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Zitate

Schwarzseher Privatisierung:

Es fällt ja auf, dass die gesamte politische Diskussion um die Modernisierung, den "Umbau" der bundesrepublikanischen Gesellschaft ausschließlich und in einem extremen Maße "in terms of money" geführt wird. Es geht also nur um eine einzige Wertkategorie, den Geldwert, bis ins vierte und fünfte Glied. Diese "Monetarisierung" des politischen Diskurses liegt einzig und allein im Interesse derjenigen, die sich in diesem Chaos, in diesem Zusammenbruch aller übrigen Wertkategorien überhaupt noch selbst bestimmen können, nämlich durch ihren Geldwert, ihre Geldmacht, und die darob die Bedingungen für diese Selbstbestimmung, für diese letzte Form der Souveränität, mit größter Brutalität durchsetzen. — Hans-Jürgen Krysmanski: "Die Privatisierung der Macht" in Elmar Altvater et.al.: "Privatisierung und Korruption - Zur Kriminologie von Globalisierung, Neoliberalismus und Finanzkrise" (2009)


Staatsschulden:

"Die öffentliche Schuld wird einer der energischsten Hebel der ursprünglichen Akkumulation. Wie mit dem Schlag der Wünschelrute begabt sie das unproduktive Geld mit Zeugungskraft und verwandelt es so in Kapital, ohne dass es dazu nötig hätte, der von industrieller und selbst wucherischer Anlage unzertrennlichen Mühe und Gefahr auszusetzen." — Karl Marx, MEW 23, 787

Helden: Marcel Reich-Ranicki

Medienjunkie Während es bei so mancher Oscar-Verleihung dem Moderator oblag, das ein oder andere selbstkritische Wort über Hollywood zu sagen, muss bei uns der Lebenswerkempfänger, ein gebrechlicher Literaturkritiker, ran, um die unkritische Selbstbeweihräucherung mal für einen Moment zu unterbrechen.

"Ich möchte niemanden kränken, niemanden beleidigen oder verletzen, nein, das möchte ich nicht. Aber ich möchte auch ganz offen sagen: ich nehme diesen Preis nicht an! Ich hätte, das werden sie denken und sagen, früher erklären sollen… natürlich! Aber ich habe nicht gewusst, was hier auf mich wartet, was ich hier erleben werde.

Ich gehöre nicht in diese Reihe der heute, vielleicht sehr zu recht, Preisgekrönten. Wäre der Preis mit Geld verbunden, hätte ich das Geld zurückgegeben, aber er ist ja nicht mit Geld verbunden. Ich kann nur diesen Gegenstand, der hier verschiedenen Leuten überreicht wurde, von mir werfen oder jemandem vor die Füße werfen — ich kann das nicht annehmen. Und ich finde es auch schlimm, dass ich hier vier Stunden das erleben musste.

Es gibt ja Abende, die man ganz schön erlebt — nein, ich werde Ihnen jetzt nicht sagen: mit der Lektüre von Goethe oder Bertold Brecht, nein. Man kann im arte-Programm manchmal sehr schöne, wichtige Sachen sehen. [Applaus] Ich hab auch früher häufig wichtiges im 3sat-Programm gesehen, aber das hat sich jetzt geändert, meist kommen da schwache Sachen… aber nicht der Blödsinn, den wir hier zu sehen bekommen haben. [Gelächter]"

— Marcel Reich-Ranicki anlässlich der Ablehnung des Deutschen Fernsehpreises 2008


<HÄME> Einen Medienpreis, den Reich-Ranicki mit solch heftigen Worten ablehnt, gönne ich DSDS von ganzem Herzen. </HÄME>

PS: F!XMBR präsentiert den sehenswerten Preisträger in der Kategorie Dokumentation und mediaclinique liefert eine Reihe von Reaktionen auf den Eklat.

Nachtrag, 14. Oktober 2008: Die Intendanten der kritisierten Sender lehnen die Teilnahme an der einstündigen Diskussionssendung, zu der Gottschalk Reich-Ranicki eingeladen hatte, ab. Statt dessen soll Reich-Ranicki ein halbstündiges Gespräch mit Gottschalk führen. Mein Vorschlag zur Güte: wir laden noch Dieter Bohlen und Mario Barth ein und machen eine Kochsendung draus.

Nachtrag, 28. November 2008: Elke Heidenreich, die vom ZDF rausgeworfen wurde, weil sie Ranicki allzu heftig zugestimmt hatte, hat eine neue Heimstatt gefunden.

