Dienstag, 8. Juli 2008
Interview mit
Günter Wallraff in der SZ:
sueddeutsche.de: Wo stehen Sie eigentlich politisch, Herr Wallraff?
Wallraff: Ich bin Wechselwähler, stehe den Grünen nahe. Und dem linken Flügel der SPD — aber gibt es den überhaupt noch?
sueddeutsche.de: Sagen Sie es uns.
Wallraff: Die SPD ist Konkursmasse. Schröder, Clement und Schily haben diese Partei in den Bankrott geführt. Und sie erwecken den Eindruck, dass Politiker allgemein käuflich sind - was ja nicht stimmt. Die drei sind die Totengräber der Sozialdemokratie. Sie haben hohe Werte, die die SPD ausmachten, verraten.
[…]
sueddeutsche.de: Und Kanzlerin Merkel, die nun wieder erklärt hat, die Reformpolitik der Schröder’schen Agenda 2010 fortsetzen zu wollen?
Wallraff: Wieder so ein Beispiel, wie ehemals positiv besetzte Begriffe entwertet werden. Reform bedeutete ursprünglich - soweit ich mich erinnere - etwas Fortschrittliches im Sinne von sozialer Verbesserung und ist nun als wohlfeile Floskel für gewaltigen sozialen Rückschritt inflationär missbraucht. An Merkel gefällt mir, dass sie im Gegensatz zu Schröder Regimegegner aus China und Russland empfängt und ermutigt und den Dalai Lama gegen heftigen Widerstand ebenfalls trifft. Ansonsten sehe ich Merkel als Vertreterin einer offensiv wirtschaftsliberalen Haltung, die selbst die schüchternen, aber notwendigen und für jedermann nachvollziehbaren sozialen Vorschläge ihres Parteifreundes Rüttgers diffamiert und abkanzelt.
sueddeutsche.de: So ähnlich dürfte das auch Oskar Lafontaine sehen. Was halten Sie von ihm und seiner Linkspartei?
Wallraff: Bei Lafontaine bin ich gespalten. Ich lernte ihn kennen und war mit ihm befreundet, als er sich als Oberbürgermeister von Saarbrücken persönlich sozial stark engagierte. Heute ist er mir zu sehr Stratege. Da kommen immer wieder dieselben Versatzstücke, da ist mir zu wenig Dialog.
sueddeutsche.de: Seine Partei scheint immer mehr gewählt zu werden.
Wallraff: Eine Oppositions-Linke um die zehn Prozent ist für eine Demokratie sicher förderlich, solange die anderen großen Parteien immer weniger unterscheidbar sind. Die Linke ist mir in einigem zu apparatschikhaft und die DDR-Nostalgie ist bei zu vielen Ost-Wählern immer noch stark verwurzelt.
sueddeutsche.de: So ähnlich klingt es auch bei CDU-Politikern.
Wallraff: Nicht alles, was CDU-Vertreter sagen, ist falsch. Ich verstehe mich gut mit Norbert Blüm und Heiner Geißler.
sueddeutsche.de: In den achtziger Jahren, als Geißler noch CDU-Generalsekretär war, sind Sie ziemlich hart aneinandergeraten.
Wallraff: Als Generalsekretär der CDU war Geißler noch ein knallharter Demagoge. Heute stimme ich politisch in vielen Dingen mit ihm überein. Leider sind solchen radikalen Demokraten und Querdenker (ich zähle auch Gerhart Baum von der FDP und Rudolf Dressler (sic), SPD, dazu) in den Parteien eine aussterbende Gattung. Die austauschbaren und angepassten Parteisoldaten und Funktionäre sind doch inzwischen vorherrschend.
können Sie die nachfolgende mail dem Herrn Wallraff zukommen lassen. Er tritt heute Abend bei Anne Will auf und es wäre schön, wenn er diesen Protest öffentlich machen könnte. Wir brauchen ein Gegenwissen zur herrschenden neufreiheitlichen Geistarmut.
Danke
Rudolf Reddig
[Leider kann DIESE Redaktion das mangels eines direkten Kontaktes zu Herrn Wallraff nicht, aber den offenen Brief an Frau Will dokumentiere ich natürlich gerne.]
Verehrte Frau Will,
wegen schlechter Erfahrungen wende ich mich schon im Vorfeld gegen den Titel Ihrer heutigen Sendung: »Kein Geld für Drückeberger - ist jeder Job besser als keiner?« Mit diesem reißerischen Aufmacher erweisen Sie sich als Teil einer Hetzkampagne gegen unschuldig von gütlicher Erwerbsarbeit ausgegrenzter Menschen. Sie wirken mit an der medialen Vorbereitung der Einführung eines Zwangsarbeitsdienstes, von so genannten Null-Euro-Jobs, dessen Vorlagen schon in den Schubfächern der Fachministerien auf ihre praktische Ausführung harren. Eine zwar noch abgemilderte Zwangsarbeit mit möglichst verlängerten Arbeitszeiten und zu Hungerentgelten erhöht die Fremdbestimmung und verringert die Freiheit für Millionen Menschen. Arbeitszwang tastet nicht nur die Würde des Menschen an, er bedeutet auch eine weitere Erhöhung des Drucks auf noch bestehende Lohnstandards. er verbessert somit die Investitionsbedingungen für geldgetriebene Kapitalverwerter Mitten in Europa. Arbeitsdienst, Militarisierung per EU-Vertrag und damit verbundene Aufrüstung lassen hoffentlich nicht nur bei einem erwerbslosen Historiker die Alarmglocken läuten. Jeder vermeintliche Demokrat müsste bei einem solchen Zusammenspiel aufhorchen und dürfte sich nicht wie Sie vor diesen karren spannen lassen. Es bleibt zu hoffen, dass Günter Wallraff auf den noch fruchtbaren Schoß, aus dem das, woran Sie gerade mitwirken, kroch, mit genügender Deutlichkeit hinweist. Als ein schon zu DDR-Zeiten wegen meiner der Wahrheitssuche verpflichteten Wissenschaftsauffassung mit Berufsverbot belegter und heute aus vergleichbaren Gründen von Erwerbsarbeit ausgegrenzter Historiker verwahre ich mich stellvertretend für alle ebenfalls von gütlicher Erwerbsarbeit ausgegrenzten Menschen gegen diese schon im Aufmacher steckende üble Hetze und Stigmatisierung. Mit diesem Aufmacher bewegens Sie sich hart an der Grenze zur Volksverhetzung.
Beste Grüße
Rudolf Reddig
vielen Dank für die Veröffentlichung wenigstens auf diesem Wege.
Freundlichst
Rudolf Reddig