Der Dow Jones Industrial fiel heute vorübergehend auf 6544 Punkte.
Als der Dow Jones diesen Wert zum ersten Mal erreichte, war der aktuelle Intel-Prozessor ein Pentium P54CS mit 200 MHz, der stabile Linux-Kernel war 2.0.26 und die Backstreet Boys forderten auf Platz 1 der Charts »Quit Playing Games With My Heart«. Im Kino lief »Trainspotting«. Man durfte noch Hanfsamen besitzen und Carl Sagan lebte noch.
Seit dem ersten Teil dieser Rückblende im Oktober sind wir 100 MHz und vier Kernelversionen weiter in die Vergangenheit gereist.
Move along. Move along.


Oder andersrum : Ging es uns zu der Zeit, als der DowJones bei 6600 stand schlechter als zu der Zeit, als er bei 19000 stand ?.
Wäre es nicht viel besser gewesen, er hätte den Stand von 6600 die ganze Zeit beibehalten ?
Ja, wäre es vermutlich, aber unser momentanes Wirtschaftssystem funktioniert absurderweise nicht ohne (exponentielles) Wachstum. Drum rutschen wir ja von einer Blase in die nächste Blase, von einer Krise in die nächste Krise.
»Ging es uns [1995] schlechter als [2008]?«
Wer ist »uns«? Einem normalen Arbeitnehmer ging es 1995 tendenziell sogar besser als heute, wenn man von der damaligen Kaufkraft eines Durchschnittsgehaltes ausgeht.
Das ist in meinen Augen der wunde Punkt des heutigen Kapitalismus: für die Masse der Menschen bietet er auch ohne Krise keine positive Perspektive mehr.
Gruß,
Marc
Eine Frage wollte ich Dir aber die ganze Zeit stellen :
Wer in unserem Kurs am Krebsberg hatte denn die gleichen »Startvoraussetzungen« wie Du (mal abgesehen von der Bürgermeisters-Tochter Neuber) ?!?.
Wer war denn mit 21 Jahren Millionario ?.
Jetzt wo anscheinend nix mehr da ist von der Puseratze orientierst Du Dich politisch nach links.
Ich denke nicht das die »staatliche Gießkanne« den Effekt haben kann den »normalen Arbeitnehmer« in die Schuhe zu spülen, die Du mal anhattest. Das kann man begraben.
Bin mal gespannt, ob Deine Leserschaft erfährt wie Du vom DM-Millionär, der am »exponentiellen Wachstum« durch Zins und Zinses-Zins bestens profitiert hat zum Redakteur geworden bist
Oder hast Du alles gespendet ?.
Ansonsten gibts hier (außerpolitische) gute Ansätze.
Durchlesen kann ichs mir ja, aber machen genau das Gegenteil.
Mächtige Grüße
So ungern ich das dementiere: Ich war nie in meinem Leben Millionär. Aber Deine Frage ist Salz in eine offene Wunde. Setz Dich, nimm Dir ‘nen Keks und lass mich erzählen.
Als mein Vater starb, war ich noch ein Kleinkind, damals erbte ich ein Grundstück und zwei »Sparverträge« (oder sowas in der Richtung), alles war an meine Volljährigkeit gekoppelt.
In meiner Kindheit und Jugend lebten meine Mutch und ich von Witwen- und Waisenrente und dem, was wir uns schwarz dazu verdienten. Die Mutch jobbte im »Alt Neunkirchen«, der Kneipe unter unserer Wohnung, ich begann mit elf stundenweise im Zeitschriften- und Tabakladen des NEZ (Neunkircher Einkaufszentrum) auszuhelfen (der Besitzer kannte mich schon als Kind, er hatte früher einen Laden in der Nähe des Stadtparks), später dann auch im Fotoladen gegenüber (was der Mutch irgendwie unheimlich war, weil der Geschäftsführer schwul war).
Ich kann mich noch gut erinnern, welche Dramen sich immer im Sommer abspielten, wenn die Anschaffung neuer Schulbücher fällig war. Mit den 40 Mark, die sozial schwache Schüler als Büchergutschein bekamen, kam man auf dem Gymnasium ja nicht weit.
Zweimal war das Geld besonders knapp, da nahmen wir jeweils Kredite auf, die dann mit den Sparverträgen abgelöst wurden. Wenn man sich keine Tilgung leisten kann, hauen die Zinsen natürlich besonders heftig rein, netto blieb da nicht viel übrig, aber es half uns über die Runden.
