Wenn das Telefon klingelt und jemand dran ist, dessen Sprachmelodie ich schon bei der Begrüßung anhöre, dass er in einem Callcenter sitzt und mir etwas verkaufen will, rollen sich meine Zehennägel auf. Die üblichen Floskeln ertrag ich ja gerade noch, aber die Verbindung mit der übertriebenen Betonung, mit dieser Mischung aus akustischem Slime™, geheuchelter Besorgnis und gespielter Verbundenheit mit dem Auftraggeber, löst so ein Anruf bei mir echten Ekel aus. Am liebsten würd ich dem Anrufer ins Wort fallen: »Boah, Alda, das ist zu viel…«
»Wir dürfen Sie doch sicher auch in Zukunft über wichtige und interessante Neuerungen bei Ihrer Krankenkasse telefonisch informieren?«
»Nein. Sie können mir gerne weiter Post schicken, das tun Sie ja bereits regelmäßig.«
»Aber wir würden Sie wirklich nur bei wichtigen und interessanten Angeboten anrufen…« (Ja, klar, das hab ich gerade gemerkt — der Anlass des Anrufs war, dass er mir irgendeine Zusatzversicherung andrehen wollte.)
»Die schicken Sie mir dann mit der Post, telefonisch möchte ich nicht belästigt werden.«
»Ich hoffe, ich hab Sie jetzt nicht belästigt?«
»Dieses eine Mal lasse ich noch durchgehen. Schönen Abend noch.«
Hinterher tut’s mir dann fast leid. Ich vermute, ich hab im letzten Jahrzehnt einfach eine Allergie gegen jede Form von Marketing entwickelt.
Mittwoch, 29. Juli 2009
Telefonmarketingsingsang
Geschrieben von Marc
in Medienjunkie, Schwarzseher
um
18:41
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Dienstag, 28. Juli 2009
Facebook scheißt auf Sicherheit
Wenn man sich bei Facebook registriert und dabei Javascript eingeschaltet hat, werden die eingegebenen persönlichen Daten — darunter Mailadresse, Geburtsdatum und das gewählte Facebook-Passwort — im Klartext quer durch das Netz geschickt.
Eine Abhilfe scheint zu sein, Javascript vor dem Aufruf der Facebook-Seite abzuschalten, dann wird die FORM per https abgeschickt.
Eine Abhilfe scheint zu sein, Javascript vor dem Aufruf der Facebook-Seite abzuschalten, dann wird die FORM per https abgeschickt.
Montag, 27. Juli 2009
Orwellblech von Schröderfischer
Jede Woche ein großer Spaß: »Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?« in der taz. Damals, als Roger Willemsen »0137« machte und Friedrich Küppersbusch »ZAK« und »Privatfernsehen«, da war das für mich eine Revolution in der Fernsehlandschaft. Leider wurde sie niedergeschlagen. Irgendwann treff ich Küppersbusch mal auf dem Markt, und dann hab ich hoffentlich den Mut, ihm zu erzählen, wie er mein Leben beeinflusst hat.
Schnipsel aus dem aktuellen »Wie geht es uns?«
Schnipsel aus dem aktuellen »Wie geht es uns?«
taz: In Afghanistan läuft die bislang größte Bodenoffensive der Bundeswehr. Jung will immer noch nicht vom Krieg sprechen. Wie nennen Sie das?
Küppersbusch: Sparsam. Lebensversicherungen zahlen nur aus, wenn die Opfer nicht durch »aktives Kriegshandeln« umkamen. Brunnenbau schützen, korrekt sterben; Taliban angreifen - Herr Kaiser von der Humbug-Mülleimer ist raus. Die Süddeutsche zitiert einen Versicherungsexperten: »Ein richtiger Krieg ist praktisch nicht versicherbar.« Ein falscher auch nicht. Sprächen Jung und Alt also von »Krieg« und »Gefallenen«, müsste langfristig die Bundesregierung eintreten. Daneben schrecken die Begriffe natürlich und enttarnen das Orwellblech von Schröderfischer: Die Bundeswehr sei jetzt praktisch der bewaffnete Arm des Roten Kreuzes, Deutschlands Freiheit werde verteidigt, bis der Hindu kuscht. Aber wie sagt schon das Sprichwort: Im Dingens stirbt zuerst die Wahrheit.
taz: Das Chaos bei der S-Bahn dauert an. Brauchen wir Hartmut Mehdorn zurück?
