Man sucht sich einen Job bei einem Online-Casino, besorgt sich dort Zugriff auf einen Account, der die Hole Cards (die verdeckten Karten) der anderen Spieler sehen kann — das sind genau die Accounts, die laut der bisherigen Versicherungen aller Online-Casinos überhaupt gar nie nich existieren — und trifft mit diesem Zusatzwissen halt in jeder Hand und in jeder Situation die perfekte Entscheidung: man legt hin, wenn man nicht gewinnen kann, man blufft, wenn kein Gegner callen kann, man raised, wenn man die beste Hand hat, egal wie schwach sie ist.
Sowas lässt sich ohne Kenntnis der verdeckten Karten natürlich schwer oder gar nicht nachweisen. Der Dauergewinner könnte ja einfach gut sein oder Glück haben oder beides. Es sei denn, es findet sich eine Petze im Online-Casino, die einem der Beschissenen Excel-Dateien mit den vollständigen Daten mehrerer Tourniere, bei denen der gleiche Bescheißer aktiv war, zukommen lässt. Dateien, in denen neben allen Hole Cards auch die IP-Adressen der Spieler und der Tournierbeobachter enthalten sind. IP-Adressen, von denen eine direkt ins Online-Casino weist.
So geschehen bei Absolute Poker, einem der größten Online-Casinos. (via Schneier on Security)
Samstag, 20. Oktober 2007
Wenn schon, dann richtig: So bescheißt man beim Online-Pokern
Selbstzensur unter Überwachungsdruck
Ich habe daran zu knabbern, dass ich mir gestern abend einen Blogkommentar und eine Instant Message verkniffen habe.
Die Idee, im Blog der Lebensgefährtin eines Terrorismusverdächtigen, die ihre Erfahrungen mit der (zeitweise ziemlich stümperhaften) Rundumüberwachung durch BKA und Konsorten beschreibt, einen Kommentar zu hinterlassen, verwarf ich ohne großes Nachdenken als »zu riskant«.
Jenes Blog wird mit Sicherheit von irgendwelchen Hilfssheriffs beobachtet und wenn SIE sich zu mir durchklicken und sehen, dass ich die Marktwirtschaft nicht für das beste Wirtschaftssystem halte und an der Funktionalität unserer Demokratie zweifele, von Generalstreik und Revolution rede, Hugo Chávez und Christian Klar sympathischer finde als Wolfgang Schäuble (den anständigen Deutschen) und Eckart von Klaeden (den mit dem fiesen Scheitel) — SIE müssen zu dem Schluss kommen, dass ich kein Musterdemokrat bin. Da wird’s dann möglicherweise keine Rolle spielen, dass mein Privatblog am Tag drei Hits zählt (zwei davon sind von mir) und dass ich, selbst wenn ich die Motivation, die Mittel und die Kontakte hätte (man beachte den Konjunktiv!), die es braucht, um eine terroristische Vereinigung zu gründen, den Arsch nicht hochbekommen würde (von wegen »amotivationales Syndrom« und so, Ihr wisst schon).
Die angesprochene Instant Message hatte ich schon formuliert, aber wieder gelöscht, ohne sie abzuschicken, weil sich der potentielle Empfänger zur Zeit im (Anti?-)Terrorcamp im »feindlichen« Ausland aufhält. Natürlich bin ich leicht paranoid, das ist eine Grundvoraussetzung für meinem Job als Admin. Aber ich neige auch zur Provokation und lasse mich durch wenig davon abhalten, meine Fresse aufzureißen. Das war zumindest früher so. Jetzt scheine ich mich zum Schisser zu entwickeln.
Das nennt sich Überwachungsdruck. Wenn man sich beobachtet fühlt, verhält man sich anders, als wenn man sich unbeobachtet fühlt. Das kennt man aus eigener Erfahrung, aber auch von Dritten: wer schon mal an der Ampel einen Blick in den Wagen in der benachbarten Spur geworfen hat und dessen Fahrer beim genüsslichen Nasepopeln beobachten konnte, weiß, dass der nicht damit weitermacht, wenn er den Blick bemerkt.