Kaum war ich volljährig, verkaufte ich das Grundstück. Damals hielt ich etwa 100.000 Mark in Händen (für ein paar Stunden sogar in bar, das musste ich mir gönnen). Das Geld hab ich dann binnen zweier Jahre so gründlich durchgebracht, dass ich hinterher einen hohen fünfstelligen Betrag an Schulden hatte - die letzte Rate dafür hab ich erst vor ein paar Jahren abgestottert.
Ich kann versuchen, das zu rechtfertigen... Nach achtzehn Jahren in relativer Armut hatte ich immensen Nachholbedarf. Statt der zwei Jeans konnte ich mir plötzlich mehrere Anzüge leisten. Statt des Kinderzimmers: eine Wohnung. Statt der geförderten deutsch-französischen Schülerbegegnung: ‘nen Flug nach London. Statt der Raubkopien auf dem heimischen Videorekorder: regelmäßige Fahrten ins Ami-Kino »Broadway« nach Landstuhl. Statt der Bontempi-Heimorgel: einen Yamaha DX-7. Statt des C64: eine Amiga, einen Atari ST und einen PC. Statt der 300-Baud-Datenschleuder: ein 2400bps-Modem. Statt der selbstgebastelten BASIC-Mailbox: einen Fido-Node (und die dazugehörige Telefonrechnung).
Erst als alles nach den zwei Jahren wieder verscherbelt oder weggepfändet war (außer der Amiga), erkannte ich, dass es mir - außer bei den Computern - gar nicht um den Besitz gegangen war, sondern darum, die Sachen kaufen zu können.
Aber bei allem Verständnis, das man für meinen jugendlichen Leichtsinn haben könnte: ich schäme mich für die Zeit. Nicht mal so sehr, weil ich nichts aus der Kohle gemacht hab (schließlich hatte ich nie Gelegenheit zu lernen, wie man mit Geld umgeht), sondern weil ich für diese kurze Zeit zum totalen Arschloch mutierte und meinen »Reichtum« total überschätzte. Zu den Erlebnissen, die mir aus der Zeit am peinlichsten sind, gehört mein affiges und überhebliches Auftreten gegenüber einer Jugendgruppe aus der DDR, die ich damals in meiner Saarbrücker Stammkneipe, dem Nauwieser Eck, traf... und eine Bemerkung gegenüber einem Freund, dem ich unterstellte, dass er an mir nur mein Geld schätze.
Und zu meiner politischen Ausrichtung... ich war als Kind extrem links (sogar bei den Jungen Pionieren der DKP, ich erinnere an die verbotene Ausgabe der Schülerzeitung Pons mit dem Artikel über die Skandale von Franz-Josef Strauß im Wahljahr 1980), bis mir jemand erzählte, dass man aus der DDR nicht ausreisen darf und mir keiner meiner SDAJ-Freunde erklären konnte, warum das so ist. Dann war ich lange gemäßigt links, hab für den Oskar am Wahltag morgens Zeitungen ausgetragen und Postkarten von Klaus Staeck gesammelt. Dann war ich kurz »reich« und ein Arschloch (s.o.), aber selbst da hab ich rot/grün gewählt - solange, bis Gerhard Schröder »Sozialdemokratie« und Joschka Fischer »Pazifismus« neu definierten und mir das gründlich verleideten.
Inzwischen bin ich wohl ein gutes Stück links von der Linken, obwohl es meiner Liebsten und mir (vorübergehend?) materiell besser geht als dem Durchschnitt (wir sind Doppelverdiener ohne Kinder), und in dem Bewusstsein, dass Leute wie wir mit Einschnitten zu rechnen hätten, wenn so gründlich umverteilt würde, wie ich mir das vorstelle.
Ich bin übrigens kein Redakteur, sondern bloß Serverhygieniker (Sysadmin). Wenigstens dafür war die »dunkle« Zeit gut... Mein Wissen um Computer und Netzwerke war die Treppe, auf der ich vom verschuldeten Sozialhilfeempfänger zum »produktiven Mitglied unserer Gesellschaft« aufgestiegen bin. Das, was mir der Staat damals geschenkt hat, hab ich in Form von Steuern längst mehrfach abgezahlt.
Gruß,
Marc