Du erinnerst Dich, dass Musik, die als »alternativ« bezeichnet wird, tatsächlich mal alternativ war. Wenn Du im Autoradio endlich einen Sender mit vernünftiger Musik erwischst, wird der Song vor dem Solo ausgeblendet und Du hörst das Jingle eines Oldie-Senders. Du kannst jedes Lied von »The Wall« mitsingen. Bei Deinem ersten Kuss lief
Supertramp.
Dein Plattenspieler war dein Heiligtum. Alle Rockbands in deiner Nachbarschaft hatten Songs von von
AC/DC im Repertoire und imitierten noch
Bon Scott. In der
Bravo gab es noch übersichtliche Hitcharts und einmal die Woche wurde zwischen den Fans in der Schule gefiebert ob die
Sweet,
David Cassidy, oder
Suzi Quatro (eine der ersten Rockerinnen, die in schwarzem Leder auf der Bühne wild rumsprang) Nummer eins der Charts waren. Die ersten Techno-Songs: »
Popcorn« und »
Wir sind die Roboter«.
Die Musik wurde noch richtig mit Herz und Seele gemacht — einfach für die Ewigkeit — und nicht wie die heutigen Charts aus der Konserve!
Mix-Tapes waren personalisierte Geschenke, wenn der Mixer in Betracht zog, was dem Empfänger gefallen könnte. Mix-Tapes waren Aufnahmeprüfungen oder Assimilierungsversuche, wenn der Mixer auswählte, was dem Empfänger zu gefallen hatte, um dazu zu gehören. »Hier, hör Dir das mal an...« — wenn Du es gut findest, darfst Du bei uns mitspielen. Mix-Tapes waren Botschaften — und wenn das Band von vorne bis hinten mit Lovesongs gefüllt war, wusste die Empfängerin, was die Uhr geschlagen hatte.
Vier Worte: Schultanz zu »
Daddy Cool«!
Kurz nach »
Rapper’s Delight« bist du in ein Hochzeitsmoden-Geschäft, weil das der einzige Platz war, wo du die weißen Handschuhe bekommen hast um mit Mr. Robot oder der
Rock Steady Crew einen zu breaken. Du wunderst Dich, was aus dem guten Geschmack junger Leute geworden ist, kannst angesichts der heutigen Charts die Welt nicht mehr verstehen und sehnst Dich nach Bands wie
Tears for Fears,
Queen,
INXS oder
Simple Minds und Interpreten wie
Billy Idol oder
David Bowie. Du fandest es überhaupt nicht befremdlich, dass spindeldürre Rocker mit Makeup, Lippenstift und gigantischen Mähnen über die Bühne hüpften.
Wenn Du ein Early Adopter warst, kostete dein erster CD-Player einen vierstelligen Betrag und deine ersten CDs waren von Bands, die du eigentlich gar nicht so toll fandest, aber der Sound war doch so toll. Du musstest warten, bis CDs gepresst wurden, die dich wirklich interessierten.
Du kennst
KISS noch aus der Zeit vor »I Was Made For Loving You« und bist nicht der Meinung, dass es sich bei der Truppe angemalter älterer Herren um eine neue Band handelt. Wenn Du Fan warst, hast Du unter den Klassenkameraden gelitten, die aus dem Stegreif »KISS ist Schiss, Schiss ist Dreck und Dreck muss weg« herunterbeten konnten... Nebenbei weißt Du auch noch, dass das Original-Logo der Gruppe für kontroverse Diskussionen sorgte und die beiden »S« noch nicht aussahen wie umgedrehte »Z«. Du hast das Gerücht gehört, dass
Gene Simmons seine Zunge chirurgisch verlängern ließ und warst nicht sicher, ob Du es glauben solltest.
Du hast dir »
Urmel aus dem Eis«, »
Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt« und »
Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer« von der
Augsburger Puppenkiste angesehen. Du kennst
Plumpaquatsch und Maxifant & Minifant und hast keine Folge »
Emm wie Meikel« mit Meikel Katzengreis verpasst.
Klaus Havenstein (
IMDB,
Wikipedia) sprach
Nick Knatterton, den genialen Detektiv mit grünkarierter Mütze, Pfeife und spitzem Kinn. Richtig?