Keine Blasphemie in diesem Blog!

Schwarzseher
Ich mag mich nicht gern mit der Kirche auseinandersetzen; es hat ja keinen Sinn, mit einer Anschauungsweise zu diskutieren, die sich strafrechtlich hat schützen lassen. (Kurt Tucholsky)


Ich würd ja so gern ein Bild hier reinkleben, das der Biologieprofessor PZ Myers unter dem Titel "The Great Desecration" (via Brights — Die Natur des Zweifels) veröffentlicht hat. Aber ich trau mich nicht, es gibt ja immer noch einen Gotteslästerungsgummiparagraphen:

Die Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen ist ein Straftatbestand, der im § 166 StGB der Bundesrepublik Deutschland geregelt ist. Wegen seiner Geschichte wird er häufig als Gotteslästerungsparagraph bezeichnet. […]

Kritiker sehen in dieser Vorschrift eine Einschränkung des Rechtsguts der Meinungsfreiheit. Insbesondere durch eine einseitige Anwendung verleite der Paragraph zu einem Schutz der Mehrheitsmeinung, nicht aber zwangsläufig zum Schutz einer Minderheitsmeinung […].

Sie lehnen den Paragraphen auch als so genannten Gummiparagraphen ab, insbesondere weil nicht klar sei, wie "Beschimpfung" zu definieren ist — darunter könne jede negative Äußerung fallen. Noch fraglicher sei, wann eine solche "Beschimpfung" geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören […]. Kritiker behaupten, eine solche "Friedensstörung" könne […] nachträglich konstruiert werden, wenn sich Gläubige beschwerten. Andererseits könne in politischen Wetterlagen, in denen die Verfolgung von Gotteslästerern nicht opportun sei, fast immer damit argumentiert werden, der Beschuldigte sei nicht bekannt genug, um mit seinen Äußerungen eine breite Öffentlichkeit zu schockieren.


Der Begriff "Beschimpfung" schließt wohl auch das "Verspotten" ein, und sowas in der Richtung beabsichtigt Myers, wenn er einen rostigen Nagel durch eine Backoblate und einige Koran-Seiten stößt — und weil eben nichts heilig sein darf, packt er auch noch "Der Gotteswahn" dazu: "Nothing must be held sacred."

Inspiriert wurde dazu er von den unglaublichen Wellen, die die "Geiselnahme" einer Hostie in den USA geschlagen hat: ein Student wollte einem Mitstudenten mal eine Hostie zeigen, nahm dazu an der Kommunion teil und schmuggelte die empfangene Oblate aus der Kirche.

Wenn man zu den Anhängern der römisch-katholischen Kirche gehört, ist man seit 1215 dazu verdammt, glauben zu müssen, dass diese Backoblate sich durch das Gemurmel einer besonderen Person irgendwie in den leibhaftigen Körper eines göttlichen, aber schon mindestens einmal gestorbenen Religionsgründers verwandelt hat — man verzeihe mir, wenn ich anmerke, dass das für mich irgendwie nach Schwarzer Magie klingt, aber das ist nun mal eine der vielen Absurditäten, die Katholen glauben müssen.

Was für den einen ein Studentenulk oder, schlimmstenfalls, eine eher harmlose Provokation ist, ist für den anderen (der darauf konditioniert wurde, zu glauben, dass besondere Personen die Macht haben, bestimmte Gegenstände, Lebensmittel oder Flüssigkeiten mit Hilfe magischer Formeln oder Rituale zu verzaubern) natürlich eine Sünde. Verblüffenderweise genügt es aber nicht, dem "Hostienräuber" die Rache des liebenden Gottes in der nächsten Welt anzukündigen, nein, katholische Fundamentalisten drohen ihm damit, selbst dafür zu sorgen, dass er seinen Auftritt vor dem jüngsten Gericht möglichst bald hat.

Als Hostienfrevel oder Hostienschändung bezeichnete der christliche Antijudaismus zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert einen angeblichen Missbrauch der geweihten Hostie, oft in Verbindung mit einem angeblich vorausgegangenen Hostienraub.