Küppersbusch: Damit das Grauen einen Namen hat? Wenn in ein, zwei Jahren zwei Drittel der AirBerlin-Maschinen aus technischen Gründen nicht mehr starten dürfen, hat er dort auch Wesentliches geleistet. Mehrdorns Administration hat die profitable und für die städtische Ökologie fundamentale S-Bahn ausgeplündert. Billigzüge gekauft,Wartung und Werkstatt abgebaut: Erstaunlich, dass die Bahn-Manager das notorische »Zurückbleiben, bitte« so persönlich genommen haben. Nun haben diese Zurückgebliebenen aber mithilfe von Bild den Hauptschuldigen gefunden: »Endlich haut Wowereit dazwischen. Er hätte schon längst eingreifen können, ja müssen!« Langsam nervts, wie notgeil Bild auf Verstaatlichung ist.
taz: Sagen Sie doch bitte mal etwas Nettes über Peter Harry Carstensen.
Küppersbusch: Er tut so, als habe die SPD noch so viel Substanz, dass man mit ihr streiten und uneins sein könnte. Merkel dagegen koaliert ihre SPD in Grund und Boden.
taz: In Nachterstedt rutschen Teile einer Siedlung in den Abgrund. Altlasten des Bergbaus. Warum stehen Kanzlerin und Kanzlerkandidat nicht längst mit Gummistiefeln vor Ort?
Küppersbusch: Hm, schön gedacht, aber ob der Abgrund beim Verschlingen auch Auftragsarbeiten macht?
Sonntag, 26. Juli 2009
Zeitkapsel: Frühe Worte des Bundeskanzlers
Laut Politbarometer ist Karl Theodor usw. Freiherr von und zu Guttenberg jetzt der beliebteste Fast-Milliardär Politiker Deutschlands. Das Handelsblatt erklärt seinen Erfolg damit, dass er ein »kantiger Klartexter« sei. Zur Dokumentation ein paar Beispiele seines Klartextes aus der Phoenix-Sendung »Unter den Linden« (Erstausstrahlung am 3. Juli 2009):
Zu Opel:
Zum Mindeslohn:
Zur Überlegung, die »Rente ab 67« rückgängig zu machen:
Zum Ausschluss von Rentenkürzungen:
Zum (sog.) Atomkonsens:
Zur Endlagerung:
Zu Endlagern im Süden Deutschlands:
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es wirklich an seinem »Klartext« liegt, dass er so beliebt ist. Ich tippe eher auf den Erfolg der seit Monaten laufenden Medienkampagne in unserengleichgeschalteten freien Medien. Mein Lieblingszitat aus der Kampagne lieferte übrigens die Süddeutsche: »Guttenbergs politisches Talent liegt in den Genen. Sein Großvater, der wie er den Namen Karl-Theodor zu Guttenberg trug, war Mitbegründer der CSU und in Bonn Parlamentarischer Staatssekretär unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger.« Nicht der Name, die Connections, die Kohle, nein, die Gene.
Zu Opel:
»Ich habe meine Ansicht, glaube ich, sehr kundgetan, wie ich in der Hinsicht denke und wie meine Risikoabwägung hier ausgefallen ist. Ich bin aber natürlich jemand der sich auch, sagen wir mal, einer guten Argumentation anderer aufschließt, meine Argumentation hat aber dadurch nicht gelitten. Wir versuchen aus der Situation, dort wo ich explizit anderer Meinung war, gemeinsam jetzt das Beste zu machen, und ich glaube das kann man auch von jemandem erwarten, wenn er sich jetzt nicht in der erdrückenden Mehrheit befunden hat.«
Zum Mindeslohn:
»Also es hat ja eine gewisse Bewährung in diesem Bereich gegeben, der sich jetzt nicht nur unter der sehr schlagwortartig fixierten Begrifflichkeit Mindestlohn fassen lässt, nämlich dass, ich glaube, in der Breite, Gott sei Dank, begriffen ist, dass dem manchmal etwas, ja, leicht von der Lippe kommenden Satz ‘Leistung muss sich lohnen’ auch mehr Rechnung getragen wird und zwar, dass man wirklich das auch [unverständlich], dass man aber gleichzeitig auch dafür zu sorgen hat, dass man gewachsene und sich bewährt habende Strukturen nicht außer Kraft setzt, also beispielsweise die Autonomie der Tarifpartner, dass auch da der Staat nicht das zelebrierte Gängelband in all diesen Dingen sein kann und dass man hier mit einem hohen Maß an immer noch auch gewährter Selbstverantwortung, Selbstinitiative auch diese Dinge nicht außer Kraft zu setzen.«