Dir kam nichts komisch daran vor, dass
Ernie und Bert eine Wohnung teilen. Wieso bitte ist Elmo auf deutsch Elma? Soll Grobie nicht auch ‘nen männlichen Freund haben dürfen? Bibo war auch immer dabei.
»
Sie sind der Meinung das war... SPITZE!« und »
Töööööölke!«
Samstag war Badetag und danach gab’s
Bonanza,
Raumschiff Enterprise,
Rauchende Colts oder
Daktari. Das Playmobil-Piratenschiff kam mit in die Wanne. Andere badeten freitags und guckten anschließend »
Pat & Patachon«, »
Dick und Doof« oder die von
Hanns Dieter Hüsch nacherzählten »
Väter der Klamotte« und »
Western von gestern« in einem Fernseher aus Holz. Und obwohl’s schon Farbfernsehen gab, war das meiste trotzdem noch schwarz-weiß.
Du kennst noch den Elektriktrick von
Catweazle und den sprechenden Knochen.
Herr Rossi suchte das Glück. Die
Maus erlebte Abenteuer auf dem Mars, der Gockel Konstantin krähte in
Uhlenbusch, in der
Rappelkiste mit Ratz und Rübe hieß es »Achtung, jetzt kommt ein Karton!«
Zu Weihnachten gab’s
Silas und
Timm Thaler, den Jungen, der sein Lachen verkaufte.
Nicht zu vergessen: der
Gurkenkönig,
Barbapapa (und natürlich Barbamama, Barbabella, Barbaletta, Barbarix, Barbawum, Barbabeau, Barbakus und Barbalala).
Das feuerrote Spielmobil...
Wir Kinder aus Bullerbü...
Calimero...
Doctor Snuggles...
Der
Road Runner wurde jede Woche von Karl Coyote gejagt — miep-miep! Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich
schon so spät?
Dein Einstieg in die Welt des Anime waren Serien wie
Die Biene Maja und
Kimba, der weiße Löwe.
Wickie hatte immer die rettende Idee. Captain Future und Professor Simon Wright, das »lebende Gehirn«, behielten immer die Übersicht, während Otto und Grag sich stritten. Joan Landor war Deine erste große Liebe.
Mutti, Mutti, er hat überhaupt nicht gebohrt! Mutti, Mutti, bringst Du mir
Medi & Zini aus der Apotheke mit?
Kennst du noch den »
Rücksturz zur Erde«? Commander McLain und seine Besatzung? Tamara Jagelowsk als erster Offizier und General van Dyke von der Hydra. Die wohl ersten GOA-Fraggles und ihre Partys auf dem Stützpunkt? Die bösen Aliens waren Frogs.
Du erinnerst dich an düstere englische Fernsehserien in komischen Farben wie
Die Onedin-Linie,
Das Haus am Eaton Place und
Der Doktor und das liebe Vieh.
Du konntest den Fernsehrebellen
Thomas Gottschalk noch ertragen, als er im Dritten bei »Telespiele« ein Telefon-gesteuertes »Pong« moderierte.
Man fieberte den Dienstag herbei, weil die nächste
Dallas-Folge das Rätsel bestimmt lösen würde: Wer schoß auf J.R.? Wo ist Jocks Leiche? Später lief dann Mittwochs
Der Denver-Clan im Zweiten.
»
Licht aus, Spot an!«
Dein erster Fernseher hatte sieben Programmtasten, von denen nur drei belegt waren, und der erste Videorekorder in Deiner Familie hatte eine Kabelfernbedienung. Der Videorecorder kostete Tausende DM, war riesig und kaum zu heben, der Schacht für die Kassette fuhr aus der Oberseite raus und obwohl seine Technik viel besser war als VHS gab es schon zwei Jahre später keine Kassetten mehr dafür. Aber dafür gab’s dann VHS-Raubkopien gegen Bares in den Hinterzimmern einschlägiger Kneipen.
Der Eiserne, Vision, die Fackel, das Ding und andere Bewohner des Marvel-Universums sind Helden Deiner Kindheit.
Du kennst noch
Äffle und Pferdle, die Mainzelmännchen des Werbefernsehens des Südwestfunks. Im Saarländischen Rundfunk gab’s zwischen den Werbespots nur billige Kaleidoskopeffekte.
