Schaufensterbeschriftungsfail:
Samstag, 29. Januar 2011
Herrrenmode
Dienstag, 25. Januar 2011
Tach... keine Post!
Vielen Dank für die Privatisierung unserer Infrastruktur! Dadurch wird ja alles so viel besser! Okay, natürlich hab ich keine Postfiliale mehr, sondern eine Postbankfiliale, in der es, unter anderem, auch einen Postschalter gibt, vor dem ich zwanzig Minuten Schlange stehen kann.
Natürlich hab ich auch keinen Postzusteller mehr, sondern einen DHL-Subunternehmer, so dass es natürlich niemanden mehr gibt, der sich irgendwie zuständig fühlt, wenn die Sendung, die ich auf dieser Postbankfiliale abholen sollte, nicht mehr aufzufinden ist. Aus Sicht der Post ist DHL schuld, aus Sicht von DHL die Post. Man wimmelt mich mit einer »Servicenummer« ab.
Die Callcenter-Agents, die diese Servicenummer bedienen, werden anscheinend von einem generischen Callcenter-Dienstleister eingekauft, ihre Kompetenz beschränkt sich darauf, eine Anschrift »weiter zu leiten« — darüber hinaus gehende Fragen können sie nicht beantworten, ja, sie wissen nicht mal mehr zu sagen, ob ich in dieser Angelegenheit irgendwelches Feedback erwarten kann, ob tatsächlich irgendwelche Nachforschungen stattfinden (wie der Postbankfilialmitarbeiter versicherte, vermutlich um mich schnell los zu werden, weil die Schlange immer länger wurde) oder ob meine Beschwerde doch nur in einem internen Excel-Sheet gezählt wird. Aber die Callcenter-Agents sind schon mal mindestens so schlecht gelaunt wie ich, obwohl es ja nicht ihr Päckchen ist, das irgendwo auf dem Weg zwischen DHL und Postbankfiliale verschwunden ist.
Und wo ich mich gerade aufrege: ich hab an meinem Wohnort noch keinen Geldautomaten gefunden, der mir auf dem Bildschirm oder auch nur per Aushang mitteilt, wie hoch die Gebühren für meine Abhebung ausfallen. Angeblich ist das seit 15. Januar verbindlich. Scheint sich keiner drum zu scheren.
Ach ja, Finger weg von Panasonic-Fernsehern! Aber diese Geschichte erzähle ich ein anderes Mal.
Natürlich hab ich auch keinen Postzusteller mehr, sondern einen DHL-Subunternehmer, so dass es natürlich niemanden mehr gibt, der sich irgendwie zuständig fühlt, wenn die Sendung, die ich auf dieser Postbankfiliale abholen sollte, nicht mehr aufzufinden ist. Aus Sicht der Post ist DHL schuld, aus Sicht von DHL die Post. Man wimmelt mich mit einer »Servicenummer« ab.
Die Callcenter-Agents, die diese Servicenummer bedienen, werden anscheinend von einem generischen Callcenter-Dienstleister eingekauft, ihre Kompetenz beschränkt sich darauf, eine Anschrift »weiter zu leiten« — darüber hinaus gehende Fragen können sie nicht beantworten, ja, sie wissen nicht mal mehr zu sagen, ob ich in dieser Angelegenheit irgendwelches Feedback erwarten kann, ob tatsächlich irgendwelche Nachforschungen stattfinden (wie der Postbankfilialmitarbeiter versicherte, vermutlich um mich schnell los zu werden, weil die Schlange immer länger wurde) oder ob meine Beschwerde doch nur in einem internen Excel-Sheet gezählt wird. Aber die Callcenter-Agents sind schon mal mindestens so schlecht gelaunt wie ich, obwohl es ja nicht ihr Päckchen ist, das irgendwo auf dem Weg zwischen DHL und Postbankfiliale verschwunden ist.
Und wo ich mich gerade aufrege: ich hab an meinem Wohnort noch keinen Geldautomaten gefunden, der mir auf dem Bildschirm oder auch nur per Aushang mitteilt, wie hoch die Gebühren für meine Abhebung ausfallen. Angeblich ist das seit 15. Januar verbindlich. Scheint sich keiner drum zu scheren.