Solche Anschuldigungen erhoben Christen weit überwiegend gegen Angehörige des Judentums, selten auch gegen Hexen. Sie bezichtigten sie, Hostien aus Kirchen gestohlen bzw. gekauft zu haben, um diese dann zu "martern". Dies waren […] im Hochmittelalter häufige Vorwände für Pogrome oder ihre nachträgliche Rechtfertigung. […]

Der älteste "Fall" eines angeblichen Hostienfrevels, den viele damalige Chroniken verzeichneten, wurde 1290 aus Paris berichtet. Johannes von Tilrode († 1298) z. B. schrieb in seinem Chronicon, ein Pariser Jude habe von einer christlichen Magd für 10 Pfund Silber eine geweihte Hostie gekauft. Die versammelte Judengemeinde habe diese dann mit Messern, Stiletten und Nägeln traktiert, aber nicht zerstören können. Erst das größte Messer habe die Hostie in drei Stücke zu teilen vermocht. Dabei sei Blut ausgeflossen. Zuletzt habe man die Stücke in siedendes Wasser geworfen, worauf dieses sich in Blut und die Hostienstücke in ein ganzes Stück Fleisch verwandelt hätten. Dieses Wunder habe viele der Augenzeugen zum christlichen Glauben gebracht - so auch den Verfasser des Berichts. […]

Ab 1298 dienten solche Legenden nur noch zur Rechtfertigung von Pogromen an Juden. Damals behauptete der verarmte Ritter Rintfleisch eine Hostienschändung im fränkischen Röttingen […]. Rintfleisch sah sich durch eine persönliche Botschaft vom Himmel zum Vernichter aller Juden ernannt und zog ein halbes Jahr lang mit einer Bande von Totschlägern durch über 140 fränkische und schwäbische Ortschaften. Sie vergewaltigten, folterten und verbrannten Tausende von Juden und Jüdinnen und töteten deren Kinder. (Wikipedia)


Interessante Logik. Wobei mir allerdings nicht ganz klar ist, wieso jemand, der akzeptiert, dass die magische Oblate der Konkurrenzreligion das Seelenheil bringen kann, nicht einfach zu der Religion wechselt, die das Oblatenmonopol innehat. Oder wie ein allmächtiges Wesen, das das Universum erschaffen hat, durch Manipulationen an einem Keks Schaden nehmen kann (um es mit Myers zu sagen).

Damit zurück zum aktuellen Fall von angeblichem "Hostienfrevel", über den Myers in seinem Blog berichtete. Er bot an mal zum Vergleich zu demonstrieren, wie eine richtige Hostienschändung aussähe… wenn er denn eine zugeschickt bekäme. Natürlich erhielt er daraufhin ebenfalls Todesdrohungen, auch gegen seine Familie.

I'm only impressed by significant material concerns, and yours and other slanders against my family […] are not going to convince me of anything other than that religion breeds the most disgustingly vile haters in our country, and that Catholicism fits right in with the rest.


Mutig. Der Mann lässt sich nicht mal von Fundamentalisten einschüchtern. Und ich zieh schon vor 'nem Gummiparagraphen den Schwanz ein.

Oder?

Nothing must be held sacred.


By the way, I didn't want to single out just the cracker, so I nailed it to a few ripped-out pages from the Qur'an and The God Delusion. They are just paper. Nothing must be held sacred. Question everything. God is not great, Jesus is not your lord, you are not disciples of any charismatic prophet. You are all human beings who must make your way through your life by thinking and learning, and you have the job of advancing humanity's knowledge by winnowing out the errors of past generations and finding deeper understanding of reality. You will not find wisdom in rituals and sacraments and dogma, which build only self-satisfied ignorance, but you can find truth by looking at your world with fresh eyes and a questioning mind. (PZ Myers)

Nichts darf heilig sein. Stellt alles in Frage. Gott ist nicht groß, Jesus ist nicht Euer Herr, Ihr seid keine Jünger irgendeines charismatischen Propheten. Ihr seid Menschen, die ihren Weg durch das Leben gehen müssen, indem sie denken und lernen, und Ihr habt die Aufgabe, das Wissen der Menschheit voran zu bringen, indem Ihr die Fehler der vergangenen Generationen findet und ein tieferes Verständnis der Realität entwickelt. Ihr werdet keine Weisheit in Ritualen, Sakramenten und Dogmen finden, die nur selbstgefällige Ignoranz produzieren — aber Ihr könnt Wahrheit erkennen, wenn Ihr die Welt mit unvoreingenommenen Augen und einem offenen Geist betrachtet.


