Ich habe daran zu knabbern, dass ich mir gestern abend einen Blogkommentar und eine Instant Message verkniffen habe.
Die Idee, im Blog der Lebensgefährtin eines Terrorismusverdächtigen, die ihre Erfahrungen mit der (zeitweise ziemlich stümperhaften) Rundumüberwachung durch BKA und Konsorten beschreibt, einen Kommentar zu hinterlassen, verwarf ich ohne großes Nachdenken als »zu riskant«.
Jenes Blog wird mit Sicherheit von irgendwelchen Hilfssheriffs beobachtet und wenn SIE sich zu mir durchklicken und sehen, dass ich die Marktwirtschaft nicht für das beste Wirtschaftssystem halte und an der Funktionalität unserer Demokratie zweifele, von Generalstreik und Revolution rede, Hugo Chávez und Christian Klar sympathischer finde als Wolfgang Schäuble (den anständigen Deutschen) und Eckart von Klaeden (den mit dem fiesen Scheitel) — SIE müssen zu dem Schluss kommen, dass ich kein Musterdemokrat bin. Da wird’s dann möglicherweise keine Rolle spielen, dass mein Privatblog am Tag drei Hits zählt (zwei davon sind von mir) und dass ich, selbst wenn ich die Motivation, die Mittel und die Kontakte hätte (man beachte den Konjunktiv!), die es braucht, um eine terroristische Vereinigung zu gründen, den Arsch nicht hochbekommen würde (von wegen »amotivationales Syndrom« und so, Ihr wisst schon).
Die angesprochene Instant Message hatte ich schon formuliert, aber wieder gelöscht, ohne sie abzuschicken, weil sich der potentielle Empfänger zur Zeit im (Anti?-)Terrorcamp im »feindlichen« Ausland aufhält. Natürlich bin ich leicht paranoid, das ist eine Grundvoraussetzung für meinem Job als Admin. Aber ich neige auch zur Provokation und lasse mich durch wenig davon abhalten, meine Fresse aufzureißen. Das war zumindest früher so. Jetzt scheine ich mich zum Schisser zu entwickeln.
Das nennt sich Überwachungsdruck. Wenn man sich beobachtet fühlt, verhält man sich anders, als wenn man sich unbeobachtet fühlt. Das kennt man aus eigener Erfahrung, aber auch von Dritten: wer schon mal an der Ampel einen Blick in den Wagen in der benachbarten Spur geworfen hat und dessen Fahrer beim genüsslichen Nasepopeln beobachten konnte, weiß, dass der nicht damit weitermacht, wenn er den Blick bemerkt.
Wenn man zudem einen Verdacht hat, worauf die Schnüffler besonders empfindlich reagieren könnten, wird man sein Verhalten unwillkürlich daran anpassen. Wenn mir jemand per IM oder Mail und ohne Verschlüsselung ein Passwort schickt, bestehe ich darauf, dass dieses Passwort sofort geändert wird, weil ich es als kompromittiert ansehe. Die theoretische Möglichkeit, dass ein Konkurrent oder Black Hat Zugriff auf meine Kommunikationswege hat, genügt mir bereits, um vom unmittelbar bevorstehenden Missbrauch auszugehen.
Wir wissen genug über die Architektur von Systemen wie Echelon und Carnivore, um von der Existenz einer umfassenden, weltumspannenden, automatisierten Überwachung ausgehen zu können. Will ich durch unglückliche Wortwahl, unscharfe Formulierung oder einen unbedachten, missverständlichen Scherz (den mein Gesprächspartner aus dem Kontext als solchen erkennen kann, im Gegensatz zu dem NSA-Mitarbeiter mit seinen rudimentären Deutschkenntnissen) wirklich provozieren, dass ich bei einem dieser Systeme über die Schwelle rutsche und deswegen vielleicht irgendwann in der Zukunft nicht mehr frei reisen kann, weil ich auf irgendwelchen Watchlists gelandet bin? Oder dass ich nicht mehr telefonieren kann, weil die Überwachungsmaßnahmen der deutschen Behörden technisch stümperhaft ausgeführt werden?
Will ich riskieren, dass ich meinen Job nicht mehr machen kann, weil ein übereifriger Ermittlungsbeamter alle meine Rechner beschlagnahmen lässt, um herauszufinden, was ich an staatsfeindlichen Aktivitäten plane? Was werden SIE sagen, wenn SIE auf meiner Platte einen Haufen MP3s von »islamistischen Hasspredigern« finden? Werden SIE mir abnehmen, dass ich ein Interesse an vergleichenden Religionswissenschaften entwickelt habe und es amüsant finde, wenn sich christliche und islamische Fundamentalisten gegenseitig beweisen, dass Qu’ran und Bibel voller logischer und sachlicher Fehler sind (sie haben ja jeweils beide Recht)?
Meinungsfreiheit wird für mich in der Praxis zunehmend zur Freiheit, eine Meinung zu haben... ohne sie zu äußern.



Dieser Eintrag ist auf der Startseite festgenagelt und weist auf Artikel und Themen hin, die mir am Herzen liegen. Selbstzensur unter Überwachungsdruck (Oktober 2007) Fundamentalisten... (August 2007) Warum ich auf die PS3 verzichte (März 2007) Scheiße,
Aufgenommen: Okt 20, 17:04
Aufgenommen: Okt 20, 17:27