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Telefonmarketingsingsang

MedienjunkieSchwarzseher Wenn das Telefon klingelt und jemand dran ist, dessen Sprachmelodie ich schon bei der Begrüßung anhöre, dass er in einem Callcenter sitzt und mir etwas verkaufen will, rollen sich meine Zehennägel auf. Die üblichen Floskeln ertrag ich ja gerade noch, aber die Verbindung mit der übertriebenen Betonung, mit dieser Mischung aus akustischem Slime™, geheuchelter Besorgnis und gespielter Verbundenheit mit dem Auftraggeber, löst so ein Anruf bei mir echten Ekel aus. Am liebsten würd ich dem Anrufer ins Wort fallen: "Boah, Alda, das ist zu viel…"

"Wir dürfen Sie doch sicher auch in Zukunft über wichtige und interessante Neuerungen bei Ihrer Krankenkasse telefonisch informieren?"
"Nein. Sie können mir gerne weiter Post schicken, das tun Sie ja bereits regelmäßig."
"Aber wir würden Sie wirklich nur bei wichtigen und interessanten Angeboten anrufen…" (Ja, klar, das hab ich gerade gemerkt — der Anlass des Anrufs war, dass er mir irgendeine Zusatzversicherung andrehen wollte.)
"Die schicken Sie mir dann mit der Post, telefonisch möchte ich nicht belästigt werden."
"Ich hoffe, ich hab Sie jetzt nicht belästigt?"
"Dieses eine Mal lasse ich noch durchgehen. Schönen Abend noch."

Hinterher tut's mir dann fast leid. Ich vermute, ich hab im letzten Jahrzehnt einfach eine Allergie gegen jede Form von Marketing entwickelt.

Um die Demographie kommen wir nicht herum

MedienjunkieSchwarzseher Mal wieder Rentenblablabla bei Anne Will, wir müssen alle Aktien kaufen, sonst lutschen wir im Alter trockene Brötchen, die Rente ist nicht sicher, jeder muss für sich selbst sorgen und einen Kapitalstock aufbauen, schon wegen der Demographie, weil irgendwann jeder Arbeiter seinen eigenen Rentner versorgen muss und jeder muss doch einsehen, dass das gar nicht gehen kann…

Stellen wir uns mal eine konsequent automatisierte Gesellschaft irgendwann in der Zukunft vor, von mir aus in tausend Jahren. Eine Gesellschaft, in der ein Prozent der Menschen Maschinen baut und wartet und die Maschinen Produkte für hundert Prozent der Menschen herstellen und verteilen. In dieser Gesellschaft würde jeder Arbeiter neunundneunzig Kinder, Rentner und "Arbeitslose" versorgen.

In meinen Augen ist das nicht nur vorstellbar, sondern sogar erstrebenswert. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man ein solches System kapitalistisch organisieren kann, aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass wir dieses pervers eindimensionale System bis dahin nicht überwunden haben.

Wieviele Rentner ein Arbeitnehmer irgendwann in der Zukunft versorgen muss, spielt keine Rolle, mal ganz abgesehen davon, dass man sich fragen muss, warum in einem solidarischen System nur Arbeitnehmer dafür zuständig sein sollten. Was eine Rolle spielt, ist, ob das, was wir alle zusammen erwirtschaften, ausreicht, um uns alle zu versorgen — davon bin ich überzeugt — und ob wir es schaffen, es so zu verteilen, dass alle haben, was sie brauchen.

INSM-Maskottchen

MedienjunkieSchwarzseher Die Hinweise des Tages der NachDenkSeiten verlinken die Werbemaskottchen der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die "Botschafter" der neuen Kampagne "Soziale Marktwirtschaft macht's besser". Das Wort "sozial" haben sie (von den Interessenverbänden der Arbeitgeber beauftragt und bezahlt) bereits umdefiniert — früher war es "sozial", wenn Menschen Mitgefühl füreinander hatten und der Stärkere dem Schwächeren half; heute ist es "sozial", Arbeit zu schaffen, die Wirtschaft am Laufen zu halten, für Wachstum zu sorgen und sich unbehelligt von "Neiddebatten" den Profit in die Tasche zu stecken.