Wenn man zudem einen Verdacht hat, worauf die Schnüffler besonders empfindlich reagieren könnten, wird man sein Verhalten unwillkürlich daran anpassen. Wenn mir jemand per IM oder Mail und ohne Verschlüsselung ein Passwort schickt, bestehe ich darauf, dass dieses Passwort sofort geändert wird, weil ich es als kompromittiert ansehe. Die theoretische Möglichkeit, dass ein Konkurrent oder Black Hat Zugriff auf meine Kommunikationswege hat, genügt mir bereits, um vom unmittelbar bevorstehenden Missbrauch auszugehen.
Wir wissen genug über die Architektur von Systemen wie Echelon und Carnivore, um von der Existenz einer umfassenden, weltumspannenden, automatisierten Überwachung ausgehen zu können. Will ich durch unglückliche Wortwahl, unscharfe Formulierung oder einen unbedachten, missverständlichen Scherz (den mein Gesprächspartner aus dem Kontext als solchen erkennen kann, im Gegensatz zu dem NSA-Mitarbeiter mit seinen rudimentären Deutschkenntnissen) wirklich provozieren, dass ich bei einem dieser Systeme über die Schwelle rutsche und deswegen vielleicht irgendwann in der Zukunft nicht mehr frei reisen kann, weil ich auf irgendwelchen Watchlists gelandet bin? Oder dass ich nicht mehr telefonieren kann, weil die Überwachungsmaßnahmen der deutschen Behörden technisch stümperhaft ausgeführt werden?
Will ich riskieren, dass ich meinen Job nicht mehr machen kann, weil ein übereifriger Ermittlungsbeamter alle meine Rechner beschlagnahmen lässt, um herauszufinden, was ich an staatsfeindlichen Aktivitäten plane? Was werden SIE sagen, wenn SIE auf meiner Platte einen Haufen MP3s von »islamistischen Hasspredigern« finden? Werden SIE mir abnehmen, dass ich ein Interesse an vergleichenden Religionswissenschaften entwickelt habe und es amüsant finde, wenn sich christliche und islamische Fundamentalisten gegenseitig beweisen, dass Qu’ran und Bibel voller logischer und sachlicher Fehler sind (sie haben ja jeweils beide Recht)?
Meinungsfreiheit wird für mich in der Praxis zunehmend zur Freiheit, eine Meinung zu haben... ohne sie zu äußern.
Die Idee, im Blog der Lebensgefährtin eines Terrorismusverdächtigen, die ihre Erfahrungen mit der (zeitweise ziemlich stümperhaften) Rundumüberwachung durch BKA und Konsorten beschreibt, einen Kommentar zu hinterlassen, verwarf ich ohne großes Nachdenken als »zu riskant«.
Jenes Blog wird mit Sicherheit von irgendwelchen Hilfssheriffs beobachtet und wenn SIE sich zu mir durchklicken und sehen, dass ich die Marktwirtschaft nicht für das beste Wirtschaftssystem halte und an der Funktionalität unserer Demokratie zweifele, von Generalstreik und Revolution rede, Hugo Chávez und Christian Klar sympathischer finde als Wolfgang Schäuble (den anständigen Deutschen) und Eckart von Klaeden (den mit dem fiesen Scheitel) — SIE müssen zu dem Schluss kommen, dass ich kein Musterdemokrat bin. Da wird’s dann möglicherweise keine Rolle spielen, dass mein Privatblog am Tag drei Hits zählt (zwei davon sind von mir) und dass ich, selbst wenn ich die Motivation, die Mittel und die Kontakte hätte (man beachte den Konjunktiv!), die es braucht, um eine terroristische Vereinigung zu gründen, den Arsch nicht hochbekommen würde (von wegen »amotivationales Syndrom« und so, Ihr wisst schon).
