Er will einerseits Freiheit, die Möglichkeit vom Staat und allen anderen unbeschattet durch die Welt gehen und tun und lassen zu können was ihm passt. Andererseits fordert er ein — nicht weiter definiertes — Eingreifen des Staates in die Machenschaften privater Personen bzw. Institutionen. Das riecht für mich irgendwie nach einem Widerspruch.
• Die WestLB ist nach meinem Verständnis keine private Institution. Ihre »Shareholder« sind die Sparkassen, die NRW.BANK (eine »Anstalt des öffentlichen Rechts«) und das Land Nordrhein-Westfalen (also ich). Ihre Aufgabe sollte nicht die Maximierung des eigenen Profits sein, insbesondere nicht durch die Teilnahme an hochprofitabler (weil hochriskanter) internationaler Devisen- und Aktienverschieberei, sondern die Sicherung und Maximierung des Wohlstands des Landes — und zwar in erster Linie durch ihre Funktion und Geschäftstätigkeit (also langfristig), nicht durch ihren erzielten Gewinn (also kurzfristig). Vermutlich merkt man hier schon, wie naiv ich in dieser Beziehung bin und wie wenig Ahnung ich davon hab, wie Banken tatsächlich funktionieren.
• Ich wehre mich vehement gegen die unzulässige Zusammenfassung von »privaten Personen bzw. Institutionen«. Konzerne und Banken sind keine Personen, das Konzept der juristischen Person ist ein Mindfuck, ach was, ein Mindrape! Der Film The Corporation (Werbeblock) erläutert die Entstehungsgeschichte der Kapitalgesellschaft in den USA, die eigentlich als zeitlich begrenzter Zusammenschluss von Einzelpersonen zur Realisierung eines bestimmten Projektes (z.B. des Baus einer Brücke) entstand, sich dann zum Endlosprojekt entwickelte und schließlich unter Missbrauch
• Ja, Kapitalgesellschaften müsste man so genau wie möglich auf die Finger gucken, sie gehören sozusagen auf die geschlossene Abteilung (vgl. The Corporation). Sie haben die Rechte natürlicher Personen, sie können Eigentum erwerben, Menschen verklagen, Softwarepatente einreichen, Lobbyismus betreiben und Einfluß ausüben, aber die Ethik, das Gefühl für gut und schlecht, das die meisten von uns Individuen zu haben scheinen, oder sowas wie ein schlechtes Gewissen, sitzt in diesen speziellen »Personen« aus ökonomischen Gründen nicht im Hirn, wo die Weichen gestellt werden, sondern in der gespaltenen Zunge: in der PR-Abteilung. Man muss ihren Schaden also von außen begrenzen, weil sie das selbst kaum können. Ein Individuum hingegen, das nicht gefährlich für seine Umwelt ist und zumindest die Goldene Regel verstanden hat (ich weiß nicht, wie viele Milliarden man in unser Bildungssystem pumpen muss, um das für jeden sicherzustellen, aber es wäre jeden Euro wert), sollte so selbstbestimmt und frei von Kontrolle, Überwachung, Datensammlung und staatlicher Gängelei sein wie nur möglich. Ich seh da keinen Widerspruch.
Dass bei der WestLB und vielen anderen Banken in den letzten Monaten eine ganze Menge schief gelaufen ist, ist sicherlich bedauerlich. Dass es in diesem Maßstab passieren konnte lässt auf massive Fehler in der Organisation der Unternehmen und vermutlich einem gehörigen Maß an Inkompetenz auf der Führungsetage schließen. Wie aber eine Änderung des politischen Systems derartige Fehlkalkulationen verhindern soll ist mir ein Rätsel.
Du weißt ja, dass ich keine wirklich gute Antwort auf die Frage nach der Alternative habe, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein System, das sich auf einen Finanzmarkt verlässt, der hauptsächlich mit dem virtuellen Verschicken von Devisen beschäftigt und so wackelig ist, dass ein paar gestörte Spekulanten für globale Effekte und Existenzangst bei Millionen von Menschen sorgen können, das Nonplusultra ist.