PS: Myers schreibt nix davon, dass er beim Durchnageln der Hostie irgendwelche Probleme gehabt hätte, auf dem Bild ist auch kein Blut zu erkennen. Hostien sind wohl auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Dawkins vor der baptistischen Inquisition (mit Nachtrag)

MedienjunkieSchwarzseher Nach dem Eklat mit Eva Herman musste sich Johannes B. Kerner (das "B." steht für "tiBerius") von Frank Plasberg ins Stammbuch schreiben lassen, dass man sich als Talkmaster keinen Gast einlädt, der allein gegen alle anderen Gäste steht. Richard Dawkins stand gestern Abend gegen zwei aufgeregte Pfaffen Bischöfe, Heiner Geißler und JBK (und einen leicht überforderten Dolmetscher). Also ein Wissenschaftler gegen vier professionelle Labertaschen. Im Sinne der Fairness verteilte JBK die Redezeit gleichmäßig auf seine Gäste: drei christliche Statements, eine schnippische Überspitzung von JBK, eine Antwort von Dawkins. Alan Posener bezeichnete die Situation in Welt Online als "Tribunal".

Kerner: Herr Jaschke, welche guten Gründe gibt es dafür, an Gott zu glauben?

Jaschke: Der Glaube an Gott ist erst mal natürlich eine Sache des eigenen Herzens. Ich frage: "Warum lebe ich? Warum gibt es diese Welt? Warum versage ich, bin ich glücklich? Was umgibt mich? Warum empfinde ich etwas als schön? Warum leide ich?" Und das sind Menschheitsfragen seit dem Beginn und auf diese Frage nach dem Warum versucht der Glaube zu antworten. Und wir haben eine ganz positive Antwort im Glaube, wie er sich in der Bibel darstellt, das ist kein Buch, das vom Himmel gefallen ist, das ist ein Buch voller Glaubenserfahrungen, natürlich aus tausend Jahren und sie sind auch gemischt. Da gibt es manches, was nicht in unsere Zeit passt, und was sehr zeitbedingt ist aus damaligen Verständnissen heraus, aber wenn wir das Ganze der Bibel nehmen, da begegnet uns ein sehr menschenfreundliches Bild von Gott. Der barmherzige Gott. Der Gott der immer größer ist als alles, was Menschen anrichten und wenn wir in die Gestalt Jesu schauen, sehen wir Gott, der mitleidet und der ans Kreuz geht und der sich mit den geringsten Menschen eins macht. Das ist für mich eine starke Motivation von Gott zu sprechen.

Es gibt also Fragen, auf die wir (noch) keine gute Antwort geben können. Also zieht man man eine inkonsistente Sammlung von plagiarisierten Mythen, Märchen, Legenden und historischen Berichten zu Rate, wertet die Teile, die "nicht in unsere Zeit passen" als "Glaubenserfahrung" (ignorieren darf man sie genauso wenig wie ernst nehmen) und die Teile, die in unsere Zeit passen, als Bestätigung der Aussagekraft der Bibel für unsere Zeit.

Meine Oma hat mir noch beigebracht, dass die Geschichten im alten Testament wirklich passiert seien. Da war sie wohl nicht auf dem neusten Stand. Die Wikipedia sagt zum Thema Sintflut:
Viele heutige Exegeten bestehen nicht auf einer Historizität der Genesistexte, sondern weisen ihnen den Charakter eines Mythos zu, in dem sich Glaubenserfahrung ausdrückt. Von römisch-katholischer oder protestantisch-landeskirchlicher Seite wird eine Geschichtlichkeit der Sintflut nicht als notwendiger Bestandteil christlichen Glaubens angesehen. In Kreisen evangelikaler Christen gilt die Sintflut dagegen bis heute als historisches Ereignis.

Zu diesen Geschichten gesellt sich jedenfalls eine von Dritten ausgewählte Sammlung von verspätet erschienen Biografien eines Mannes, der an einen Baumstamm genagelt worden war, weil er gesagt hatte, wie phantastisch er sich das vorstelle, wenn die Leute zur Abwechslung mal nett zueinander wären. Auch hier kann man sich mehr oder weniger aussuchen, was genau davon man denn glaubt. Oder man lässt es sich von den Profis vorgeben, die ihre Meinung alle paar Jahrzehnte den Gegebenheiten anpassen.