Die angesprochene Instant Message hatte ich schon formuliert, aber wieder gelöscht, ohne sie abzuschicken, weil sich der potentielle Empfänger zur Zeit im (Anti?-)Terrorcamp im »feindlichen« Ausland aufhält. Natürlich bin ich leicht paranoid, das ist eine Grundvoraussetzung für meinem Job als Admin. Aber ich neige auch zur Provokation und lasse mich durch wenig davon abhalten, meine Fresse aufzureißen. Das war zumindest früher so. Jetzt scheine ich mich zum Schisser zu entwickeln.
Das nennt sich Überwachungsdruck. Wenn man sich beobachtet fühlt, verhält man sich anders, als wenn man sich unbeobachtet fühlt. Das kennt man aus eigener Erfahrung, aber auch von Dritten: wer schon mal an der Ampel einen Blick in den Wagen in der benachbarten Spur geworfen hat und dessen Fahrer beim genüsslichen Nasepopeln beobachten konnte, weiß, dass der nicht damit weitermacht, wenn er den Blick bemerkt.
Wenn man zudem einen Verdacht hat, worauf die Schnüffler besonders empfindlich reagieren könnten, wird man sein Verhalten unwillkürlich daran anpassen. Wenn mir jemand per IM oder Mail und ohne Verschlüsselung ein Passwort schickt, bestehe ich darauf, dass dieses Passwort sofort geändert wird, weil ich es als kompromittiert ansehe. Die theoretische Möglichkeit, dass ein Konkurrent oder Black Hat Zugriff auf meine Kommunikationswege hat, genügt mir bereits, um vom unmittelbar bevorstehenden Missbrauch auszugehen.
Wir wissen genug über die Architektur von Systemen wie Echelon und Carnivore, um von der Existenz einer umfassenden, weltumspannenden, automatisierten Überwachung ausgehen zu können. Will ich durch unglückliche Wortwahl, unscharfe Formulierung oder einen unbedachten, missverständlichen Scherz (den mein Gesprächspartner aus dem Kontext als solchen erkennen kann, im Gegensatz zu dem NSA-Mitarbeiter mit seinen rudimentären Deutschkenntnissen) wirklich provozieren, dass ich bei einem dieser Systeme über die Schwelle rutsche und deswegen vielleicht irgendwann in der Zukunft nicht mehr frei reisen kann, weil ich auf irgendwelchen Watchlists gelandet bin? Oder dass ich nicht mehr telefonieren kann, weil die Überwachungsmaßnahmen der deutschen Behörden technisch stümperhaft ausgeführt werden?
Will ich riskieren, dass ich meinen Job nicht mehr machen kann, weil ein übereifriger Ermittlungsbeamter alle meine Rechner beschlagnahmen lässt, um herauszufinden, was ich an staatsfeindlichen Aktivitäten plane? Was werden SIE sagen, wenn SIE auf meiner Platte einen Haufen MP3s von »islamistischen Hasspredigern« finden? Werden SIE mir abnehmen, dass ich ein Interesse an vergleichenden Religionswissenschaften entwickelt habe und es amüsant finde, wenn sich christliche und islamische Fundamentalisten gegenseitig beweisen, dass Qu’ran und Bibel voller logischer und sachlicher Fehler sind (sie haben ja jeweils beide Recht)?
Meinungsfreiheit wird für mich in der Praxis zunehmend zur Freiheit, eine Meinung zu haben... ohne sie zu äußern.
Geschrieben von Marc
in Kabelfreak, Schwarzseher
um
13:24
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Tags für diesen Artikel: Instant Messaging, Politik, Privatsphäre, Serverhygieniker, Stasi 2.0, Telefon
Freitag, 19. Oktober 2007
Muha: Batzmann platzt der Kragen
Batzmann von den Fünf Filmfreunden bringt es unter der Überschrift »Etwas mehr Respekt« auf den Punkt:
Ist irgendwem aufgefallen, dass ich seit Jahr und Tag kaum noch Filme empfehle? Das liegt nicht etwa daran, dass ich keine guten Filme gesehen hätte, sondern daran, dass ich mich nicht in eine Marketingmaschinerie einspannen lassen will, die in erster Linie dafür sorgt, dass die Entscheidungsträger, die den Kunden zum Feind erklärt haben, sich ihre Gehälter weiter erhöhen können.