Als Schwarzseher seh ich uns im — immer noch als »soziale Marktwirtschaft« vermarkteten — postdemokratisch-bürokratischen Turbokapitalismus auf dunkelste Science Fiction zusteuern (Blade Runner, Brazil, 1984, Neuromancer) — ich wär halt lieber in Richtung Star Trek unterwegs, und ich hab den Eindruck, dass wir längst genug Resourcen haben, um überall alle Münder zu stopfen, alle Kriege zu beenden, blabla. Aber wir machen ja nicht mal die kleinen Schritte, z.B. allen Menschen in Deutschland mit Hilfe eines Bürgergelds die Existenzangst zu nehmen, die Infrastruktur (z.B. Wohnen, ÖPNV, Strom) öffentlich und bezahlbar zu halten oder eine chancengleiche, hochwertige und menschliche Bildung für alle sicherzustellen.
Ist das System nicht eigentlich schon dadurch sozial, dass Marc über einige Ecken das Überleben der Bank (und damit die Jobs aller »übrig gebliebenen«) finanziert und dass die 2000 »Opfer« nicht knallhart fallen sondern in gewissem Maße vom sozialen Netz aufgefangen werden?
Ich will jetzt gar nicht drüber nachdenken, wie das Verhältnis meines Anteils an den Aufwendungen für die »freigestellten Mitarbeiter« im Vergleich zu meinem Anteil an den eintausend Millionen Euro aussieht, die die WestLB jetzt von ihren Besitzern bekommt. Oder an den Goldenen Handschlägen, falls sich noch mehr Geld in Luft auflöst.
Ich denke, die »Opfer« wären vor zehn Jahren in ein soziales Netz mit engeren Maschen gefallen. Wer keinen Job kriegt, hat möglicherweise nur halbes Jahr, um den Abstieg auf ALG II vorzubereiten. Die, die einen Job kriegen, hätten vor zehn Jahren mit höherer Wahrscheinlichkeit einen unbefristeten Vertrag bekommen — bei der WestSpiel, einer Tochter der WestLB, gibt’s z.B. anscheinend seit einigen Jahren ausschließlich befristete Verträge, die grundsätzlich nicht verlängert werden. Da lässt sich halt flexibler planen. Scheiß doch auf das, was die Arbeitnehmer gerne planen würden. Dieser »Fortschritt« der »sozialen Marktwirtschaft« geht für meinen Geschmack in die falsche Richtung. Hab ich im Gegenzug wenigstens mehr von meinem Brutto in der Tasche, wenn man die Eurosteuer, die Inflationssteuer, die höhere Mehrwertsteuer, die verteuerte Infrastruktur mitrechnet? Ich glaub kaum. Leiste ich, schon aufgrund des technischen Fortschritts und des damit verbundenen Wissenszuwachses, mehr? Ich denke schon. Das ist keine großartige Erfolgsbilanz des Systems, jedenfalls nicht für den Durchschnittsarbeitnehmer oder andere größere Bevölkerungsgruppen (einschließlich der Chinesen, wenn ich mir angucke, unter welchen Bedingungen die da arbeiten). Deutlich besser als vor zehn Jahren scheint es nur kleinen bis winzigen Bevölkerungsgruppen zu gehen. Da ist doch der Wurm drin?
Wird die Bank nicht zweifelsohne wieder Personal einstellen, wenn die Folgen des Fehlers behoben worden sind?
Nicht zwingend. Wahrscheinlicher ist doch, dass die verbliebene Belegschaft die Mehrarbeit schlucken muss — ihre Lebensqualität wird auf die ein oder andere Weise sinken. Die des Vorstands eher nicht. Und das ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Da muss man doch mal die


Demonstrieren bringt doch nix mehr, nur noch harte Klagen, massenhanft gegen die Politik klagen.