Wenn Du »Aufgepasst auf mein
Plopp, denn Plopp heißt Stopp! Ob Du Recht hast, oder nicht, sagt Dir gleich das Licht!« hörst, denkst Du an
Michael Schanze.
König Rollo und im Anschluß
Peter Lustig am Sonntag waren legendär. »MAZ ab!« —
Spass am Montag zog auf den Dienstag um, aber Zini,
der gelbe Leuchtpunkt das Wuslon, war immer dabei.
Michael Jackson war noch schwarz.
ABBA findest du irgendwie auch heute noch toll, auch wenn dich die anderen auslachen (und es selber zu Hause heimlich hören) und ertappst dich dabei, wie du sagst: ja, die konnten damals noch singen.
Die ZDF-Matinee, Sonntag vormittags um 10:30, war ein Programmkino für Arme. Hier konnte man alte Klassiker, aber auch die Avantgarde des modernen Kinos kennenlernen.
Dir ist noch
Neil Diamond mit »Forever in Bluejeans« in Erinnerung, was die Mädels reihenweise zum Schmelzen brachte.
Du kennst noch das Minikino nach dem Sandmann mit »Arthur, der Engel«, »Heißer Draht ins Jenseits« etc.
Am Samstagnachmittag hast Du »Professor Flimmrich« geguckt, und danach zum ZDF zur
Muppet Show umgeschaltet. Und danach kam dann diese gähn-langweilige Puppenserie mit Märchen aus 1001 Nacht. Und der Sonntagmachmittag gehörte um 16 Uhr natürlich Meister Nadelöhr.
Professor Grzimek hatte in seiner Sendung »Ein Platz für Tiere« immer ein possierliches Zoo-Tier dabei und »
Serengeti darf nicht sterben« von 1959 war immer noch DER Tierfilm und lief regelmäßig.
Du kennst noch Kassettenrecorder im Holzgehäuse, mit verchromten runden Knöpfen. Deinen »Stern« hast Du zur Jugendweihe geschenkt bekommen. Dafür mussten Deine Lieben immerhin 1.200 M in der »HO Rundfunk und Fernsehen« hinblättern.
Auf Hessen 3 gab’s noch »Onkel Otto«. Du hast dich über die Schwachköpfe gewundert, die zwar den Toaster und das Waffeleisen behalten hatten, aber das Fragezeichen nicht vom
laufenden Band nahmen. Du hast Panini-Fußballbilder gesammelt und die Single »Buenos Dias Argentinia« gekauft.
Wenn
BJH bei »Hymn« laut YEAHHHH! riefen, lief Dir ein Schauer den Rücken runter.
Die BILD-Zeitung kostete 25 Pfennige und war größer und lustiger. Damals hat man allerdings noch geglaubt, was darin stand (Du hast dann später auch Walraff gelesen, aber irgendwie war’s egal). »Mann zu Hackfleisch verarbeitet! BILD war dabei und sprach mit der Frikadelle!«
Du kennst die Sendung »Zugeschaut und mitgebaut« (ZDF) mit so nem Opa, der im Keller schweigend unnützes Zeug gebastelt hat, das Du nie nachbauen konntest. Dazu spielte jemand fürchterliche Untermalung auf der Farfisa-Orgel.
Bud Spencer-Filme im Kino waren Pflicht.
Wer war nicht neidisch auf Kasi aus »Hallo Spencer«, weil er so ein schönes Baumhaus mit einem noch tolleren Fahrstuhl bewohnte?
Die Landung der Galaktika war spektakulärer als die Mondlandung...
Wer hat nicht wie fast alle morgens vor dem Fernseher gesessen und auf die Sesamstraße gewartet — vielleicht sogar noch mit Bob und Mr. Huber? Dieses einladende Bild auf der rechten Seite von Ernie und Bert, links die Uhr und nach jeder Minute gabs diesen Ton: »Düm, Düm Düüüm«. Spannung pur. (Im WDR-Fernsehen war es eher ein Diii Dooo Dööö, und das Bild war der Schriftzug »Westdeutsches Fernsehen«. Zwischen den Wörtern war so eine Art stilisierte Bleistiftspitze aus drei spitzen Dreiecken.)
Hey, Leute es sind Ferien! Alle machen Blau, von Flensburg bis nach Oberammergau ... und mit viel Tamtam und Information steigt wieder unser Ferienprogramm!