Anti-Piratereiwarnungen in dreifacher Ausführung, natürlich nicht überspringbar, Texttafeln in denen ich gesagt bekomme, daß ich den Film nicht auf Ölbohrplattformen gucken darf, noch eine Texttafeln in denen sich das Label von sämtlichen Kommentaren distanziert die irgendeiner der Macher im Bonusmaterial tätigt, dann vor Filmstart noch eine Warnung, daß ich die Scheisse nicht öffentlich aufführen darf und welche Strafen ich in Andalusien bekäme, wenn ich das Ding kopiere… und sollte ich so dumm sein den Abspann nicht schnell genug abzubrechen, kommt zum Schluss nochmal eine Ansammlung von Rechtsbelehrungen in 22 Sprachen, plus das verdammte Logo von Macrovision - alles nicht abbrechbar.
Ist irgendwem aufgefallen, dass ich seit Jahr und Tag kaum noch Filme empfehle? Das liegt nicht etwa daran, dass ich keine guten Filme gesehen hätte, sondern daran, dass ich mich nicht in eine Marketingmaschinerie einspannen lassen will, die in erster Linie dafür sorgt, dass die Entscheidungsträger, die den Kunden zum Feind erklärt haben, sich ihre Gehälter weiter erhöhen können.
Geschrieben von Marc
in Medienjunkie, Schwarzseher
um
17:23
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Samstag, 13. Oktober 2007
Konsumfrust in Serie
Die Kacke mit dem Samsung-Notebook ist nicht der einzige Konsumfrust, der mich momentan plagt. Ich ziehe Probleme bekanntlich an, wie ein präpubertärer Messdiener die katholischen Pfaffen — was mir zeitweise beruflich bei der Qualitätssicherung zugute kam, sich aber in allen anderen Lebensbereichen immer wieder als weniger vorteilhaft erweist. So z.B. bei meiner aktuellen Serie von Handels- und Dienstleistungskatastrophen...
Im August haben wir bei neckermann.de einen Raumteiler bestellt, bei dem der Oberboden an einer Kante an mehreren Stellen jeweils über mehrere Zentimeter eingedrückt und gesplittert ist — vielleicht von zu straff gespannten Haltegurten? Der Fahrer hat die Pakete natürlich rein zufällig so hingelegt, dass die Beschädigung der Umverpackung nicht zu sehen war, es fiel uns erst beim Aufbauen auf. Also erst einige Tage nach der Reklamation der fehlenden Holzdübel — ich sag doch, ich hab ‘ne Serie!
Die erste telefonische Reklamation wurde von Neckermann entgegengenommen (»Das kann zehn bis vierzehn Tage dauern«), nach drei Wochen war noch nichts passiert, auf meine Nachfrage wusste man nichts von der Reklamation (»Ich seh hier nur die Holzdübel« — »Ja, DIE sind inzwischen da«), man redete sich auf gelegentlich abstürzende Computer raus und nahm die Reklamation erneut auf (»Ich versuche es als Eillieferung, aber es kann zehn bis vierzehn Tage dauern«). Ja, nee, klar, Eillieferung. Ich bin ja gestern erst auf diesem Planeten gelandet.
