Heutzutage heißt sowas Infotainment und Öffentlichkeitsarbeit; es gehört halt zum Wesen der Propaganda, gelegentlich neue Begriffe für sich selbst zu erfinden, um die eigene Vermarktbarkeit zu verbessern. Übernächstes Neujahr tritt die europäische Verfassung in Kraft, die nicht Verfassung heißen darf, weil sie sich als »Reformvertrag« besser vermarkten lässt. Darin wird festgeschrieben, dass Gesetze von der Exekutive gemacht werden können, spätestens dann macht es »klick« und wir leben in einem politischen System ohne Gewaltenteilung. Das ist — jedenfalls nach allen Definitionen, die mir vertraut sind — keine Demokratie mehr. Mal ganz abgesehen davon, dass das Europäische Parlament nach diesen Definitionen auch noch nie ein Parlament war.
Arrangieren wir uns weiter damit, dass Sicherheitswahn und Terrorangst zu einer Demokratie gehören. Arrangieren wir uns mit Vorratsdatenspeicherung, mit Fingerabdrücken und RFID-Chips in den Pässen. Arrangieren wir uns mit dem Gedanken, dass ein Staatenbund demokratischer Bundesstaaten natürlich automatisch demokratisch ist, bis wir ihn verinnerlicht haben, bis zwei und zwei fünf sind.
The illusion of freedom will continue as long as it’s profitable to continue the illusion. At the point where the illusion becomes too expensive to maintain, they will just take down the scenery, they will pull back the curtains, they will move the tables and chairs out of the way, and you will see the brick wall at the back of the theatre. — Frank Zappa
Aufschlussreich: EU-Reformvertrag – Eine Missgeburt? bei Readers Edition via Mein Parteibuch. Ich finde es nicht verwunderlich, dass man Professor Schachtschneider nicht bei Anne Will sitzen sieht.
Nachtrag, 4. Januar 2008: In der Zeit erklärt man mir, dass die Demokratie eh überschätzt wird und dass das so schon alles seine Richtigkeit hat:
Demokratietheoretisch nämlich ist es in der Tat skandalös, wie die EU den Einzelstaaten Vorschriften diktiert. Beschlossen immerhin werden die besagten Brüsseler Rechtsakte nicht etwa von Parlamenten, sondern von den jeweiligen Fachministern der 27 EU-Mitgliedsstaaten. Was sie bei ihren Treffen hinter verschlossenen Türen vereinbaren, müssen die Parlamente zuhause in nationales Recht umsetzen, ob es ihnen gefällt oder nicht. Sollte der Lissaboner Vertrag (ehemals »Verfassung«) in Kraft treten, werden es die Minister noch leichter haben, denn seine Klauseln ermöglichen mehr einfache Mehrheitsentscheidung als bisher.
Die Exekutive bestimmt also immer öfter, was Gesetz wird, nicht die Legislative. Das ist ein eklatanter Verstoss gegen den Gewaltenteilungsgrundsatz, wonach die Volksvertretung das Recht setzt, nicht aber die Regierung. [...]
Lassen wir aber das Negativbeispiel Schily & der Biometriepass einmal für einen Moment beiseite. Gehört es dann nicht auch zur Wahrheit, dass demokratiepraktisch das postdemokratische System Europa überraschend gut funktioniert?
Immerhin scheint diese bürgerferne Geschäftsführerdemokratie der Minister, Staatschefs und Kommissare den Wohlfühlgrad im Gehege Europa im Großen und Ganzen seit Jahrzehnten zu erhöhen. Nirgendwo auf der Welt haben Menschen so viele (geschriebene) Rechte wie in Europa. Kein anderer Kontinent verwendet so viel politische Energie darauf, die Lebensqualität seiner Bürger zu verbessern und zu vereinheitlichen, von der Lebensmittelsicherheit, über funktionierende Stromnetze, Rechtsstandards beim Autokauf, im Flugverkehr, beim Arbeitsschutz, bei der sogenannten Anti-Diskriminierung, bis hin zur Handykostenbegrenzung, der Co2-Abgasnorm und der Nichtraucherkampagne. [...] Ist dieses Europa eine Diktatur verantwortungsvoller Gutmenschen, die im Grunde ganz gut funktioniert?
Siehste mal, so ‘ne Diktatur ist gar nicht so schlimm. Die wollen nur unser Bestes und wissen schon, was gut für uns ist. Die kommen sicher auch bald drauf, wie man die Arbeitslosen von der Straße holt: die Männer bauen Autobahnen und die Frauen kehren an den Herd zurück.


When the power of Love overcomes
the love of power, the world will
know peace.
- Jimi Hendrix
Die einzige Frage... was machen wir denn jetzt?
Frank
»Es braucht geistige Führung. Revolutionen haben noch nie die Armen organisiert. Es sind die Intellektuellen, die jetzt gefordert sind.« -- Heiner Geißler
Ich glaube auf die Studenten zu warten bringt auch nix mehr... Ich plädiere ja nach wie vor auf die Saarländische Unabhängigkeit, aber das hilft Dir im moment auch nicht weiter
Bye,
Frank