Ich war eben nochmal auf der
Homepage von Marco Bülow, SPD, dem Bundestagsabgeordneten, der am Freitag in meinem Namen entschieden hat, dass ich mich um so sicherer fühle, je besser mich der große Bruder bei der Kommunikation beobachten kann.
Ich wurde Zeuge eines Streichs, den man Herrn Bülow, bzw. einem seiner Mitarbeiter, gespielt hat. Ich hab das mal zur Sicherheit in Form des nebenstehenden Screenshots »vorratsdatengespeichert«. Hervorhebung und Schwärzung stammen von mir. Der Text »[Name entfernt] hat nen kleinen Pimmel« nicht. Das steht da wirklich. Nach dem Klick auf den Link — die Überschrift macht ja neugierig auf Details — erscheint leider nur »Keine news_id übergeben.«
Als Admin dachte ich natürlich gleich an einen Hack. Die Site nutzt wohl die aktuelle Version des CMS
Typo3, für die es keine veröffentlichten Exploits zu geben scheint, aber das Fehlen eines Artikels zur Überschrift deutet auf einen
SQL-Injection-
Exploit hin.
Eine kurze Recherche auf der Seite ergab, dass es einen [Name entfernt] gibt, der für Herrn Bülow arbeitet (vgl. »Kontakt & Team«) — das spricht für einen »Insider-Job«.
Vielleicht ist bei der letzten Juso-Sitzung einfach ein Joint zu viel rumgegangen. (Ich mach daraus ein Argument für die Legalisierung: wäre Hanf keine illegale Droge, könnten wir eine gesunde Kultur des Umgangs damit entwickeln — ein Brösel ist genug, ein Brösel macht Dich klug — und solche Aussetzer wären weniger wahrscheinlich, weil es allgemein bekannt wäre, dass man Hanf besser nicht mit Alkohol kombiniert.)
Oder Herr [Name entfernt] hat das Lieblings-PSP-Spiel seines kleinen Bruders versteckt und der rächt sich dafür auf diesem Weg, was ein Argument dafür wäre, mit der »Passwort speichern«-Funktion des Browsers auf dem Familiencomputer weniger sorglos umzugehen. Aber das mit dem Joint finde ich witziger, es lebe das Klischee.
Ich freue mich jedenfalls, dass mich dieser Faux-pas in die Situation versetzt, Herrn Bülow einen Eindruck davon zu vermitteln, was für ein beschissenes Gefühl es sein kann, wenn man weiß, dass Dritte Daten über einen speichern, von denen einem lieber wäre, wenn sie nicht gespeichert würden. Gern geschehen.
Ich nutze die Gelegenheit gern für ein Wort an die Jusos: Jungs und Mädels, warum verschenkt Ihr Eure Lebenszeit an eine Partei, die konsequent das Gegenteil von dem umsetzt, was Ihr vertretet? Ich will jetzt gar kein Salz in frische Wunden streuen, lasst mich lieber eine alte, nie so richtig verheilte Wunde aufreißen: Guckt Euch doch einfach mal in einer historischen Perspektive an, was die Ex-Jusos im Bereich der Drogenpolitik getan haben, wenn sie Gelegenheit dazu hatten.
Die entscheidenden Verhärtungen des BtMG geschahen 1972 und 1982 unter sozialdemokratischen Kanzlern und aufgrund sozialdemokratischer Traditionspflege soll es dabei bleiben, zumal ja Herr Schröder aus eigener Erfahrung weiß, daß die von der Parteispitze stets ungeliebten Jusos auch ganz gern kiffen. Es scheint an den Kiffern gern nachgesagten Problemen zwischen Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis zu liegen, daß er sich daran so gar nicht mehr erinnern kann. (Hans-Georg Behr, 2000)
Das Resultat sind Jahrzehnte staatlicher Willkür — so nenne ich das, wenn Millionen kiffen und davon jedes Jahr ein paar Tausend das Pech haben, dass sie in einem Teil der Republik erwischt werden, wo das Gesetz halt gerade mit harter Hand durchgreift. Solange ich niemanden gefährde, geht es auch niemanden etwas an, was ich mit meinem Körper mache, so einfach ist das.
Nachtrag, 17 Uhr: Jetzt, nach ca. 22 Stunden, ist der Eintrag wieder weg. Schade, Google war nicht schnell genug, es ist nicht im Cache gelandet. Ich hab daraufhin den Namen geschwärzt und aus dem Blogeintrag entfernt, also quasi die historischen Daten anonymisiert.
Nachtrag, 13. November 2007: Herr Bülow hat seine Funktion als Abgeordneter im SZ-Magazin überraschend präzise beschrieben:
Ich bin einer von 222 SPD-Abgeordneten. Im Wahlkreis Dortmund I wurde ich direkt ins Parlament gewählt — eigentlich um die Regierung zu kontrollieren. Aber darum geht es kaum. Die wichtigste Aufgabe einer Regierungsfraktion scheint vielmehr darin zu bestehen, die Vorgaben der Regierung möglichst kritiklos umzusetzen und die SPD-Minister in ein gutes Licht zu rücken. Die politische Linie zu beeinflussen ist für Abgeordnete sehr schwierig. Wer häufig gegen die Mehrheit stimmt, ist bei der Fraktionsspitze schnell unten durch und wird irgendwann nicht mehr ernst genommen. Vor wichtigen Entscheidungen werden Abweichler unter Druck gesetzt und zum Beispiel zu Einzelgesprächen ins Büro von Peter Struck, unserem Fraktionsvorsitzenden, zitiert.
Er ist ja doch ein Netter™. Er will ja gar nicht gegen die Interessen seiner Wähler stimmen. Aber er kann halt nicht anders. Das gibt einen Pluspunkt für Offenheit... und ein paar Millionen Minuspunkt für fehlende Konsequenz. Mein lieber Herr Bülow, sie schreiben »Mit der Mehrheit zu stimmen ist immer der leichteste Weg.« — haben Sie mal in Erwägung gezogen, sich einer Partei anzuschließen, bei der die Mehrheit öfter mit Ihrer eigenen Meinung übereinstimmt? Oder, wie die
ZAF es vorschlägt, es mal als Fraktionsloser zu versuchen? Lassen Sie uns 2010 weitersprechen, wenn Sie das Optimum an Bezügen (aus meiner Tasche) rausholen und es Ihnen keiner mehr wegnehmen kann. Obwohl... vielleicht sitzen Sie dann ja schon in so vielen Aufsichtsräten, dass Sie gar keine Zeit mehr für Auseinandersetzungen mit dem Wähler
haben brauchen.
Verschissen, SPD.