Und dann kann man sich die von Jaschke angeführten Menschheitsfragen alle nochmal stellen und sie alle beantworten: "Weil Gott es in seiner unergründlichen Weisheit so wollte!" Da sehe ich jetzt nicht so den überragenden Erkenntnisgewinn. Und ich finde, dass es eine Menge guter Gründe gibt, auch ohne unsichtbaren Aufpasser nett zueinander zu sein.

Okay, Jaschke hatte auch keine große Chance, mich zu überzeugen. Als katholischer Bischof muss er einfach hauptberuflich zu viele abgefahrene Sachen glauben, als dass ihn das nicht beeinflussen würde.

Gleiche Frage an den anderen Bischof: gute Gründe, an Gott zu glauben?

Huber: Versuchen würde ich natürlich daran zu appellieren, dass jeder von uns irgendwo die Erfahrung hat, dass er sein Leben nicht selber geschaffen hat, sondern dankbar als eine Gabe annimmt, mit der er verantwortlich umgehen soll. Jeder von uns hat ein Gefühl dafür, dass das eigene Leben, die eigene Person, aber auch die Person des Nächsten, eine Würde und eine Bedeutung hat, ein Gewicht hat, das über die eigene Leistungsfähigkeit hinaus geht. Jeder von uns hat ein Gefühl dafür, dass wir eine Kraft brauchen, mit deren Hilfe wir neu anfangen können, wenn wir gescheitert sind. Dieses Gefühl der Dankbarkeit und der Zuversicht, das sind die beiden Grundelemente, aus denen der christliche Glaube besteht, wie er uns in der Person Jesu Christi begegnet, in dem Gottes menschliches Angesicht uns entgegen tritt.

Das Beste aus dem eigenen Leben machen. Menschenwürde für alle. Um solche Ideen über ein paar Tausend Jahre zu entwickeln (die sind nämlich noch ziemlich frisch) braucht man einen persönlichen, allwissenden, allmächtigen, allgegenwärtigen, antropomorphen Gott, der auf Gebete hört und gelegentlich auch mal selbst Hand anlegt? Ich hab den Verdacht, dass die Kirche bei dieser Entwicklung nicht durchgängig hilfreich war.

Nicht mal von einem Bischof kann man auf so eine klare Frage eine klare Antwort bekommen. Ich beneide den Dolmetscher, der diese Textbausteine für Dawkins ins Englische übertragen musste, wirklich nicht um seinen Job.

Dawkins hatte einen harten Stand, JBK lies ihm keine Gelegenheit, mit einem anderen Gast in einen Dialog zu geraten, die Stimmung war eher gereizt, die Sympathien des Publikums lagen eindeutig bei den deutschen Würdenträgern. An persönlichen Angriffen mangelte es auch nicht, Dawkins wurde von den Bischöfen als Fundamentalist und Dogmatiker bezeichnet und der Unwissenschaftlichkeit bezichtigt. Okay, so ein Bischof nimmt einen generellen Angriff gegen alle Religionen halt doch irgendwie persönlich.

Dawkins war angreifbar, weil er sich in seinem Buch stark auf die gefährlichen fundamentalistischen Trends in den USA bezieht, die uns in Deutschland in der Tat absurd erscheinen müssen und die Huber klein redete (sinngemäß: "50% der amerikanischen Christen glauben an die Schöpfungslehre im Wortsinn" — "Gar nicht wahr, ich hab ein evangelikales College besucht, an dem kein Lehrer Kreationismus lehrt"). Und unsere ach so liberalen Bischöfe ließen Dawkins einfach durch offene Türen rennen.

Meine Oma hatte mir noch beigebracht, dass Sünder in die Hölle kommen. Da war sie wohl nicht auf dem neusten Stand. Und viele der Christen in Italien, Polen und Nord- wie Südamerika auch nicht. Bei den deutschen Christen spielt die Hölle jedenfalls lt. der Bischöfe "seit fünfzig Jahren keine große Rolle mehr".

Vorsicht, Fotomontage!


Wer die Sendung mit Eva Herman gesehen hat, weiß schon, was kommt, wenn Kerner anbietet: "Lassen Sie uns über konkrete Thesen aus Ihrem Buch sprechen." Richtig, dann geht's nicht um Thesen, sondern um besonders reißerische, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate: religiöse Erziehung als Kindesmisshandlung und so was. Kerner ließ Dawkins kaum Zeit, den Kontext der Zitate zu klären, geschweige denn, auf die Angriffe der anderen Gäste einzugehen. Der Fangschuss war dann das Reißerzitat schlechthin, das man auch in jeder zweiten Buchbesprechung von "Der Gotteswahn" findet:

Der Gott des Alten Testaments ist die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur[1]: Er ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger, ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, grössenwahnsinniger (...)[2], launisch-boshafter Tyrann.