Ach ja, Finger weg von Panasonic-Fernsehern! Aber diese Geschichte erzähle ich ein anderes Mal.
Samstag, 22. Januar 2011
Die Kommunismuskeule im Superwahljahr
»Die Linke wünscht sich den Kommunismus zurück.« und »Gesine Lötzsch will den Kommunismus wieder haben.«

Es fällt mir schwer, zu glauben, dass ein Redakteur oder Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks so merkbefreit sein könnte, dass er auch nach drei Wochen noch nicht versteht, dass die Alternative zum real-existierenden Kapitalismus, die sich manche (oder viele? vielleicht gar alle?) Anhänger der Linken wünschen, nicht der Stalinismus ist, der als Folge und natürlich unter dem Einfluß dreier Weltkriege entstand (2x heiß, 1x kalt), und der sich nicht mal selbst als »Kommunismus« bezeichnete.
Aber es ist Wahljahr, da muss man die Lüge oft genug wiederholen, bis genügend Menschen sie glauben.
Nachtrag, 23. Januar 2011: Mehr Propaganda.
Nachtrag, 25. März 2011: Und so spricht, Monate danach, der Moderator einer Wahlsendung im SWR den Kandidaten der Linken an: »Herr Hahn, Sie wollen sozusagen allen helfen, Sie wollen einen radikalen Umbau der Wirtschaft. Ist das sozusagen der Weg in den Kommunismus, wie Ihre Parteivorsitzende Lösch (sic) ihn mal vorgeschlagen hat einzuschlagen, auszuprobieren?« Und bei der Nachfrage erläutert der Moderator dann, was er für einen radikalen Umbau der Wirtschaft hält: »Ich denke bei dem Umbau um (sic) Verstaatlichung von Energieversorgungsunternehmen, die öffentlichen Banken müssen staatlich bleiben, Sie wollen die Steuern erhöhen, das sind Punkte die ja ein radikalerer Umbau bedeuten (sic).«
Kommunale Stromversorger, Sparkassen und Landesbanken, die die ihnen ursprünglich zugedachten Aufgaben erfüllen, sind Kommunismus und das Erhöhen von Steuern ist ein radikaler Umbau der Wirtschaft! Määäh. Määäh. Privatisiert ist effizienter! Määäh. Niedrige Steuern sind gut für das Wachstum! Määäh. Wenn’s dem Chef gut geht, geht’s uns auch gut… Määäh. Sozial ist, was Arbeit schafft! Määäh. Wer nicht privat vorsorgt, den bestraft die Demographie! Määäh. Brückentechnologie! Entsorgungspark! Määäh. Friedenssicherungsmaßnahmen! Määäh. Protokollfehler!
In was für einer heruntergekommenen Demokratiesimulation wir bloß leben.

Es fällt mir schwer, zu glauben, dass ein Redakteur oder Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks so merkbefreit sein könnte, dass er auch nach drei Wochen noch nicht versteht, dass die Alternative zum real-existierenden Kapitalismus, die sich manche (oder viele? vielleicht gar alle?) Anhänger der Linken wünschen, nicht der Stalinismus ist, der als Folge und natürlich unter dem Einfluß dreier Weltkriege entstand (2x heiß, 1x kalt), und der sich nicht mal selbst als »Kommunismus« bezeichnete.
Aber es ist Wahljahr, da muss man die Lüge oft genug wiederholen, bis genügend Menschen sie glauben.
Nachtrag, 23. Januar 2011: Mehr Propaganda.
