Die Presse ist heute viel aggressiver und das ist richtig so. — Hans-Olaf Henkel
Wenn man sich auf das Wort von Journalisten verlassen kann, kommt ein ständig wachsender Teil des Inhalts der Massenmedien inzwischen aus den PR-Agenturen der Wirtschaft; unliebsame Berichte werden mit dem Entzug von Werbebudgets geahndet und nicht jedes Medium kann oder will es sich leisten, auf die Einnahmen zu verzichten; Redakteure werden auch schon mal an die Luft gesetzt, wenn die Schere in ihrem Kopf klemmt; immer weniger Journalisten decken immer mehr Themenfelder immer oberflächlicher ab — ganz im Sinne der kurzfristigen Rendite — und die Konzentration der Kontrolle über die Massenmedien in immer weniger Händen schreitet munter voran.
Selbstverständlich kommen bei der Einordnung und Kommentierung der dennoch ans Licht gekommenen Skandale die gleichen Hanseln von INSM und ähnlichen Thinktanks zu Wort, die uns auch sonst die neoliberale Agenda verkaufen sollen, und die erklären uns dann, dass das zwar alles schlimm sei und verurteilt und bestraft werden müsse, aber dass es sich um Einzelfälle handele und Verallgemeinerungen ungerecht seien. Alle — außer denen, die gerade am »Pranger der Woche« stehen — haben grundsätzlich eine weiße Weste. Bis sie erwischt werden.
Die wenigen Journalisten, die tatsächlicher hinter die Hochglanzbroschüren schauen und davon erzählen können, wie die schöne, globalisierte, neue Arbeitswelt wirklich aussieht, verbringen dafür Jahre vor dem Kadi und kämpfen um ihre Existenz.
In der Globalisierung setzen sich auch gerade Werte und Wertvorstellungen durch. — Hans-Olaf Henkel
Selbst die Nazis hatten Werte, aber — aus meiner Sicht — die falschen.
Ich wäre interessiert, zu hören, welche Werte multinationale Konzerne Henkels Auffassung nach vermitteln, wenn sie in Lateinamerika oder Afrika die vorhandenen Resourcen abgreifen, verbrannte Erde hinterlassen und nebenbei die lokalen Märkte zerstören.
Welchen Wert repräsentiert es, wenn die Konzerne uns in einer Hochglanzbroschüre versichern, wie verantwortungsvoll sie sind, während sie, praktisch unbemerkt von der Öffentlichkeit (und der »aggressiven Presse«) ganze Landstriche verwüsten? Oder den Armen der Welt notwendige Medikamente versagen, weil das ihren Umsatz schmälern könnte?
Welche Wertvorstellungen stehen hinter den Bemühungen, die Gewinne auf Kosten der Mitarbeiter zu erhöhen; Subventionen abzugreifen, indem man die Buchstaben des Gesetzes gegen seine Intention auslegt; die Öffentlichkeitsmeinung zu kontrollieren, indem man unliebsame Stimmen mundtot macht; virtuelle Werte an virtuellen Märkten rumzuschieben, Währungen (also ganze Volkswirtschaften) gegeneinander auszuspielen und einander das Geld aus der Tasche zu ziehen? Welchen Wertvorstellungen muss man anhängen, um es gut finden zu können, wenn eine Handvoll Nasen ein paar Jahre lang im ungebremsten Luxus leben und dafür zigtausende Mitarbeiter irgendwann feststellen, dass sie um ihre Rente gebracht wurden?
Sind das Werte, von denen die Mehrzahl der Menschen profitiert?
Ach so, das sind ja alles nur Ausnahmen und Einzelfälle, »a few bad apples«, früher gab’s das auch, ist aber wegen der fehlenden Aggressivität der Presse einfach nicht rausgekommen.
Also muss man genau das Gegenteil sagen: Die Globalisierung sorgt dafür, dass letzten Endes diese besseren [moralischen und gesetzlichen] Standards überall durchgesetzt werden. — Hans-Olaf Henkel
...wie man z.B. an den hervorragenden Produktionsbedingungen in Niedriglohnländern sehen kann.
Welcher Mechanismus der Globalisierung sorgt nochmal dafür, dass sich solche Werte und Standards verbreiten, wie z.B. Sicherheit am Arbeitsplatz, geregelte und menschenfreundliche Arbeitszeiten, das Verbot von Kinderarbeit, Umweltschutzbestimmungen, betriebliche Mitbestimmung, Kündigungsschutz, Planungssicherheit für Arbeitnehmer, angemessene Entlohnung und Beteiligung am geschaffenen Mehrwert und ähnliches?
Als ideologisch Verblendeter hab ich ja eher den Eindruck, dass diese von den Generationen vor uns teilweise erkämpften Errungenschaften bei uns scheibchenweise abgebaut werden (oft unter dem Stichwort »Entbürokratisierung«), damit wir »in einer globalisierten Welt konkurrenzfähig bleiben«, statt dass wir sie exportieren.
Ich habe in meiner Zeit beim BDI einen Antikorruptionsleitfaden mitentwickelt, der kostenlos an die Mitglieder verteilt wurde. Dieser Leitfaden hat sicherlich dazu beigetragen, dass in der deutschen Industrie relativ wenig passiert ist. — Hans-Olaf Henkel
Drollig. Wer hätte gedacht, dass man nur einen Leitfaden braucht, wenn man Korruption verhindern will...
Das, was die Lafontaines dieser Welt immer als Neoliberalismus hinstellen, gibt es ja gar nicht. Und das wollen wir auch gar nicht. — Hans-Olaf Henkel
Was wollen Sie denn, Herr Henkel? Sie treten für eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik ein, für »Entbürokratisierung« (also für die Abschaffung gerade jener Regeln, die zum Schutz von Arbeitnehmern und Konsumenten eingeführt wurden), für die Senkung von Steuern und Abgaben und für mehr »Eigenverantwortung« (also für einen schwachen Staat und minimale soziale Absicherung), für die Privatisierung von Infrastruktur, für eine Globalisierung mit möglichst wenig Regeln... also für alles, was die Lafontaines dieser Welt, mich in diesem Falle wohl eingeschlossen, verkürzt als »neoliberal« bezeichnen und worin wir das Übel dieser Welt sehen.