[1] Hier wirft Dawkins ein, dass er nicht "Literatur", sondern "Dichtung" geschrieben habe. Das kann ich bestätigen, ich lese gerade die englische Fassung seines Buchs, "The God Delusion", und da steht "in all fiction".
[2] Das in der Einblendung bei Kerner fehlende Adjektiv lautet "sadomasochistisch".

Das Zitat kann man sich im Original in diesem Vortrag von Dawkins anhören, ab 05:35.

Darauf antwortete Dawkins bloß: "Have you actually read those books?"

Kleine Auffrischung für diejenigen, die den Pentateuch & Co. jetzt nicht so im Kopf haben:
Steinigung bei Gotteslästerung, Götzendienst, Sabbatschändung, Ehebruch, Epilepsie ("Besessenheit"), Todestrafe für unerlaubtes Betreten heiligen Bodens, Sodomie, Homosexualität, Inzest, Verkehr mit einer Frau während ihrer Monatsregel, Hurerei
Sodom und Gomorrha, inkl. Lots Frau, die in eine Salzsäule verwandelt wird, nur weil sie sich mal umguckt
• die Sintflut, bei der mal schnell die ganze Menschheit weggespült wird, müssen wohl alles schlechte Menschen gewesen sein, inkl. der Kinder
• Isaak, der von seinem Vater Abraham als Menschenopfer dargebracht werden soll, aber war ja nur ein Test, haha
Onan, der von Gott getötet wurde, weil er sich dagegen sträubte, der Frau seines verstorbenen Bruders ein Kind zu machen
• das Erstgeborene von Bathseba, das Gott getötet hat, um den Vater, König David, zu strafen
• die zehn biblischen Plagen, die jede Menge Kollateralschaden bei Unschuldigen angerichtet haben müssen, inkl. aller Erstgeborenen der Ägypter, um die sich die Engel des Herrn persönlich gekümmert haben

Meine Oma hat mir damals eine Kinderbibel geschenkt, selbst die entschärften Versionen einiger dieser Geschichten fand ich ziemlich verstörend.

The OUT Campaign
Wer diese Geschichten zum Mythos erklärt, kann sich doch dann auch nicht wirklich über diese genauso treffende wie amüsante Beschreibung von Dawkins aufregen? Doch kann man. Ein Jaschke kann es absichtlich falsch verstehen und sich empören und dafür Applaus kassieren. Und ein Huber kann sogar Auschwitz erwähnen und Dawkins Antisemitismus (er sagte "Antijudaismus") unterstellen. Autobahn geht gar nicht! Und Applaus gibt's dann auch für ihn, als er die friedliche Revolution in der DDR für die Christenheit beschlagnahmt.

Abschließend stellt Kerner die einzig wichtige Frage in dieser Diskussion, die nach dem Tod. Genau das ist der Punkt. Egal wie sehr sich Religionen unterscheiden, sie sind fast alle in einem einig: sie versprechen eine Existenz "danach" (und das erklärt für mich gleichzeitig ihre Entstehung wie ihre Funktion).

"Wär's schöner, den Glauben zu haben an etwas anderes, vielleicht ist da ja noch was?"

"Of course it would be nicer, but that does not make it true!"

Nachtrag, 17. Dezember 2007: Auf der Suche nach Vergleichswerten zum "Religionsmonitor" der Bertelsmann-Stiftung bin ich über die "European Values Study" gestolpert. Laut dieser Studie glauben immerhin noch 13 Millionen Deutsche an die Existenz der Hölle, obwohl sie ja (s.o.) seit 50 Jahren keine Rolle mehr für deutsche Christen spielen sollte. Je mehr ich mich mit dem christlichen Glauben beschäftige, desto absurder kommt er mir vor. Der Fisch ist nicht umsonst ein Symbol des Christentums: immer wenn man versucht, einen Christen zu packen, glitscht er einem mit einem freundlichen "Nee, daran glaube ich ja auch nicht" aus den Fingern. Ich frag mich, was vom Christentum noch übrig bleibt, wenn man nicht glauben muss, was in der Bibel steht, wenn selbst die Wiederauferstehung Jesu unter christlichen Theologen zur Disposition steht.