Nachtrag, 25. März 2011: Und so spricht, Monate danach, der Moderator einer Wahlsendung im SWR den Kandidaten der Linken an: »Herr Hahn, Sie wollen sozusagen allen helfen, Sie wollen einen radikalen Umbau der Wirtschaft. Ist das sozusagen der Weg in den Kommunismus, wie Ihre Parteivorsitzende Lösch (sic) ihn mal vorgeschlagen hat einzuschlagen, auszuprobieren?« Und bei der Nachfrage erläutert der Moderator dann, was er für einen radikalen Umbau der Wirtschaft hält: »Ich denke bei dem Umbau um (sic) Verstaatlichung von Energieversorgungsunternehmen, die öffentlichen Banken müssen staatlich bleiben, Sie wollen die Steuern erhöhen, das sind Punkte die ja ein radikalerer Umbau bedeuten (sic).«
Kommunale Stromversorger, Sparkassen und Landesbanken, die die ihnen ursprünglich zugedachten Aufgaben erfüllen, sind Kommunismus und das Erhöhen von Steuern ist ein radikaler Umbau der Wirtschaft! Määäh. Määäh. Privatisiert ist effizienter! Määäh. Niedrige Steuern sind gut für das Wachstum! Määäh. Wenn’s dem Chef gut geht, geht’s uns auch gut… Määäh. Sozial ist, was Arbeit schafft! Määäh. Wer nicht privat vorsorgt, den bestraft die Demographie! Määäh. Brückentechnologie! Entsorgungspark! Määäh. Friedenssicherungsmaßnahmen! Määäh. Protokollfehler!
In was für einer heruntergekommenen Demokratiesimulation wir bloß leben.
Geschrieben von Marc
in Medienjunkie, Schwarzseher
um
14:51
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Tags für diesen Artikel: FAIL, Geschichte, Kapitalismus, Knechtkind, Medien, Politik, Propaganda, Sprache
Samstag, 8. Januar 2011
Undercover Boss
Wow. Die Reality-Show Undercover Boss ist echt beeindruckend. Besser kann man innerhalb einer Stunde nicht demonstrieren, wie kaputt der Kapitalismus ist.
In jeder Folge arbeitet der CEO (oder COO oder CMO oder Inhaber) eines möglichst großen Konzerns in seiner Firma vier Tage lang inkognito neben rein zufällig ausgewählten Mitarbeitern — die alle (rein zufällig!) ein todkrankes oder behindertes Kind haben oder Opfer vergleichbarer Schicksalsschläge wurden.
Natürlich stellt sich der CEO bei manuellen Tätigkeiten unglaublich ungeschickt dran (wie menschlich!), hält auch mal die Produktion auf (»Das Fließband läuft viel zu schnell! Wie schafft Ihr das nur?« — wie menschlich!) oder zerstört massenhaft Ware (»Ich hab fünftausend Burger-Brötchen zerstört!« — wie menschlich!), und in den Pausen interessiert er sich für Familie und Hobbies seiner »Kollegen« und für ihre Nöte und Sorgen (wie menschlich!).
Nach dieser intensiven, viertägigen Erfahrung verwandelt er sich wieder in einen Businesskasper, lässt die vier Mitarbeiter in Stretch-Limousinen vor der Firmenzentrale vorfahren, empfängt sie in seinem Chef-Büro und überrascht sie mit der Mitteilung, dass er gar nicht Hank Smith ist, sondern der CEO.
»Es hat mich so unglaublich stolz gemacht, neben dir arbeiten zu dürfen, du bist so gut in deinem Job und so hochmotiviert, und trotz deines schlimmen Schicksals so freundlich zu Kunden und immer gut gelaunt — ich möchte, dass du in all unseren Filialen Seminare hälst und allen zeigst, wie man freundlich zu Kunden und immer gut gelaunt ist. Natürlich gibt es dafür auch mehr Gehalt!« Dann wird der CEO total menschlich, und verspricht mit Tränen in den Augen, dass der Konzern alle Behandlungskosten für das todkranke Kind übernimmt. »Wir sind doch alle eine große Familie!«
Selbstverständlich folgt umgehend ein Einzelinterview mit der MitarbeiterIn, die mit Tränen in den — fest in die Kamera gerichteten — Augen erklären darf, wie wichtig es für sie ist, dass sich all die harte Arbeit endlich gelohnt hat, dass der CEO sich wirklich aufrichtig für die Sorgen der kleinen Leute in seinem Konzern interessiert und dass einem so was Tolles nur in Amerika passieren kann!