Zur Überlegung, die »Rente ab 67« rückgängig zu machen:
»Ähm, ähm, also ich glaube, dass mein beredtes Stottern gerade schon zum Ausdruck bringt, was ich davon halte. Ich kann das nur mit der Wucht des Erstaunens beantworten. [...] Wenn eine Krise uns zum Anlass wird, um plötzlich wieder reaktionär auf teilweise in Teilen auch manchmal ideologisch verbrämtes Gedankengut zurückzugreifen, also dann würden wir schon sehr, sehr verantwortungslos handeln.«
Zum Ausschluss von Rentenkürzungen:
»Ich habe für das Jahr 2010 dieser Entscheidung relativ gelassen begegnen können, weil aufgrund der Prognosezahlen, die wir vorgelegt haben, wo wir ein kleines Wachstum, kleines, sehr zögerliches, schüchternes Wachstum von 0,5% im nächsten Jahr sehen werden, was übrigens der Arbeitslosigkeit-Entwicklung nicht widerspricht, sondern das ist ja etwas, was nachfolgt, dass man durch dieses Wachstum und die daraus entstehenden Zahlen im Jahr 2010, im Übrigen etwas was man erst dann bemessen auch kann, gar nicht in diese Situation geraten werden. Das war deklaratorisch. Das was jetzt festgesetzt wurde, war eine Sache, die erst mal mit Blick auf nächstes Jahr gesetzt wurde, in dem Sinne war es deklaratorisch, weil es ohnehin aufgrund der vorgelegten Zahlen der Bundesregierung eigentlich sich hätte ergeben.«
Zum (sog.) Atomkonsens:
»Und hier setzt der Aspekt Vernunft ein und Vernunft heißt, wie können wir eine Brücke weiterhin schaffen, dass bis zu dem Zeitpunkt, wo wir hoffentlich mal so auf alternative Energien zurückgreifen können, dass man auch auf Atomkraft verzichten kann, dass wir weiterhin aus hochsicheren und hoch sich bewährt habenden Modellen dann letztlich die Energiegewinnung gewährleisten können und nicht angewiesen sind auf den Import von Energien, die im Zweifel von sehr viel unsichereren und anderen kommen und wiederum auch auf Nuklearenergie zurückgreifen.«
Zur Endlagerung:
»Sie sind trotzdem deswegen… Sie sind… Sie sind in Teilen nicht einer Lösung zugeführt worden, wie wir sie gerne hätten bislang und wir werden aber trotzdem gefordert sein, eine solche Lösung zu schaffen, angesichts der Tatsache, dass wir Kernenergie bereits haben. Nicht, das ist ja nicht so, dass wir jetzt über eine Lösung nachdenken einer Zukunftstechnologie und deswegen die Zukunftstechnologie ablehnen, sondern wir haben diese Herausforderung ja bereits und ich glaube, dass vor dem Umstand, dass man sich dieser Herausforderung weiterhin stellt und sie auch weiterhin nutzt, auch der Lösung letztlich näher kommen kann. Diese Lösung ist natürlich weiterhin perfektionistisch zu finden, also das ist, da kann man gar nicht, da kann man gar nicht mit einem hoch genug Grad der Verantwortung rangehen.«
Zu Endlagern im Süden Deutschlands:
»Wir haben ja bei dieser Fragestellung zunächst einmal erstaunliche Reflexe, die jetzt stattfinden und die Überprüfungen, die derzeit stattfinden, sind bekannte Standorte und manche bekannte Standorte werden deswegen abgelehnt, weil man es mit dem Argument Ablehnung erst mal sein lässt und dann mal den Schwarzen Peter munter weiterschiebt. Jetzt sollten wir doch erst mal die Dinge überprüfen, die gegeben sind und dort auch wo ich sage einfach diesen Ansatz des Perfektionierens dann auch anlegen.« — Moderator: »Also Gorleben weiter betreiben?« — »Was machbar ist, als machbar darstellen.«
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es wirklich an seinem »Klartext« liegt, dass er so beliebt ist. Ich tippe eher auf den Erfolg der seit Monaten laufenden Medienkampagne in unseren
Geschrieben von Marc
in Medienjunkie, Schwarzseher
um
23:03
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Tags für diesen Artikel: Geld regiert die Welt, Medien, Politik, Propaganda, Sprache, Volksvertreter
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