Die meisten Menschen gehören nur aus Gründen der familiären Kontinuität, also als Folge der üblichen religiösen Gehirnwäsche, die man in der Kindheit abbekommt, einer Religionsgemeinschaft an, und sind eigentlich offen für die Erkenntnis, dass man auch ohne den Glauben an einen persönlichen Gott ein guter Mensch sein kann. Die guten Seiten, die Religiosität haben mag, wurden und werden mehr als aufgewogen durch das Leid, dass Religionen und Kirchen (»Gott und sein Bodenpersonal«) verursacht haben und noch verursachen. Ich beobachte, wie der Einfluß fundamentalistischer Kirchen im nahen Osten genauso wächst wie im ach so aufgeklärten Westen, und kann nicht umhin, mir zu wünschen, dass Gene Roddenberrys Utopie von einer religionsfreien Erde möglichst schnell zur Realität wird, bevor die Konflikte weiter eskalieren.
Kurzer Realitycheck: Dawkins zitiert in seinem Buch »Der Gotteswahn« (»The God Delusion«) eine Umfrage in den USA, die ergab, dass sich weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten vorstellen können, bei einer Präsidentschaftswahl für einen Atheisten zu stimmen. Um es mit Bill Hicks zu sagen, mir behagt der Gedanke nicht, dass Leute, die die Bibel für das Wort Gottes halten, inklusive des abgedrehten Schlusskapitels, den Finger am roten Knopf des größten Atomwaffenarsenals der Erde haben.
Der Standup-Comedian George Carlin prägte den Satz: »Atheism is a non-prophet organization.« Die meisten Atheisten finden ihre Überzeugung, dass es keinen persönlichen Gott gibt, der ihr Schicksal steuert, ihnen Tag und Nacht auf die Finger (und in den Kopf) guckt und Fleißpunkte vergibt, wohl so natürlich und offensichtlich, dass sie sich weigern, sich in irgendeiner Form aufgrund ihrer Nichtreligiösität zu organisieren. Damit überlassen wir das Spielfeld aber ganz den Kirchen.
Dawkins spekuliert, dass es eine kritische Masse bekennender Atheisten braucht, um das Übergreifen von Religion auf andere gesellschaftliche Bereiche zu verhindern oder zurückzudrängen. Da heb ich doch mal virtuell meine Hand und warte mal ab, was passiert.
Bei Google Video findet man übrigens die Channel 4-Doku »The Root of All Evil?« mit Richard Dawkins.




Da kommt bei mir mal wieder die Frage auf... Bin ich, seit ich aus der Kirche ausgetregen bin, eigentlich noch Christ? Oder muss man dazu einem der Vereine angehören... ich weiss es nicht.
Ich bezeichne mich statt als Atheist eher als Agnostiker. Hast Du darüber schon mal nachgedacht bzw. wie ist Deine Meinung dazu?
Bye,
Frank
Ein Atheist glaubt, dass es Gott nicht gibt, obwohl er es nicht wissen kann.
Agnostiker legen sich weder in der einen, noch in der anderen Richtung fest. Ich finde das legitim, aber nicht hilfreich.
Anlass für die aktuelle Atheismus-Diskussion ist ja nicht, dass wir den Gläubigen aus reiner Boshaftigkeit das Leben schwer machen wollen. Wenn jemand Trost in Religion findet, oder die Kraft, Gutes zu tun, ist das ja an sich nix schlechtes.
Es gibt aber seit den 80ern einen bedrohlichen Trend: ein Wiedererstarken der Religionen mit einer neu entdeckten Toleranz für Fundamentalisten (natürlich nur für die des eigenen Lagers). Wenn die Entwicklung in den USA so weitergeht, überholt sie den Iran als Gottesstaat bald rechts.
Diese Entwicklung betrifft mich jetzt schon: islamistische Fundamentalisten begründen ihren Terror mit der militärischen Präsenz der USA auf ihrem heiligen Boden.[*2] Ohne Religion gäbe es keinen heiligen Boden und keine zweiundsiebzig Jungfrauen zur Belohnung für Selbstmordattentäter und damit auch kein 9/11. Würden die Twin Towers noch stehen, wäre es Regierungen auf der ganzen Welt deutlich schwerer gefallen, Einschränkungen der Bürgerrechte durchzusetzen. Wenn mein Perso abläuft, muss ich mich erkennungsdienstlich behandeln lassen, um einen neuen zu bekommen. Geruchsproben, Schikanieren und Wegsperren von Globalisierungsgegnern, RFID-Chips in Ausweisen, Onlinedurchsuchung, Überwachung von Bürgern, die sich kritisch äußern oder mit den falschen Leuten reden, Vorratsdatenspeicherung: alles wird mit dem Totschlagsargument Terrorabwehr durchgesetzt.