Schließlich stellt sich der CEO auf eine Bühne vor seine »gesamte Belegschaft« (also die vier »Glücklichen« und ca. zweihundert Mitarbeiter aus der Buchhaltung in der Konzernzentrale, die als Statisten herhalten müssen), führt ihnen auf einer Leinwand die witzigsten (und menschlichsten!) Szenen »der letzten Woche« vor (die bereits sendereif geschnitten vorliegen, obwohl der CEO »gerade erst« zurück ist) und erklärt dann in einer Rede, wie sehr es ihn berührt hat, mit diesen tollen Menschen zu arbeiten — auch und gerade menschlich — und dass er künftig ein besserer Chef — aber auch ein besserer Mensch! — sein wird. Dann werden die »Glücklichen« nochmal unter dem Applaus der »gesamten Belegschaft« vom CEO umarmt und eine Einblendung verrät uns, dass es dem todkranken Kind inzwischen viel besser geht.
Ich hab hier eine typische US-Folge beschrieben — die Serie wurde in Großbritannien entwickelt und in der UK-Folge, die ich zum Vergleich sehen konnte, ging es für den CEO noch vorrangig darum, herauszufinden, welche Arbeitsabläufe »an der Basis« verbesserungsbedürftig sind. Aber das war den Amis wohl nicht unterhaltsam und schon gar nicht menschelnd genug.
Wie krank muss der Kapitalismus sein — insbesondere in den Augen der Arbeitnehmer in USA und UK — wenn sogar der CEO des Weltkonzerns Chiquita glaubt, dass es der Teilnahme an einer solch krassen (und durchschaubaren) Propagandaveranstaltung bedarf?
Und wie viele Zuschauer kommen wohl auf die Idee, dass in einem System etwas generell schief läuft, wenn ein todkrankes Kind nicht die notwendige medizinische Versorgung bekommt, bevor ein CEO mit gefärbten Haaren, einem Dreitagebart, einer Coverstory und einer Fernsehcrew als Retter auftaucht? Oder wenn jemand sieben Tage die Woche und in drei Jobs arbeiten muss, um ein Kind auf ein College schicken zu können, bis endlich ein CEO kommt und die Ausbildungskosten übernimmt? Und was ist mit den anderen 49996 Angestellten des Konzerns, die weiter zu eben jenem Hungerlohn arbeiten müssen, mit denen die uns vorgeführten Mitarbeiter kaum über die Runden kamen — was dem CEO Tränen in die Augen trieb — aber keine Gehaltserhöhung erhielten, weil sie nicht vor der Kamera standen?
Sind wir in der Arbeiterklasse wirklich schon so verblödet, dass man sowas ausstrahlen kann, ohne dass es einen Aufstand gibt?
Lt. Wikipedia gibt es die Serie bereits in UK, USA und Australien; Versionen für Dänemark, Spanien, die Türkei, Schweden, Norwegen, Belgien, die Niederlande und Israel sind in Vorbereitung. Ich bin gespannt, wann wir dran sind.
Nachtrag, 8. Januar 2011: RTL hat sich die Rechte tatsächlich bereits gesichert (Hollywood Reporter, Quotenmeter), die Dreharbeiten laufen angeblich bereits und die ersten Folgen sollen 2011 ausgestrahlt werden. (Danke für den Hinweis, Maschinist!)
Nachtrag, 9. Januar 2011: DailyFinance wirft einen Blick auf die Einkommensverhältnisse der Beteiligten:
So ein »Undercover Boss«-CEO verdient in den USA also das Hundertfache seiner Untergebenen. Laut RTL ist das in Deutschland natürlich ganz anders. Markus Küttner, RTL-Chef für Comedy- und Real Life-Formate, meint im Interview mit DWDL.de:
Ja, nee, is klar. So ein Ackermann verdient im Jahr über zehn Millionen Euro. Das heißt dann ja wohl, dass ein Angestellter der Deutschen Bank durchschnittlich über €100.000 verdienen muss, wenn das Gefälle bei uns »nicht so groß ist.« Und das Internet ist bekanntlich voller Schnappschüsse von Dieter Bohlen, der gerade ALDI-Tüten in den Kofferraum seines Bugatti Veyron packt.
