Schade, dass Mutationen im echten Leben eher unangenehm sind. Sonst könnte man sich wenigstens auf ein Japan voller Superhelden freuen, die dann nach und nach ihre Kräfte entdecken, dann einzeln an ihre Grenzen stoßen und sich schließlich zusammenraufen und Godzilla vereint zurück ins verstrahlte Meer treiben.
Ob TEPCO sich BP als Vorbild nimmt?
- Man präsentiert im Wochentakt neue, spektakuläre Rettungspläne (»Hot Tap«, »Top Hat«, »Top Kill« usw. / Hubschrauber, Wasserwerfer, Feuerwehrautos usw.), die wenig bringen oder gänzlich scheitern, um die Zeit zu überbrücken, bis eine ordentliche »Liquidierung« möglich ist (oder endlich eine neue Katastrophe bzw. der nächste koksende Schauspieler die Aufmerksamkeit der Massen fesselt). ✔
- Man bietet frühzeitig Entschädigungen an und lässt die Leute unterschreiben, dass sie a) nicht mit den Medien reden und b) nicht klagen werden, wenn die Spätschäden auftreten. ✔
- Man heuert Leute, die wegen der Katastrophe eh kein Einkommen mehr haben, für die Drecksarbeit an und lässt sie mit unzulänglicher Schutzkleidung den Dreck aufklauben (natürlich mit einer Klausel im Vertrag, die sie zum Schweigen verpflichtet und den Auftraggeber von jeglicher Haftung entbindet). ✔
In Bahrain und ähnlichen Ländern ist es egal, wenn der Diktator auf sein Volk schießen lässt; in Libyen muss man gegen den »Mad Dog« sofort mit High-Tech-Krieg durchgreifen. In Bahrain hat Chevron (kannte man bei uns früher als Texaco) schon den Fuß dick in der Tür; in Libyen liegen, größtenteils unerschlossen, die neuntgrößten Ölvorräte der Welt. Verstaatlicht. Honi soit qui mal y pense.
Oil reserves in Libya are the largest in Africa and the ninth largest in the world with 41.5 billion barrels (6.60×109 m3) as of 2007. Oil production was 1.8 million barrels per day (290×103 m3/d) as of 2006, giving Libya 63 years of reserves at current production rates if no new reserves were to be found. Libya is considered a highly attractive oil area due to its low cost of oil production (as low as $1 per barrel at some fields), and proximity to European markets. Libya would like to increase production from 1.8 Mbbl/d (290×103 m3/d) in 2006 to 3 Mbbl/d (480×103 m3/d) by 2010–13 but with existing oil fields undergoing a 7–8% decline rate, Libya’s challenge is maintaining production at mature fields, while finding and developing new oil fields. Most of Libya remains unexplored as a result of past sanctions and disagreements with foreign oil companies. (Wikipedia, Hervorhebungen von mir)
Der Gaddafi hat sich wohl nicht von den
Economic Hit Men kaufen lassen, drum muss er jetzt weg, damit jemand ran kommt, mit dem man leichter verhandeln kann. Das kann man ja auch keinem Industriestaat verübeln, Öl wird schließlich knapp und der Chinese steht vor der Tür und will Auto fahren.
Jean-Bertrand Aristide ist wieder in Haiti. Das ehemalige Nachrichtenmagazin bezeichnet ihn als »Despoten«, der deutsche Wikipedia-Artikel ist sehr »kritisch« (so sehr, dass ich mich weigere, ihn zu verlinken), der ausführlichere,
englische Wikipedia-Artikel scheint mir weniger einseitig und lässt auch eine Interpretation zu, die in mein Weltbild passt. Zu meinem Weltbild gehört die naive Hoffnung, dass nicht jeder, der sich für die Interessen der Schwachen einsetzt, mit der Annahme eines politischen Amtes automatisch zu einem Stalin (in der 20-Millionen-Opfer-Variante) wird. Das gilt dann auch erst mal für einen Befreiungstheologen, der behauptet, dass er zweimal mit Unterstützung der USA aus dem Amt geputscht wurde — das find ich durchaus plausibel; ich kann nachvollziehen, dass es dem Amerikaner an und für sich nicht so toll passt, wenn jemand den Armen erzählt, dass sie sowas wie Menschenrechte haben. Das könnte sich ja rumsprechen. Das kennen wir ja schon aus Lateinamerika.
In Haiti finden gerade Wahlen statt. Die Bewegung von Aristide, die vielleicht mit 60-70% der Stimmen hätte rechnen können, wurde gar nicht erst zur Wahl zugelassen. Natürlich wäre ein Aufstand in Haiti etwas ganz anderes als in Ägypten oder Libyen. In Haiti wären die Akteure ja nicht die vernetzte Mittelschichtsjugend, sondern die
Lehmkeksfresser. Das wäre dann auch keine »Demokratiebewegung« oder ein »Befreiungskampf«, sondern »Chaos, Krawall und Bandenkrieg«. »Menschenmassen, die gegen ein Regime demonstrieren,« würden zum »Mob, der Regierungsgebäude belagert.« Und unsere transatlantischen Freunde, die weltweit die Demokratie verteidigen und glücklicherweise eh schon vor Ort sind, würden den (von 30%) demokratisch gewählten Präsidenten »by all means« vor den »insurgents« schützen.
Nachtrag, 22. April 2011: 23% Wahlbeteiligung, der gewählte Präsident bekam 67% der Stimmen. Netto also 15%.