Während Du im Urlaub warst, plädierte eine deutsche Kultusministerin dafür, an Schulen Evolutionstheorie und Schöpfungsgeschichte nebeneinander im Biologieunterricht zu behandeln. Intelligent Design, ik hör Dir trapsen. Wollen wir in Deutschland in dieser Beziehung amerikanische Zustände? Wollen wir Fernsehprediger, die Wahlen entscheiden, indem sie mit der Hölle drohen? Wollen wir, dass Gynäkologen, die Abtreibungen durchführen, um ihr Leben fürchten müssen? Wollen wir »Jesus Camp« und »Hell House«?
Wenn die Christen und Muslime sich an die Verabredung gehalten hätten, sich aus dem Leben der Nicht-Christen und Nicht-Muslime rauszuhalten, hätten sie dafür meinen Respekt und meine Toleranz verdient, dann könnte ich mir vorstellen, mich als Agnostiker zu bezeichnen - weniger, weil ich die Existenz eines persönlichen Gottes für gleich wahrscheinlich halte wie seine Nichtexistenz, sondern weil dieser Begriff Toleranz ausdrückt: »Ich kann für mich in dieser Frage keine Entscheidung treffen, aber ich respektiere die Entscheidung, die andere getroffen haben.«
Aber spätestens, wenn ein Mann mit Bart meine Freundin als Hure bezeichnet, weil sie nicht verschleiert rumläuft, und ich diese Beleidigung »respektieren« soll, weil das nun mal sein Glaube sei, komme ich zu dem Punkt, wo ich mich als Atheisten im bösesten aller Sinne bezeichnen muss: »Ich kann mir nicht sicher sein, ob es keinen Gott gibt, aber ich bin mir sicher, dass es keinen persönlichen, allwissenden und allmächtigen Zeus oder Wotan oder Allah oder Jahwe gibt, der ein Arschloch wie dieses dafür belohnen wird, ein Arschloch zu sein.«
Gruß,
Marc
[*1] Ein Theist glaubt an einen persönlichen, strafenden oder belohnenden Gott, der auf Gebete hört und ins Geschehen eingreift (oder zumindest ins Geschehen eingreifen könnte). Ein Deist hingegen glaubt an einen unpersönlichen »Gott«, an »etwas«, das alles geschaffen hat und das Universum seither sich selbst überlassen hat. Der Unterschied zwischen einem Deisten und einem Atheisten scheint mir in der Praxis vernachlässigbar.
[*2] Wahrscheinlich gäbe es im Nahen Osten auch ohne Religion Spannungen, aber sie wären deutlich leichter zu schlichten, wenn der liebe Gott die Exklusivrechte auf Jerusalem nicht mindestens drei verschiedenen Religionen versprochen hätte.
nach etwas Recherche hat sich die erste Frage erledigt. Ich könnte mich wohl als Christ bezeichnen, wäre aber nicht anerkannt. Möchte ich aber auch nicht. Weil man als Christ die Lehren der Kirche, nicht von die von Christus, anerkennt.
Somit könnte man mir als Agnostiker höchstens eine tendenziell christliche Lebensweise attestieren... quasi »...ein hauch von...«
Bye,
Frank
legitim, aber nicht hilfreich.*
Hmm... Ich hatte es so verstanden, daß ein Atheist nicht nur »nicht glaubt«, sondern die Existenz eines Gottes bestreitet oder zumindest verneint.
Von daher fand ich den Standpunkt des Agnostikers zumindest symphatisch, da ich problemlos sagen kann: »Ich glaube zwar nicht an einen Gott, aber ich weiss es auch nicht... insofern... jedem das seine und lass mich in Ruhe«.
Aber ich muss zugeben, daß man das auch als einen etwas opportunen Standpunkt sehen kann. Aber dafür bequem
***Anlass für die aktuelle Atheismus-Diskussion
ist ja nicht, dass wir den Gläubigen aus reiner Boshaftigkeit das Leben schwer machen wollen. Wenn jemand Trost in Religion findet, oder die Kraft, Gutes zu tun, ist das ja an sich nix
schlechtes.*
ACK
***Es gibt aber seit den 80ern einen bedrohlichen Trend: ein Wiedererstarken der Religionen mit einer neu entdeckten Toleranz für Fundamentalisten (natürlich nur für die des eigenen Lagers). Wenn die Entwicklung in den USA so weitergeht, überholt sie den Iran als Gottesstaat bald rechts.*
Auch hier ACK. Ich verfolge das Thema ebenfalls mit großem Schrecken. Und solche Dinge wie FSM sind zwar witzig aber bewirken wohl zu wenig.