Ich frage mich übrigens, ob die zuständige Landesmedienanstalt dafür sorgen wird, dass RTL bei der Ausstrahlung der deutschen Fassung »Dauerwerbesendung« einblenden muss.
Noch ein Nachtrag: Die Angestellten haben in den meisten Folgen keine Ahnung, warum sie in die Firmenzentrale bestellt werden. Es ist offensichtlich, dass sie von dem Moment der Einladung bis zur »Auflösung« (»Ich bin der CEO!«) in der Regel davon ausgehen, dass sie wegen Fehlverhaltens in die Zentrale beordert wurden. Die Macher der Sendung halten besonders gern die Kamera drauf, wenn die Angestellten in der Limousine darüber spekulieren, ob sie jetzt ihre Kündigung auf den Tisch bekommen. Ganz schön zynisch, gell?
Nachtrag, 6. April 2011: Verbockt und Verbloggt stimmt zu, dass es sich bei Undercover Boss um eine Dauerwerbesendung handelt. Die deutsche Mainstreampresse ist zu großen Teilen vom Konzept begeistert (hier sei nur das ehemalige Nachrichtenmagazin als Beispiel angeführt). Überrascht?
Nachtrag, 24. April 2011: Das Ferrnsehblog bei der FAZ:
In jeder Folge arbeitet der CEO (oder COO oder CMO oder Inhaber) eines möglichst großen Konzerns in seiner Firma vier Tage lang inkognito neben rein zufällig ausgewählten Mitarbeitern — die alle (rein zufällig!) ein todkrankes oder behindertes Kind haben oder Opfer vergleichbarer Schicksalsschläge wurden.
Natürlich stellt sich der CEO bei manuellen Tätigkeiten unglaublich ungeschickt dran (wie menschlich!), hält auch mal die Produktion auf (»Das Fließband läuft viel zu schnell! Wie schafft Ihr das nur?« — wie menschlich!) oder zerstört massenhaft Ware (»Ich hab fünftausend Burger-Brötchen zerstört!« — wie menschlich!), und in den Pausen interessiert er sich für Familie und Hobbies seiner »Kollegen« und für ihre Nöte und Sorgen (wie menschlich!).
Nach dieser intensiven, viertägigen Erfahrung verwandelt er sich wieder in einen Businesskasper, lässt die vier Mitarbeiter in Stretch-Limousinen vor der Firmenzentrale vorfahren, empfängt sie in seinem Chef-Büro und überrascht sie mit der Mitteilung, dass er gar nicht Hank Smith ist, sondern der CEO.
»Es hat mich so unglaublich stolz gemacht, neben dir arbeiten zu dürfen, du bist so gut in deinem Job und so hochmotiviert, und trotz deines schlimmen Schicksals so freundlich zu Kunden und immer gut gelaunt — ich möchte, dass du in all unseren Filialen Seminare hälst und allen zeigst, wie man freundlich zu Kunden und immer gut gelaunt ist. Natürlich gibt es dafür auch mehr Gehalt!« Dann wird der CEO total menschlich, und verspricht mit Tränen in den Augen, dass der Konzern alle Behandlungskosten für das todkranke Kind übernimmt. »Wir sind doch alle eine große Familie!«
Selbstverständlich folgt umgehend ein Einzelinterview mit der MitarbeiterIn, die mit Tränen in den — fest in die Kamera gerichteten — Augen erklären darf, wie wichtig es für sie ist, dass sich all die harte Arbeit endlich gelohnt hat, dass der CEO sich wirklich aufrichtig für die Sorgen der kleinen Leute in seinem Konzern interessiert und dass einem so was Tolles nur in Amerika passieren kann!