Zwei Wochen später hieß es dann auf meine Nachfrage, ich möge doch bitte noch eine Woche Geduld haben (und auf meine beiläufige Frage nach einer »Eillieferung«, dass sowas bei Reklamationen leider nicht möglich sei). Eine weitere Woche später erklärte man mir, ich möge mich doch nochmal melden, wenn in einer Woche immer noch nichts passiert sei. »Wozu? Damit Sie mir dann sagen können, dass ich bitte noch eine Woche Geduld haben soll?« Die Neckerfrau erläuterte, sie könne ja auch nichts anderes tun, als das nochmal ins System einzugeben, oder sie könne eine Neulieferung veranlassen, die würde dann aber auch drei bis vier Wochen brauchen. »Ich soll mich also entscheiden zwischen einem Regal in drei bis vier Wochen oder einem Oberboden, von dem keiner weiß, wann oder ob er überhaupt kommt, der aber eigentlich binnen zehn bis vierzehn Tagen eintreffen sollte, oder, wenn man’s mal genau nimmt, eigentlich schon vorletzte Woche?« Die Zusage, für mich beim Lieferanten per Fax herauszufinden, wann ich mit einer Lieferung rechnen kann, und mich mit dieser Information Anfang kommender Woche zurückzurufen, musste ich dann ihrer Vorgesetzten abringen.
Man mag sich fragen, warum ich mich nicht mit der ersten Antwort zufrieden gebe, warum ich mein Notebook wieder und wieder in Reparatur schicke, warum ich meine Probleme an Callcenterteamleiter und andere Vorgesetzte eskaliert haben will, warum ich auch mal ‘ne Stunde lang mit einem Callcenterhansel rumstreite, obwohl ich weiß, dass es vermutlich nichts bringen wird... das hat mit einer Lektion zu tun, die ich bei AOL gelernt hab: es gibt Firmen, die haben, ganz im Gegensatz zu ihren Lippenbekenntnissen, überhaupt kein Interesse daran, ihren Kunden guten Service oder gute Produkte zu bieten. Sowas ist Geldverschwendung. Andererseits sind auch allzu schlechte Produkte und Dienstleistungen Geldverschwendung, weil dadurch Folgekosten entstehen (z.B. Reparaturen in der Gewährleistungszeit, hohe Kosten für’s Callcenter, schlechte Mundpropaganda und, wenn man’s nicht durch geeignete Maßnahmen abwenden kann, schlechte Presse). Ideal sind mittelmäßige Produkte, die für die meisten Kunden einigermaßen funktionieren, den Rest regelt das Marketing.
Wenn man als Kunde erst mal auf’s Marketing reingefallen ist und auf einem minderwertigen Produkt sitzt, hat man eigentlich nur noch einen Hebel, an dem man ziehen kann: man kann die Folgekosten des schlechten Produkts noch weiter in die Höhe treiben und hoffen, dass das langfristig dazu beiträgt, dass Waren und Dienstleistungen weniger mittelmäßig werden.
Nachtrag, 30. Oktober 2007: Passend dazu: The Ultimate Consumerist Guide To Fighting Back (Revised Edition)
Noch ein Beispiel für meine Serie gefällig?
Ich hab der besten Lebensgefährtin von Mitte letzter Woche bei einem gewerblichen Anbieter auf dem Amazon Marketplace ein Headset für WoW bestellt. Am Donnerstag kam es an... in einer total verdreckten und aufgerissenen Luftpolsterverpackung... und in Einzelteilen. Dabei hatten wir gar keinen Bausatz bestellt. Das führte zu folgendem Dialog zwischen mir und dem Lieferanten.
"Konsumfrust in Serie" vollständig lesen »
Im August haben wir bei neckermann.de einen Raumteiler bestellt, bei dem der Oberboden an einer Kante an mehreren Stellen jeweils über mehrere Zentimeter eingedrückt und gesplittert ist — vielleicht von zu straff gespannten Haltegurten? Der Fahrer hat die Pakete natürlich rein zufällig so hingelegt, dass die Beschädigung der Umverpackung nicht zu sehen war, es fiel uns erst beim Aufbauen auf. Also erst einige Tage nach der Reklamation der fehlenden Holzdübel — ich sag doch, ich hab ‘ne Serie!