***Diese Entwicklung betrifft mich jetzt schon: islamistische Fundamentalisten begründen ihren Terror mit der militärischen Präsenz der USA auf ihrem heiligen Boden.[*2] Ohne Religion gäbe es keinen heiligen Boden und keine zweiundsiebzig Jungfrauen zur Belohnung für Selbstmordattentäter und damit auch kein 9/11. Würden die Twin Towers noch stehen, wäre es Regierungen auf der ganzen Welt deutlich schwerer gefallen, Einschränkungen der Bürgerrechte durchzusetzen. Wenn mein Perso abläuft, muss ich mich erkennungsdienstlich behandeln lassen, um einen neuen zu bekommen. Geruchsproben, Schikanieren und Wegsperren von Globalisierungsgegnern, RFID-Chips in Ausweisen, Onlinedurchsuchung, Überwachung von Bürgern, die sich kritisch äußern oder mit den falschen Leuten reden, Vorratsdatenspeicherung: alles wird mit dem Totschlagsargument Terrorabwehr durchgesetzt.*
Auch volle Zustimmung. Für die Bürgerrechte ist 9/11 das schlimmste was passieren konnte. Und es ist unglaublich wie bspw. unser Attentatsopfer und Rollstuhltäter in Personalunion versucht die Leute zu verblenden (und es auch noch schafft). Ich bekomme seit Monaten beim schauen der Nachrichten einen Adrenalinschub.
***Während Du im Urlaub warst, plädierte eine deutsche Kultusministerin dafür, an Schulen Evolutionstheorie und Schöpfungsgeschichte nebeneinander im Biologieunterricht zu behandeln. Intelligent Design, ik hör Dir trapsen.*
...oh neeeeeee......
***Wenn die Christen und Muslime sich an die Verabredung gehalten hätten, sich aus dem Leben der Nicht-Christen und Nicht-Muslime rauszuhalten, hätten sie dafür meinen Respekt und meine Toleranz verdient, dann könnte ich mir vorstellen, mich als Agnostiker zu bezeichnen - weniger, weil ich die Existenz eines persönlichen Gottes für gleich wahrscheinlich halte wie seine Nichtexistenz, sondern weil dieser Begriff Toleranz ausdrückt: »Ich kann für mich in dieser Frage keine Entscheidung treffen, aber ich respektiere die Entscheidung, die andere getroffen haben.«*
ah, ok... verstehe Deine Argumentation.
***Aber spätestens, wenn ein Mann mit Bart meine Freundin als Hure bezeichnet, weil sie nicht verschleiert rumläuft, und ich diese Beleidigung »respektieren« soll, weil das nun mal sein Glaube sei, komme ich zu dem Punkt, wo ich mich als Atheisten im bösesten aller Sinne bezeichnen muss: »Ich kann mir nicht sicher sein, ob es keinen Gott gibt, aber ich bin mir sicher, dass es keinen persönlichen, allwissenden und allmächtigen Zeus oder Wotan oder Allah oder Jahwe gibt, der ein Arschloch wie dieses dafür belohnen wird, ein Arschloch zu sein.«*
LOL... JA... allerdings müsste man diese Theorie noch weiterspinnen und eine entsprechende Bezeichnung erfinden, welche genau das ausdrückt: Ich bin mir sicher, dass es keinen persönlichen, allwissenden und allmächtigen Zeus oder Wotan oder Allah oder Jahwe gibt, der ein Arschloch wie dieses dafür belohnen wird, ein Arschloch zu sein und den Rest weiss ich nicht
Allerdings löst die Verneinung deren Gottes diese Probleme ja ebenfalls nicht. Der eingentlich Sinn von Toleranz (etwas ertragen) wäre hier auf beiden Seiten vonnöten. Wobei uns eher naturwissenschaflich orientierten Menschen ja schon die das Verständnis abgeht wie und warum jemand solch einen Glauben haben kann. Und ich unterstelle »denen« jetzt mal, dass sie das wirklich glauben und nich alles nur Show ist.
Aber eine Lösung habe ich auch nicht. Ich weiss nur, dass die eigentliche Ursache für viele »Glaubenskriege« sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart nach wie vor Besitzansprüche (auf Land) sind und solange diese nich geklärt sind wird das auch so bleiben.
Ist aber auch nicht verwunderlich. Wenn ein Volk nach Deutschland käme und würde uns mitteilen, daß hier das gelobte Land sei, und die Begründung dafür liege in einem Buch welches sie selbst geschrieben haben, wären wir auch dauerhaft verärgert.
Tse...
Frank
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