Ich geh ja nach vielen schlechten Erfahrungen nur noch ungern — und daher selten — zum Arzt. Ich verlass mich immer erst mal auf die alte Regel »Was von alleine kommt, geht auch von alleine« — und damit bin ich bisher auch ganz gut gefahren. Jetzt hab ich aber mal was ernstes, was nicht von alleine geht und schon nach wenigen Wochen hab ich verstanden, was gerade im Gesundheitssystem schief läuft.
Ich saß mal für AOL in einem Callcenter. In diesem Callcenter bekamen wir Telefonclowns ein ziemlich mickriges Grundgehalt, das wir uns durch Prämien aufbessern konnten. Im technischen Support verdiente man sich die Prämien in erster Linie durch einen niedrigen Durchschnitt bei der Gesprächsdauer, natürlich sekundengenau von der Telefonanlage festgehalten.
Ein Callcentermitarbeiter, ein Agent (bitte englisch aussprechen!), der wirtschaftlich dachte und in der ersten Gesprächsminute feststellte, dass er keinen typischen, schnell zu lösenden Fall am anderen Ende hatte (das konnte man teilweise schon beim Abfragen der Hardwarekonfiguration erkennen), war versucht, den Kunden möglichst schnell abzuwimmeln. Er gab dem Kunden z.B. einen längeren Arbeitsschritt (»Installieren Sie bitte mal nochmal neu.«) und bat ihn, erneut anzurufen, wenn’s danach »wider Erwarten« immer noch nicht funktionieren sollte. Im Notfall drückte er ihn weg und notierte im CRM »Kunde hat aufgelegt«.
Für den betroffenen Kunden war das vermutlich recht frustrierend, weil er immer wieder neue Gesprächspartner hatte, die ihn vielleicht auch noch in unterschiedliche Richtungen lenkten, aber die Callzeiten blieben dank »Customer-Ping-Pong« kurz und die Prämien hoch… Und wenn der Kunde hartnäckig genug war, landete er schon irgendwann bei einem Agent, der sich seiner nach einem schluchzenden »Aber ich hab doch schon viermal neu installiert!« erbarmte.
Ein Agent, der dieses Spiel nicht mitspielte, verzichtete dadurch bewusst auf einen Teil seines Einkommens.
Gleiches Spiel in der Medizin: seit ich nicht mehr im Saarland wohne — da hatte ich das Schwein, einen, »der nicht mitspielte« als Hausarzt zu haben (im Nauwieser Viertel, ich empfehl ihn auf Anfrage) — halten Ärzte ihre »Callzeiten« niedrig, indem sie mit mir »Patienten-Ping-Pong« spielen.
Netto zahlen Callcenter und Gesundheitssystem drauf, weil die wirtschaftlich sinnvolle (!) Reaktion auf den falschen Anreiz natürlich zu viel höheren Folgekosten führt. Und zu frustrierten Anrufern und Patienten. Von der verschwendeten Lebenszeit der Beteiligten will ich gar nicht reden.
Parallel zu den beschriebenen Callcentern gibt’s übrigens auch 0900-Hotlines für ein paar Euro pro Minute, wo man sich jede Mühe gibt, das Gespräch so lange auszudehnen wie nur möglich — auch da ist nicht unbedingt ein Anreiz gegeben, das Problem des Anrufers resourcenschonend und gründlich zu beheben. (Jede Ähnlichkeit mit dem System der privaten Krankenkassen wäre rein zufällig.)
(Der Rest des Eintrags besteht nur noch aus Gejammer über meine jüngsten Erfahrungen. YHBW. HAND.)
Freitag, 17. Oktober 2008
Falsche Anreize im Gesundheitssystem?
Beispiel: Mein Hausarzt in Hombruch überweist mich nach einer ersten Ruckzuck-Untersuchung erst mal zum falschen Facharzt. Die Kosten einer ebenso überflüssigen, wie aufwändigen Untersuchung kann ich dem Gesundheitssystem ersparen, weil ich die Diagnose mit Hilfe von Informationsbruchstücken vom Arzt, Google und Wikipedia nach etwas Selbstbeobachtung ausschließen kann. Dieses Internetz ist also doch zu was gut!Ja, ich komm mir auch doof dabei vor, wenn ich mir eine Aushilfsdiagnose aus der Wikipedia zusammenreime. Bessere Vorschläge? (Nein, »zurück ins Saarland« ist keine Option.)