Jetzt sitzen diese Herren, gern als "Mietmäuler" beschimpft, wieder an den medialen Stammtischen, sprechen unser Wirtschaftssystem von jeder Schuld an Finanz- und Wirtschaftskrise frei und legen schon mal den Grundstein für das "Weiter so!"



Ich bin aufgewachsen, als noch in jedem Postamt die aktuellen RAF-Fahndungsplakate hingen. Immer wenn ich ein, zwei Dutzend Portraits von Leuten, die ein anderes System wollen, sehe, muss ich daran zurückdenken — und so hatte ich spontan folgendes Bild im Sinn:



Gut, dass das hier ein rein privates Blog für Freunde und Verwandte ist. Veröffentlichen würde ich so etwas nie. (Nachtrag: Ich hab die Portraits jetzt verpixelt, weil ich ein Schisser bin und es mir nicht leisten kann, dafür bis nach Karlsruhe zu gehen. Die erforderliche Transferleistung trau ich meiner Leserschaft zu.)

Dow Jones-Charts, Teil 2

Schwarzseher Der Dow Jones Industrial fiel heute vorübergehend auf 6544 Punkte.

Als der Dow Jones diesen Wert zum ersten Mal erreichte, war der aktuelle Intel-Prozessor ein Pentium P54CS mit 200 MHz, der stabile Linux-Kernel war 2.0.26 und die Backstreet Boys forderten auf Platz 1 der Charts "Quit Playing Games With My Heart". Im Kino lief "Trainspotting". Man durfte noch Hanfsamen besitzen und Carl Sagan lebte noch.

Seit dem ersten Teil dieser Rückblende im Oktober sind wir 100 MHz und vier Kernelversionen weiter in die Vergangenheit gereist.

Move along. Move along.

Mein 2008: Hardware

Kabelfreak Vor ein paar Jahren hab ich mein langjähriges Lieblingskeyboard, ein IBM Model M, bei einer experimentellen Reinigungsaktion in der Geschirrspülmaschie zerstört. Die Tasten hielten die Temperatur aus, aber das Oberteil des Gehäuses verzog sich. Schade. Seither war ich auf der Suche nach einer Tastatur, die für einen selbstdrehenden Kettenraucher taugt, die unempfindlich gegen Asche und Tabakkrümel ist und sich bequem reinigen lässt. Pustekuchen. Ich hab fast im Jahresrhythmus ein neues Marken-Keyboard gekauft, u.a. Modelle von Compaq und Logitech. Davon hatte ich 2008 die Schnauze voll.

Nach intensiver Recherche entschloss ich mich, "Das Keyboard Ultimate" zu bestellen — beworben als "The best keyboard on the planet". Muha. Tiefer hab ich lange nicht mehr ins Klo gegriffen. Die Tastatur machte auf den ersten Blick zwar einen sehr guten Eindruck, ist aber wohl nur für sterile Umgebungen geeignet. "Das Keyboard" soll eine Model M-ähnliche Mechanik haben, aber sie fühlt sich weder so an, noch ist sie annähernd so robust wie die historischen IBM-Keyboards. Schon nach wenigen Tagen (!) intensiver Benutzung klemmten die ersten Tasten. Eine Ersatztastatur wurde umgehend geliefert und zeigte binnen einer Woche (!) genau die gleichen Symptome — die linke STRG-Taste hing, die linke Shift-Taste hakelte. Hundert Euro für dieses Scheißteil? Ich fasse nicht, dass ich darauf reingefallen bin.

Ich hab mir dann auf eBay ein gebrauchtes, aber sehr gut erhaltenes Model M besorgt. Das hätte ich gleich tun sollen. Es gibt einfach keine Alternative. Die Multimedia- und Windows-Tasten moderner Tastaturen sind eh überflüssiger, neumodischer Schnickschnack.

Fazit: eine ca. zwanzig Jahre alte Tastatur war mein Hardware-Highlight 2008.

Nachtrag, 14. Januar 2009: hier ist ein etwas freundlicherer Vergleich zwischen Model M und Das Keyboard zu finden, der wahre Freak aktualisiert die Elektronik des Model M (und lackiert es schwarz).