Schließlich stellt sich der CEO auf eine Bühne vor seine »gesamte Belegschaft« (also die vier »Glücklichen« und ca. zweihundert Mitarbeiter aus der Buchhaltung in der Konzernzentrale, die als Statisten herhalten müssen), führt ihnen auf einer Leinwand die witzigsten (und menschlichsten!) Szenen »der letzten Woche« vor (die bereits sendereif geschnitten vorliegen, obwohl der CEO »gerade erst« zurück ist) und erklärt dann in einer Rede, wie sehr es ihn berührt hat, mit diesen tollen Menschen zu arbeiten — auch und gerade menschlich — und dass er künftig ein besserer Chef — aber auch ein besserer Mensch! — sein wird. Dann werden die »Glücklichen« nochmal unter dem Applaus der »gesamten Belegschaft« vom CEO umarmt und eine Einblendung verrät uns, dass es dem todkranken Kind inzwischen viel besser geht.
Ich hab hier eine typische US-Folge beschrieben — die Serie wurde in Großbritannien entwickelt und in der UK-Folge, die ich zum Vergleich sehen konnte, ging es für den CEO noch vorrangig darum, herauszufinden, welche Arbeitsabläufe »an der Basis« verbesserungsbedürftig sind. Aber das war den Amis wohl nicht unterhaltsam und schon gar nicht menschelnd genug.
Wie krank muss der Kapitalismus sein — insbesondere in den Augen der Arbeitnehmer in USA und UK — wenn sogar der CEO des Weltkonzerns Chiquita glaubt, dass es der Teilnahme an einer solch krassen (und durchschaubaren) Propagandaveranstaltung bedarf?
Und wie viele Zuschauer kommen wohl auf die Idee, dass in einem System etwas generell schief läuft, wenn ein todkrankes Kind nicht die notwendige medizinische Versorgung bekommt, bevor ein CEO mit gefärbten Haaren, einem Dreitagebart, einer Coverstory und einer Fernsehcrew als Retter auftaucht? Oder wenn jemand sieben Tage die Woche und in drei Jobs arbeiten muss, um ein Kind auf ein College schicken zu können, bis endlich ein CEO kommt und die Ausbildungskosten übernimmt? Und was ist mit den anderen 49996 Angestellten des Konzerns, die weiter zu eben jenem Hungerlohn arbeiten müssen, mit denen die uns vorgeführten Mitarbeiter kaum über die Runden kamen — was dem CEO Tränen in die Augen trieb — aber keine Gehaltserhöhung erhielten, weil sie nicht vor der Kamera standen?
Sind wir in der Arbeiterklasse wirklich schon so verblödet, dass man sowas ausstrahlen kann, ohne dass es einen Aufstand gibt?
Lt. Wikipedia gibt es die Serie bereits in UK, USA und Australien; Versionen für Dänemark, Spanien, die Türkei, Schweden, Norwegen, Belgien, die Niederlande und Israel sind in Vorbereitung. Ich bin gespannt, wann wir dran sind.
Nachtrag, 8. Januar 2011: RTL hat sich die Rechte tatsächlich bereits gesichert (Hollywood Reporter, Quotenmeter), die Dreharbeiten laufen angeblich bereits und die ersten Folgen sollen 2011 ausgestrahlt werden. (Danke für den Hinweis, Maschinist!)
Nachtrag, 9. Januar 2011: DailyFinance wirft einen Blick auf die Einkommensverhältnisse der Beteiligten:
For example, GSI Commerce (GSIC) CEO Michael G. Rubin, who appeared in the first season of the show, brought home more than $2.3 million in 2009. By comparison, the average customer service representative at his company makes $10.16 per hour, or just over $20,000 per year. […]
With stock options included, Chris McCann, the president of 1-800-Flowers (FLWS), makes $1,311,031, or about 100 times the salary of a customer service rep at his company. The same goes for Great Wolf Lodge (WOLF), where the average call center employee makes about 1.1% of the $1.7 million that goes to CEO Kimberly K. Schaefer. And Michael White, CEO of DirecTV (DTV), brought home about $1.5 million in 2009, 100 times the average salary of a DirecTV customer service representative. […]
The most egregious income disparity is at Chiquita (CQB), the massive fruit company. With a $7.6 million paycheck, CEO Fernando Aguirre ranks as Undercover Boss’s highest-paid executive. While it’s difficult to determine the salaries of the unskilled migrant workers that he worked alongside, a higher-echelon production manager job at the company pays $56,000 per year, or 0.7% of Aguirre’s salary.