Beim nächsten Besuch beim Hausarzt haben sich die Symptome ausreichend verschlimmert, um eindeutig zu sein. Ich kriege eine Überweisung zu einem passenden Facharzt.
Der Facharzt unterhält sich mit mir in Stichworten und akzeptiert auch nur Antworten im Telegrammstil, die er dann, meist als Zahlen- und Buchstabenkombinationen, gleich in sein Diktiergerät spricht — Staccatissimo!
Er zieht eine mechanische Untersuchung (*katsching*) einem Gespräch vor (»Patienten sagen eh nie die Wahrheit«, das weiß man doch, dank Dr. House), diese Untersuchung bestätigt seine längst diktierte Diagnose, er muss sie nur noch um ein paar Zahlen präzisieren. Er spricht tatsächlich mehrere Sätze am Stück — wohl weil er verpflichtet ist, mich auf die möglichen Risiken der Cortison-Spritzen hinzuweisen, die er mir kurz darauf in den Hals steckt (*katsching*) —, lässt mich noch eine halbe Stunde lang »beobachten« (*katsching*) und röntgen (*katsching*) und freut sich schon auf ein halbes Dutzend Wiederholungen: Tach, Spritze, Tschüss, *katsching*. Aber immerhin kann ich meine Röntgenbilder in diesem »Versorgungszentrum« auf CD mitnehmen.
Das Web klärt mich anhand der der geplanten Therapie über die vermutlich gestellte Diagnose auf, die halte ich zwar für grundsätzlich richtig, aber unvollständig, weil sie meine akuten Beschwerden einfach ignoriert.
Die Liebste besorgt mir den Namen eines Arztes der gleichen Fachrichtung, dem man nachsagt, dass er sich »Zeit für seine Patienten« nimmt.
Dieser Arzt gibt mir tatsächlich die drei Minuten, die ich benötige, um die Entwicklung meiner Symptome zu schildern. Er stellt daraufhin sofort die »richtigen« Fragen: ich hab gleich das Gefühl, dass er eine passende Diagnose hat und sie anhand meiner Antworten bestätigt. Er greift genau da rein, wo’s am meisten weh tut, erläutert seine Diagnose, seinen Verdacht bezüglich der Entstehung und zählt schließlich die Behandlungsalternativen auf.
Just in dem Moment, wo ich durchblicken lasse, dass ich erst mal kein Interesse an Akupunktur und so (*katsching, katsching, katsching*) habe, sondern es lieber zuerst mit Schulmedizin (*katsching*) versuchen würde, scheint er spontan das Interesse zu verlieren, haut mir das Cortison in die Schulter und klärt mich drüber auf, dass wir erst mal keinen weiteren Termin machen müssen, ich solle mich melden, wenn die Beschwerden schlimmer werden — mit stärkeren Schmerzen werd ich sicher eher bereit sein, die Akupunkturregisterkasse klingeln zu lassen…
Vielleicht sollte ich dem Onkel Doktor einen Tauschhandel vorschlagen — der wusste nämlich nix mit der CD mit den Röntgenbildern anzufangen. »Die Radiologen haben so ‘ne spezielle Software, die können richtig in die Bilder reinzoomen, aber ich seh hier nur so kleine Briefmarken.« Von wegen. DICOM ist ein Standard und es gibt Open Source-Software. »Hömma, wenn Du machst, dass ich meinen Arm wieder bewegen kann, dann mach ich, dass Du hochaufgelöste Röntgenbilder angucken kann…«
Nachtrag, 22. Oktober 2008: Eine vertrauenswürdige Quelle, die seit vielen Jahrzehnten in der Branche arbeitet, erklärte mir, dass Chirurgen, Urologen und Orthopäden halt krass drauf seien, was wohl mit Eigenheiten ihrer jeweiligen Fachrichtung zusammenhinge. Das müsse man nicht persönlich nehmen. Erstaunlich sei, dass man mich vom Medizinischen Versorgungszentrum nicht, wie üblich, gleich zur Krankengymnastik nebenan geschickt habe, die gehöre nämlich dem gleichen Arzt wie das MVZ.
Geschrieben von Marc
in Schwarzseher
um
03:26
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Tags für diesen Artikel: Altern, Gesundheit
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Hat sich der gefreut, die Klinik-CDs lesen zu können...
Gute Besserung!
oas
Gute Besserung und liebe Grüße von Der Saar
msp