafft es ja nicht mal, die Errungenschaften zu verteidigen, die uns Arbeitnehmern wohlgemerkt nicht geschenkt wurden, sondern die »das Volk« in den letzten zwei Jahrhunderten
erkämpft hat. Der nette
Onkel Bismarck hat Kranken- und Rentenversicherung ja nicht aus purer Menschenfreundlichkeit eingerichtet, sondern weil er »die große Masse von Besitzlosen« davon abhalten wollte, auf
dumme Gedanken zu kommen. Lernt man eigentlich in der Schule, zu wessen Gedenken der
Erste Mai als Feiertag ausgerufen wurde?
Es mag ja sein, dass Politiker auch »unbequeme Entscheidungen« treffen müssen, aber das müssen hartnäckige Masochisten sein, die bei praktisch jeder relevanten Entscheidung den unbequemen Weg gehen und gegen die Meinung und — zumindest sehe ich das so — Interessen ihres Wahlvolkes abstimmen.
Die Mehrheit der Menschen in Deutschland würde auch gerne mal vor einer wichtigen Entscheidung direkt befragt werden, z.B. zur EU-Verfassung. Dass Elemente direkter Demokratie nicht auf direktem Weg zurück ins Mittelalter führen, kann man ja in der Schweiz beobachten.
Aber die deutschen Wähler wären dafür sicher zu blöd. Man konnte uns ja auch bei den »Reformen« aufgrund eines »
Vermittlungsproblems« nicht »mitnehmen«.
Na, ich mag zu doof sein, um zu verstehen, warum eine der (erfolg)reichsten Volkswirtschaften der Welt kein Geld mehr für ihre Schwächsten hat, warum trotz Produktivitätssteigerung und Rekordgewinnen die Löhne stagnieren, warum ein vom Staat garantiertes Umlagesystem für die Rente unzuverlässiger und ineffizienter sein soll, als ein von der Privatwirtschaft (mit einem eigenen Interesse an Rendite) betriebenes kapitalgedecktes System, oder wie man 50 Jahre in die Zukunft sehen und Prognosen zur die Bevölkerungsverteilung in der Mitte des Jahrhunderts machen kann, wenn man nicht mal in der Lage ist, die wirtschaftliche Entwicklung des laufenden Jahres einigermaßen zuverlässig vorherzusagen…
…aber ich bin nicht zu doof zu verstehen, dass »Vermittlungsproblem« ein
Euphemismus für »unsere Wähler sind halt nicht so helle« ist.
Apropos »Vermittlungsproblem«: die EU ist auch nicht wirklich geeignet, meinen Glauben in die Demokratie zu stärken. Immerhin werden die EG-Richtlinien und -Verordnungen üblicherweise
im Geheimen von der Exekutive ausgekungelt, statt in einem ordentlichen Parlament offen diskutiert und beschlossen zu werden.
Etwas so grundsätzliches wie die Verfassung lässt man in der bürgernahen EU fast überall von den
politischen Eliten durchwinken und wenn sich die Bevölkerung in mehreren Ländern nach monatelanger, intensiver Diskussion (inkl. vieler Zeitungsartikel und Talkshows, ja, ja, Frau Schriftstellerin, sie haben dran gedacht) dagegen entscheidet, findet sich schnell (und wiederholt) die Erklärung, das Dokument sei für den Bürger halt zu lang und kompliziert gewesen. Und dann tut man vergnügt so, als hätte man das »Non! Nee! No!« des tumben Volks gar nicht gehört. Das ist in der Tat nicht einfach zu vermitteln. Da muss man schon ein durch aktive politische Arbeit schwer vorgeschädigtes Demokratieverständnis haben.
Während die EU die Gewaltenteilung aushöhlt, indem sie die Aufgaben der Legislative kurzerhand von der Exekutive erledigen lässt, konzentrieren sich die Medien in den Händen und unter der Kontrolle weniger großer Konzerne. Der Ausdruck
»die vierte Gewalt«, zu meiner Schulzeit noch ein geflügeltes Wort, scheint ähnlich aus der Mode gekommen zu sein wie »Dreh doch mal die Platte um!«
Vielleicht hängt das damit zusammen, dass es kaum noch Plattenspieler gibt — und ebenso wenig »unabhängige« Medien, die die drei anderen Gewalten im Sinne des Bürger überwachen, statt kampagnenweise Eigeninteressen durchzusetzen.
Aber nicht nur in den Medien gibt’s undemokratische Machtkonzentrationen, die sich ihre eigenen Gesetze schreiben können, mal weil sie groß genug sind, um Länder gegeneinander auszuspielen, mal weil sie sich ihre eigenen Politiker und »Experten« kaufen, mieten oder leasen können. Ich bin überzeugt davon, dass viele Bürger deshalb auf ihr Wahlrecht verzichten, weil es ihnen einfach egal ist, wer die Vorgaben von Bertelsmann oder INSM umsetzt und wer in ihrem Namen den Ackermännern in den Arsch kriecht.
Die real existierende Demokratie ist nur ein Zerrbild dessen, was sie hätte sein können, aber vermutlich überraschend nah an dem, was geplant war. Wie effizient sie funktioniert, sieht man ja daran, dass aus einer mächtigen
Friedens- und
Anti-Atomkraft-Bewegung, die Hunderttausende von Aktivisten zählte, Rückhalt in einem großen Teil der Bevölkerung hatte und den Austritt aus der NATO, sowie die sofortige Abschaltung aller AKWs forderte, binnen zweier Jahrzehnte eine politische Partei werden konnte, die ihre politischen Ideale (z.B. Rotation, Trennung von Amt und Mandat) über Bord geworfen hat und fröhlich Kriegseinsätze überall auf der Welt abnickt. Und die Atomkraftwerke laufen natürlich immer noch. Sind ja die sichersten der Welt. (Das wird uns hinterher bestimmt ein großer Trost sein.)
Wenn man unsere politische »Elite« sonntagabends vor Kameras setzt und sie angesichts all dessen danach befragt, warum immer mehr Menschen Zweifel an diesem System hegen, dann fällt ihnen nix anderes ein, als es auf den Frust der sozialen Absteiger und das fehlende Verständnis für Demokratie zu schieben. Soweit richtig: für das, was da als Demokratie verkauft wird… dafür hab ich kein Verständnis.
Nachtrag, 11. Juli 2008: Ich glaub fast,
ad sinistram sieht’s ähnlich:
Selbstkritische Einsichten gab es natürlich auch hier kaum. Kein Wort davon, dass die demokratiefeindliche Haltung aus einem Wechselspiel zwischen Medienbüttelei und bürgerfeindlicher Politik resultiert. Dass also nicht die Demokratie verhasst ist, sondern jene, die diese Demokratie mit ihrer antidemokratischen und volksverachtenden Haltung belagern! Wenn aber doch Einsichten in diese Richtung gingen, dann sprach man vom Vermittlungsproblemen, welche man habe und welche den Bürger von seiner politischen Führung entfremdet. Anders also: Der Bürger ist zu dumm bzw. die Führungsschichten haben nicht ordentlich und dreist genug gelogen, um ihre sozialen Schweinereien, die sie Reformen nennen, mit dem breiten Wohlwollen der Öffentlichkeit durchsetzen zu können.