Dass jemand bei einer Telefonsex- oder Horoskophotline anruft, um sich auf die ein oder andere Weise ein paar warme Worte anzuhören, kann ich ja noch irgendwie nachvollziehen — man kauft eine Dienstleistung, nämlich einen persönlichen Kontakt, auch wenn da natürlich Täuschung (und bewusste Selbsttäuschung) im Spiel ist, aber vielleicht ist ja auch gerade das die Dienstleistung.
Warum sich aber Telefonmehrwertdienstebetreiber zusammen mit TV-Produktionsfirmen unkontrolliert die Taschen mit Hilfe von sogenannten »Gewinnspielen« vollstopfen dürfen, während anderswo »Glücksspiele« bis auf die Drehrichtung des Kessels beim Roulette in staatlich kontrollierten Spielbanken geregelt sind, will sich mir nicht erschließen.
Was unterscheidet das Gewinnspiel vom Glücksspiel?
Glücksspiele sind Spiele, die einen nicht unerheblichen finanziellen Einsatz des Spielers erfordern, der dem Veranstalter zufließt, und deren Ausgang im Wesentlichen vom Zufall abhängt, und nicht vom Geschick oder den Entscheidungen der Spieler.
Wenn bei TV Total gefragt wird, ob Gerhard Schröder a) der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland oder b) der Kaiser von China ist, hängt meine Gewinnchance dann »im Wesentlichen« davon ab, dass ich die richtige Nummer wähle? Selbst wenn wir davon ausgehen können, dass praktisch jeder andere Mitspieler des »Gewinnspiels« über das gleiche »Fachwissen« verfügt? Natürlich mag es — vielleicht insbesondere unter den TV Total-Zuschauern — zahlreiche Menschen geben, die nicht wissen, ob Schröder Bundeskanzler oder Bundespräsident ist - aber wieviele davon würden ihn für den Kaiser von China halten?
Oder hängt meine Gewinnchance »im Wesentlichen« viel mehr davon ab, nach welchem verdeckten, möglicherweise pseudozufälligen, vielleicht aber auch manipulierten Verfahren von der Redaktion unter den Tausenden von Anrufern der Gewinner ermittelt wird?
Nehmen wir an, von den bis zu 6 Millionen Zuschauern eines TV Total-Events ruft jeder Zehnte an, das sind 600.000 generierte Calls à 49 Cent: davon würden mindestens €150.000 an den Veranstalter, die Produktionsgesellschaft fließen, der Rest an die beteiligten Telefonanbieter. Wieviel davon wird an die Mitspieler ausgespielt?
Ist ein Einsatz von 49 Eurocent bei dieser Gewinnchance und Ausspielquote »erheblich« oder nicht? (Spielautomaten, wie sie in Kneipen hängen, laufen mit kleineren Beträgen und unterliegen sehr wohl staatlicher Kontrolle.)
Ich hab mir mal ein bisschen 9live zugemutet (ein »Spartensender für Transaktionsfernsehen«), man muss sich bei sowas ja fragen, wie das Geschäftsmodell funktioniert — meine Arbeitshypothese lautet, dass es bei 9live zwei Arten von »Gewinnspielen« gibt: die einen haben eine eindeutige Aufgabenstellung mit einer eindeutigen Lösung, bei diesen Rätseln wird einfach lange Zeit (gerne mal stundenlang) keiner ins Studio durchgestellt, während Tausende von Zuschauern ihre 49 Cent abliefern und dann abgeworfen werden, damit sie es nochmal versuchen können; die anderen »Spiele« haben so unscharfe Aufgabenstellungen, dass es jeweils eine ganze Liste von möglichen Ergebnissen gibt, die man ja ruhig alle als falsch bezeichnen kann, solange eins noch nicht genannt wurde. Und mangels jeder Kontrolle kann niemand wissen, ob der Gewinner des Riesenjackpots tatsächlich echt ist — oder nur ein Amateurschauspieler aus der 9live-Redaktion.
Nein, es zwingt mich keiner, sowas zu gucken oder gar da anzurufen. Aber mit dem gleichen Argument könnte man auch Pyramidensysteme oder die meisten Formen von Betrug legalisieren — da werden die Opfer ja i.d.R. auch nicht zur Teilnahme gezwungen.
Die Jungs und Mädels von 9live häufen damit jedenfalls massig schlechtes Karma auf, und die Produktionsgesellschaften, die ihrem Beispiel folgen und sich ein Zubrot mit dubiosen Gewinnspielen und Votings verdienen, sind der dunklen Seite der Macht bereits verfallen.
Das Konzept von 9live muss jedenfalls aufgehen: ProSiebenSat.1 übernimmt 9live. Ich bin gespannt, welche Auswirkungen die durch diese Akquisition entstehenden »Synergieeffekte« auf die »Premium-Unterhaltung« bei Pro7 und Sat.1 haben.
Nachtrag, 3. Juni 2005: Es ist vollbracht, 9live ist jetzt eine 100%ige Tochter der ProSiebenSat.1 Media AG. Premiumsynergie, ick hör dir laut trapsen.
Nachtrag, 12. Mai 2006: Die FTD schreibt:
So verbuchte die Sparte Transaktionsfernsehen mit dem übernommenen Quizsender 9Live, der erst seit Mitte 2005 konsolidiert wird, von Januar bis März einen Umsatz von 26,2 Mio. Euro und einen operativen Gewinn (Ebitda) von 8,8 Mio. Euro. 9Live verdient sein Geld über Anrufgebühren der Spielteilnehmer.
26 Millionen in 3 Monaten sind 200 Euro jede Minute, Tag und Nacht.
Nachtrag, 18. November 2008: Die Gesetzeslage ändert sich.




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Aufgenommen: Mär 10, 19:49