Du kennst noch Percy Stewart (»Percy Stewart das ist unser Mann, ein Mann... ein Mann... ein Mann der alles kann«) und Graf Yoster.
Freitag nachmittags im ZDF: Der Schüler-Express! (Der hieß doch so, richtig?)
»Welches Schweinderl hätten’s gern?« — »Das mit der Brille!«
Du kennst noch Klementine, die für das Waschmittel Ariel warb und »La Linea«, dieses mit weißem Stift gezeichnete Knollennasenmännchen, das in wütendes Gezetere ausbrach, wenn die Linie nicht weiterging.
In Amerika war alles anders. Angeblich konnte man dort schon morgens fernsehen und die Sendungen wurden alle paar Minuten für Reklame unterbrochen. Unglaublich!
Wenn ein Fernseher von heute merkt, dass er kein Signal empfängt, macht er ein einfarbiges, meist blaues »Default«-Bild. Fernseher von gestern waren nicht so schlau. Wenn sie kein verwertbares Signal empfingen, zeigten sie statisches Rauschen an: es herrscht Krieg zwischen den weißen und schwarzen Ameisen. Wenn man wach wurde und die Ameisen kämpfen sah, wusste man, dass es Schlafenszeit war. Man hatte schon die Nachtgedanken und die Nationalhymne verpasst, selbst das Testbild war abgeschaltet.
Und dann gab’s plötzlich einen vierten Fernsehsender: RTL! Und schon bald wurde
Hans Meiser vom
Nachrichtensprecher Anchor Man zum Talkmaster befördert, er bekam Verstärkung durch
Ilona Christen und zusammen mit
Michael Knight und K.I.T.T. begannen sie den Kampf für Gerechtigkeit.
Der erste deutsche Musiksender »musicbox« wurde zu
Tele 5, es liefen »Masters of the Universe«, »Saber Rider« und die
World Wrestling Federation, in der
manche Schauspielerkarriere und
mehr begann.
[Die älteste Fassung dieser Seiten, die ich noch habe, stammt aus dem Juli 2000. Die Arbeit daran begann aber mit Sicherheit schon im letzten Jahrtausend. Über viele Jahre hinweg waren
diese Listen Wikiseiten und wurden von vorbeisurfenden Altersgenossen erweitert.]
Und es soll auch Gimmicks geben, die länger als zum nächsten Heft gehalten haben. Gut, in der bemalten Mülltüte namens »Spezialzelt« hat man einmal draußen gepennt danach wars kaputt. Aber es kam ja später mal wieder. Auch Urzeitkrebse hielten meist noch kürzer als jedes Wahlversprechen, aber beim nächsten Mal hat man sie wieder gezüchtet. Und meine Agenten-Brieftasche aus einem Heft um 1980 rum habe ich HEUTE NOCH (Beweisbild kann ich liefern *g*) Und, und, und...
Walt Disneys LUSTIGE TASCHENBÜCHER waren halb bunt, halb schwarz-weiß. Wahre Fans wie ich, der noch über 250 Bücher hat, schwört allerdings auch nur auf diese, denn dort gab es neben den Hauptgeschichten immer ein roten Faden, der sich durchs ganze Buch zog und - unterbrochen von eben diesen Hauptgeschichten - in sich eine eigene kleine Kurzgeschichte war. Gibts heute nicht mehr und so toll sind sie auch nicht mehr.
Hattest Du HEIDI erwähnt? Die kleine Nuss aus der Schweiz, die von ihrem Großvater brutalst nach Frankfurt verschleppt wurde, wo sie doch nur in den schönen Bergen glücklich war? Ich meine, schon damals hätte diese Sendung zensiert werden müssen, denn hallo? Wo wäre man denn lieber, auf einer sonnenüberfluteten Alm mit immer gesunder Luft und Selbstversorger oder Frankfurt. Tat die nur mir leid?
Aber sonst habe ich deinen Text gerne gelesen und finde soviele schöne Sachen, die einem erst wieder einfallen. War schon eine schöne Zeit damals. Manches sogar viel unkomplizierter aber man fragt sich heute, wie man ohne Internet, Handys, multiple Orgasmen oder Night-Quizze überhaupt leben konnte...