Variante 1 — die Medien:
Tagesthemen: »Religion: Der Trend zum Glauben«
heute journal: »Jeder fünfte Deutsche tiefreligiös«
Welt online: »Gott bewegt die Deutschen und die Welt: Eine umfassende Studie zur Religiosität widerlegt die Annahme, dass der Glauben in Deutschland in die Bedeutungslosigkeit abrutscht.«
FR online: »Frommes Deutschland: Trotz des Rückgangs beim Gottesdienstbesuch sind die Menschen in Deutschland einer Studie zufolge weitaus religiöser als vermutet.«
Variante 2 — die Studie selbst:
Deutschland ist offensichtlich kein Land, das weitgehend säkularisiert ist oder in dem der Glaube schicksalhaft vom Aussterben bedroht ist. Gleichwohl kann der Religionsmonitor zeigen, dass eine Wiederkehr der Religion oder einer Renaissance des Glaubens ebenfalls nicht behauptet werden kann. Der Vergleich seiner Ergebnisse mit denen zurückliegender Untersuchungen ergibt eindeutig eine große Stabilität des religiösen Bewusstseins. Das Christentum ist in den vergangenen 15 Jahren nicht stärker geworden, aber auch nicht schwächer. Neben dem Christentum sind naturalistische und existenzialistische Lebensdeutungen und Weltbilder mindestens ebenso weit verbreitet.
Variante 3 — meine unmaßgebliche Wahrnehmung:
Die Studie wirft Theismus und Deismus in einen Topf, diese Unterscheidung geht in der Berichterstattung unter. Die Studie behauptet, »dass 70% der Menschen religiös sind und 28% klar nicht religiös«. Im Rahmen der European Values Study 1999/2000 bejahten 54% der Befragten die Frage »Glauben Sie an Gott?«, 46% antworteten mit »nein«. Diese Diskrepanz hat mich stutzig gemacht. Guckt man sich die Bertelsmann-Studie aber mal genau an [an dieser Stelle war die Powerpoint-Fassung der Studie verlinkt, der Link funktioniert leider nicht mehr], findet man interessante Detailergebnisse: an einen persönlichen Gott (also einen Gott, wie ihn die monotheistischen Religionen propagieren) glauben da nur 52%. Und schon passt es wieder. Die restlichen 18% der sog. »religiösen Menschen« sind vermutlich Jedi und glauben an Midi-Chlorianer statt an Jahwe oder Allah.
Wie man aus einem Rückgang von 2% einen »Trend zur Religion« konstruieren kann, ist mir unverständlich. Aber die gute Nachricht: wenn ich die Zahlen richtig deute, sind jetzt immerhin anderthalb Millionen Deutsche näher an der Realität dran als noch vor sieben Jahren. Vielleicht verblöden wir als Volk ja doch nicht so schnell, wie ich manchmal denke.
Nachtrag, 19. März 2008: Monate später würgt Wiederkäuerin Maischberger die Studie wieder hoch und schmeckt plötzlich ein »Comeback der Religion«. Unter www.religionsmonitor.com kann man jetzt selbst an der Umfrage teilnehmen.
Nachtrag, 18. November 2008: Zahlen zum Mitgliederschwund bei den großen Kirchen.



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