Die erste telefonische Reklamation wurde von Neckermann entgegengenommen (»Das kann zehn bis vierzehn Tage dauern«), nach drei Wochen war noch nichts passiert, auf meine Nachfrage wusste man nichts von der Reklamation (»Ich seh hier nur die Holzdübel« — »Ja, DIE sind inzwischen da«), man redete sich auf gelegentlich abstürzende Computer raus und nahm die Reklamation erneut auf (»Ich versuche es als Eillieferung, aber es kann zehn bis vierzehn Tage dauern«). Ja, nee, klar, Eillieferung. Ich bin ja gestern erst auf diesem Planeten gelandet.
Zwei Wochen später hieß es dann auf meine Nachfrage, ich möge doch bitte noch eine Woche Geduld haben (und auf meine beiläufige Frage nach einer »Eillieferung«, dass sowas bei Reklamationen leider nicht möglich sei). Eine weitere Woche später erklärte man mir, ich möge mich doch nochmal melden, wenn in einer Woche immer noch nichts passiert sei. »Wozu? Damit Sie mir dann sagen können, dass ich bitte noch eine Woche Geduld haben soll?« Die Neckerfrau erläuterte, sie könne ja auch nichts anderes tun, als das nochmal ins System einzugeben, oder sie könne eine Neulieferung veranlassen, die würde dann aber auch drei bis vier Wochen brauchen. »Ich soll mich also entscheiden zwischen einem Regal in drei bis vier Wochen oder einem Oberboden, von dem keiner weiß, wann oder ob er überhaupt kommt, der aber eigentlich binnen zehn bis vierzehn Tagen eintreffen sollte, oder, wenn man’s mal genau nimmt, eigentlich schon vorletzte Woche?« Die Zusage, für mich beim Lieferanten per Fax herauszufinden, wann ich mit einer Lieferung rechnen kann, und mich mit dieser Information Anfang kommender Woche zurückzurufen, musste ich dann ihrer Vorgesetzten abringen.
Man mag sich fragen, warum ich mich nicht mit der ersten Antwort zufrieden gebe, warum ich mein Notebook wieder und wieder in Reparatur schicke, warum ich meine Probleme an Callcenterteamleiter und andere Vorgesetzte eskaliert haben will, warum ich auch mal ‘ne Stunde lang mit einem Callcenterhansel rumstreite, obwohl ich weiß, dass es vermutlich nichts bringen wird... das hat mit einer Lektion zu tun, die ich bei AOL gelernt hab: es gibt Firmen, die haben, ganz im Gegensatz zu ihren Lippenbekenntnissen, überhaupt kein Interesse daran, ihren Kunden guten Service oder gute Produkte zu bieten. Sowas ist Geldverschwendung. Andererseits sind auch allzu schlechte Produkte und Dienstleistungen Geldverschwendung, weil dadurch Folgekosten entstehen (z.B. Reparaturen in der Gewährleistungszeit, hohe Kosten für’s Callcenter, schlechte Mundpropaganda und, wenn man’s nicht durch geeignete Maßnahmen abwenden kann, schlechte Presse). Ideal sind mittelmäßige Produkte, die für die meisten Kunden einigermaßen funktionieren, den Rest regelt das Marketing.
Wenn man als Kunde erst mal auf’s Marketing reingefallen ist und auf einem minderwertigen Produkt sitzt, hat man eigentlich nur noch einen Hebel, an dem man ziehen kann: man kann die Folgekosten des schlechten Produkts noch weiter in die Höhe treiben und hoffen, dass das langfristig dazu beiträgt, dass Waren und Dienstleistungen weniger mittelmäßig werden.
Nachtrag, 30. Oktober 2007: Passend dazu: The Ultimate Consumerist Guide To Fighting Back (Revised Edition)
Noch ein Beispiel für meine Serie gefällig?
Ich hab der besten Lebensgefährtin von Mitte letzter Woche bei einem gewerblichen Anbieter auf dem Amazon Marketplace ein Headset für WoW bestellt. Am Donnerstag kam es an... in einer total verdreckten und aufgerissenen Luftpolsterverpackung... und in Einzelteilen. Dabei hatten wir gar keinen Bausatz bestellt. Das führte zu folgendem Dialog zwischen mir und dem Lieferanten.
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