So ein »Undercover Boss«-CEO verdient in den USA also das Hundertfache seiner Untergebenen. Laut RTL ist das in Deutschland natürlich ganz anders. Markus Küttner, RTL-Chef für Comedy- und Real Life-Formate, meint im Interview mit DWDL.de:
»Ganz aktuell bringen wir jetzt ‘Undercover Boss’, ein in den USA und England sehr gut gelaufenes Format, nach Deutschland. Da produziert die MME gerade für uns. […] Was wir gerade bei diesem Format wieder gemerkt haben: Es ist immer wieder schwierig, gerade solche Doku- und Real Life-Formate von einem Markt und von einem Kulturkreis in den anderen zu transferieren. Unternehmensbosse leben in den USA viel öfter in einem Elfenbeinturm, völlig jenseits der Realität. Aber in Deutschland gehört es zum guten Ton mit seinem Sportwagen auch ab und an mal zu Aldi zu fahren um einzukaufen. Das Gefälle ist bei uns nicht so groß.« [Hervorhebung von mir]
Ja, nee, is klar. So ein Ackermann verdient im Jahr über zehn Millionen Euro. Das heißt dann ja wohl, dass ein Angestellter der Deutschen Bank durchschnittlich über €100.000 verdienen muss, wenn das Gefälle bei uns »nicht so groß ist.« Und das Internet ist bekanntlich voller Schnappschüsse von Dieter Bohlen, der gerade ALDI-Tüten in den Kofferraum seines Bugatti Veyron packt.
Ich frage mich übrigens, ob die zuständige Landesmedienanstalt dafür sorgen wird, dass RTL bei der Ausstrahlung der deutschen Fassung »Dauerwerbesendung« einblenden muss.
Noch ein Nachtrag: Die Angestellten haben in den meisten Folgen keine Ahnung, warum sie in die Firmenzentrale bestellt werden. Es ist offensichtlich, dass sie von dem Moment der Einladung bis zur »Auflösung« (»Ich bin der CEO!«) in der Regel davon ausgehen, dass sie wegen Fehlverhaltens in die Zentrale beordert wurden. Die Macher der Sendung halten besonders gern die Kamera drauf, wenn die Angestellten in der Limousine darüber spekulieren, ob sie jetzt ihre Kündigung auf den Tisch bekommen. Ganz schön zynisch, gell?
Nachtrag, 6. April 2011: Verbockt und Verbloggt stimmt zu, dass es sich bei Undercover Boss um eine Dauerwerbesendung handelt. Die deutsche Mainstreampresse ist zu großen Teilen vom Konzept begeistert (hier sei nur das ehemalige Nachrichtenmagazin als Beispiel angeführt). Überrascht?
Nachtrag, 24. April 2011: Das Ferrnsehblog bei der FAZ:
Die größte Schwachstelle ist, dass die Sendung viel zu mechanisch funktioniert. Die Teilnehmer aus den Chefetagen müssen in jeder Folge dieselben Sprüche aufsagen (»Es geht nicht darum, die Mitarbeiter zu kontrollieren«). Und am Ende werden die durch die Verkleidung ihres Chefs getäuschten Mitarbeiter in die Firmenzentrale eingeladen, aufgeklärt und kurios beschenkt. Vielen Geschäftsführern scheint es weniger um die Verbesserungsvorschläge zu gehen, die sich aus dem Rollentausch tatsächlich herausdestillieren ließen, sondern bloß um Publicity mit Wohlfühlende.
Der Pizzachef hat minimale Verbesserungen am Bestellsystem angekündigt und eine intensivere Schulung der Angestellten beim Teigrollen. (Obwohl nur er selbst damit Probleme hatte.) Wie schade: RTL opfert damit die schöne Chance gesellschaftlicher Relevanz simpler Firmen-PR.
Geschrieben von Marc
in Medienjunkie, Schwarzseher
um
00:31
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Tags für diesen Artikel: FAIL, Geld regiert die Welt, Kapitalismus, Marketing, Medien, Propaganda, USA, Weltwirtschaftskrise 2.0
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