In den letzten dreißig Jahren haben die Residents Entwicklungen im Bereich Musikvideo, Performance-Kunst, Multimedia und in vielen Bereichen der Musik und Musikproduktion angestoßen - aber immer noch weiß niemand, wer sie sind. Icky Flix bietet als erste DVD der Residents eine Zusammenstellung aus altem und neuem Material: 17 Tracks von Third Reich ‘N’ Roll (1976) bis Burn, Baby, Burn (1998), jeweils mit einer Tonspur in Stereo mit der Originalmusik und einer 5.1-Spur mit einer aktuellen Aufnahme des Songs.
Meine erste Berührung mit den Residents war die Freak Show, eine preisgekrönte Multimedia-CD, die 1992 für Windows und Mac erschien - damals waren die Residents bereits zwanzig Jahre im Geschäft. Das »Spiel« begeisterte mich durch einen abgefahrenen Soundtrack und die schonungslose Entlarvung und Befriedigung meines Voyeurismus – »Everyone Comes to the Freak Show!« Aus heutiger Sicht fallen natürlich in erster Linie die 486er-kompatiblen Videobriefmarken auf.
In den letzten Jahren hab ich mir die ein oder andere Platte von den Residents angehört und mich immer wieder von ihrer unkonventionellen Kreativität überraschen lassen. Die Musik der Residents hat mindestens eines mit der von Frank Zappa gemein: während man sie hört, wird man gelegentlich von Passanten angesprochen, die nachfragen, ob das denn wirklich Musik sei. Ich pflege inzwischen zu antworten: »Ich bin die Randgruppe.«
Samstag, 9. Juni 2001
Review: The Residents' Icky Flix (DVD)
Er verschwand wieder hinter den Käfigen, kurz darauf kamen alle vier Residents und die beiden Gäste auf die Bühne. Drei Residents und ein Gast platzierten sich in den beiden äußeren Käfigen hinter ihren Instrumenten, alle in Hosenanzügen mit aufgemalten Frackkonturen und mit drei am Kopf angebrachten Strahlern, die alle in Blickrichtung ausgerichtet waren.
Der singende Resident trug eine verzerrte Maske mit auf Drähten schwingenden weißen Kugeln und hielt einen Arm, als ob er verkrüppelt wäre - irgendwie hat mich das an das Original von »Die Fliege« (1958) erinnert, fragt mich nicht, warum.
Der zweite Gast war eine Sängerin in Schwarzlicht-Schminke mit gelben Haaren und riesigen gelben Schuhen, deren Gesang oft von einem der äußeren Residents begleitet wurde, möglicherweise dem zweiten Gast und ebenfalls einer Sängerin, deren Stimme aber nur verfremdet zu hören war. Wer weiß es - wenn es um die Residents geht - schon genau?
Die Residents spielten fast alle Tracks von der DVD synchron zu den Videos, die auf die Leinwand projeziert wurden – natürlich mit einem frischen und prägnanten Sound. Molly und der singende Resident kamen während zahlreicher Stücke nach vorne auf die Bühne um zu ihrem zu Gesang zu tanzen. Das Konzert war fantastisch und es hatte, wie eine gut gewürzte Mahlzeit, einen Nachbrenner: je länger ich darüber nachdenke, desto beeindruckender war die Performance.
Das faszinierendste Instrument des Konzerts war übrigens das Marimba Lumina, ein Midi-Keyboard, das vom Resident links außen mit vier unterschiedlichen Schlegeln gespielt wurde und die verblüffendsten Effekte produzierte.
Ich hatte mir schon Tage vor dem Konzert die Icky Flix-DVD aus dem Online-Katalog von EuroRalph rausgesucht und sie auf dem Festival für kleineres Geld gesehen, so trug ich sie während des Konzerts schon in der Tasche – und sie hält, was das Konzert versprach.
Neben den teilweise neu gemasterten, teilweise für diese DVD neu produzierten Videos, jeweils mit dem Original-Song in Stereo und dem neuen Material in einem Dolby Digital Surround-Mix (den ich allerdings mangels Equipment auch nur in gutem, altem Stereo genießen kann), bietet sie 17 Minuten Originalmaterial des nie vollendeten Erstlingfilms der Residents, »Vileness Fats« (1972-1976), natürlich ebenfalls mit zwei Soundfassungen.
Im Hauptmenü kann man entscheiden, ob man alle Songs in der alten oder der neuen Fassung hören möchte, sie werden, verbunden durch sekundenlange Animationsschnipsel, hintereinander abgespielt, oder man wählt sie über den Flix Cube (ein nett animiertes Menü) direkt an, wobei man sich dann auch noch ein paar Textseiten mit zusätzlichen Infos zu jedem Video ansehen kann.
Im Hidden Feature »Smelly Tongues Secret Cinema« findet man Live-Performances von diversen Konzerten und Shows, man erreicht sie in »More Info« jeweils über einen Augapfel in der oberen linken oder rechten Ecke, wenn man ein bisschen mit den Richtungstasten spielt.
Die DVD ist total liebevoll produziert und bietet dem Residents-Fan jede Menge neue Musik und zahlreiche Schmankerl und dem DVD-Fan eine schöne Musik-DVD mit spannender und ungewöhnlicher Musik, mit einem der allerersten Musikvideos (The Third Reich ‘N’ Roll) und einigen überraschenden Coverversionen bekannter Songs (z.B zu »This is a Man’s World« von James Brown und zu dem Wohltätigkeitsgedudel »We Are the World«).
Highly recommended.
Nebenbei: The Residents Eskimo ist eine Art hypnotischer Soundtrack zum klassischen Dokumentarfilm Nanook of the North (1922), in 5.1 abgemixt und mit wunderschön bearbeiteten Bildern aus dem Eskimo-Leben unterlegt. In sechs Kapiteln vertont das von 1976-1979 unter Beteiligung von Grandmother Don Preston entstandene Album Episoden aus dem ursprünglichen Leben der Eskimos, nicht ohne die Frage aufzuwerfen, ob es ihnen heute wirklich besser geht.
Nachtrag, 29. Juni 2006: heise online: The Residents veröffentlichen CD-Rs als »Limited Edition«
Geschrieben von Marc
in Medienjunkie
um
14:15
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